Team Visma | Lease a Bike kam zum Medientag im Januar mit einem Thema, das noch immer nachwirkte: der plötzliche Rücktritt von
Simon Yates. Teamchef
Richard Plugge machte dabei gleich zu Beginn klar, dass es hinter den Kulissen kein Drama gab – aber eine Entscheidung, die im Januar ein Loch reißt, das sportlich nicht mehr zu stopfen ist. Danach wurde aus der Personalie schnell eine Grundsatzdebatte: über Budgets, den Transfermarkt, Druck im Profisport und vor allem über ein Geschäftsmodell, das Plugge für gefährlich aus dem Takt hält.
Yates’ Anruf und das Ende
Auf die Frage, ob man überhaupt etwas tun könne, wenn ein Fahrer anruft und gehen will, bleibt Plugge unmissverständlich: „Wenn jemand sagt: ‚Ich will weg‘, ist das seine Entscheidung. Es ist, wie es ist, und wir müssen es akzeptieren.“ Natürlich sei das Timing bitter. „Natürlich wäre es besser gewesen, wenn er uns im September oder so angerufen hätte. Aber es war ein gutes Gespräch und eine klare Botschaft.“
Versuche, Yates umzustimmen, gab es laut Plugge nicht. „Wenn jemand anruft und sagt: ‚Ich will weg‘, hat er darüber nachgedacht. Und das hat er.“ Yates sei zudem jemand, der Entscheidungen gründlich abwägt: „Wir kennen ihn auch als jemanden, der vieles gründlich durchdenkt und dann mit seiner eigenen Idee kommt.“
Budgetdruck und Transfermarkt
Von dort führt Plugge die Diskussion direkt zum Wettbewerb um Fahrer – und zum Geld. Wenn andere Teams große Summen zahlen, sei das für Visma nicht egal. „Natürlich muss man versuchen, mitzuhalten. Ich sage immer, wir müssen im Schussfeld bleiben.“ Gleichzeitig grenzt er das Visma-Modell ab: „Aber ich glaube, wir sind in unserer Arbeitsweise gut genug, um auf andere Art mitzuhalten, denn wir sind kein Team, das sehr teure Fahrer von anderen Teams holt. Wir holen Fahrer, die noch nicht als große Stars gelten. Hoffentlich können sie zu großen Stars werden.“
Dass steigende Gehälter auch intern Druck machen, verschweigt er nicht. „Natürlich. Deshalb müssen wir mit einigen dieser Big-Budget-Teams Schritt halten.“ Für Plugge ist klar, was das in Zahlen bedeutet: „Platz fünf oder sechs im Budget-Ranking zu halten, ist Pflicht, idealerweise wollen wir Dritter oder Vierter sein. Aber ja, das ist viel Arbeit.“
Und wenn er sagt, man müsse „in Schlagdistanz“ bleiben – heißt das automatisch, das Budget muss steigen? Plugge antwortet ohne Umschweife: „Hundert Prozent. Für uns, und ich denke, für alle.“
Mehr Einnahmen, neues Modell
Wie soll das gehen? Plugge nennt mehrere Hebel: „Mehr Sponsoren. Ein besseres Geschäftsmodell für den Radsport. Mehr Merchandising-Verkäufe. Mehr sonstige Einnahmen.“ Selbst neue Geschäftsfelder deutet er an: „Und Food entwickelt sich jetzt als Geschäft.“ Man sei ständig im Austausch, „wie wir wachsen und das Budget erhöhen können, damit wir, wie gesagt, mindestens in Schlagdistanz zur Spitze bleiben. Wir müssen Schritt halten.“
Auch Visma selbst könnte künftig eine Rolle spielen – etwa, falls das Unternehmen an die Börse geht. Auf die Frage, ob man dann mehr Geld verlangen könne, sagt Plugge: „Das ist eine Diskussion.“
Druck, Burn-out und Rücktritte: „Es gibt viel Druck“
Beim Thema mentale Belastung bleibt Plugge differenziert. „Es gibt viel Druck.“ Er verweist auf
Jonas Vingegaard, der nahe am Ausbrennen gewesen sei: „Vielleicht Burn-out – wie Jonas uns auch sagte –, dass er fast an einem Punkt des Ausbrennens war.“ Ob das häufig sei, könne er nicht sicher sagen, aber: „Wir versuchen, ein Auge darauf zu haben.“
Er nennt konkrete Maßnahmen: „Wir waren, glaube ich, das erste Team, das Familien zu Höhencamps mitnimmt, sieben oder acht Wochen, und sie mit ins Höhencamp bringt.“ Gleichzeitig warnt er vor einfachen Schablonen: „Aber die von Ihnen genannten Namen sind völlig unterschiedliche Fälle.
Simon Yates wollte einfach aufhören. Und Fem ist ein anderer Fall als Tom Dumoulin.“ Sein Punkt: „Manche hören auf, weil sie dieses Leben nicht ewig führen können. Aber es gibt auch viele, die das können und es genießen. Wenn man es noch genießt, warum sollte man aufhören?“
Auch die Rolle der sozialen Medien streift er – als Teil eines allgemeinen Druckphänomens: „Der Druck durch soziale Medien und die ständige Meinung aller ist ein allgemeines Phänomen. Aber für Radprofis ist es ebenfalls fordernder, ja.“
Schmerzmittel-Debatte
Deutlich wird Plugge bei der
MPCC-Forderung, es gebe ein Problem rund um Schmerzmittel und Aufklärung über Medikamente. Seine Antwort ist kurz und kategorisch. Auf die Frage, ob er zustimme: „Nein.“ Und als nachgehakt wird: „Sie stimmen der Aussage also nicht zu?“ – „Nein. Ganz und gar nicht.“
Neuaufstellung und „Refresh“
Plugge erklärt den personellen Umbau nicht als Krisenreaktion, sondern als bewusste Erneuerung. „Wie gesagt, wir wollten etwas ändern. Wir wollten das Team etwas auffrischen.“ Einige Abgänge seien unglücklich, aber nicht zu vermeiden gewesen: „Es war unglücklich, dass Olav und Tiesj das Team verlassen, sie hatten anderswo eine gute Chance, aber bei den anderen wollten wir verändern.“
Warum dieser „Refresh“? Plugge formuliert es strategisch: „Weil wir auffrischen und ein neues Level ins Team bringen mussten, damit wir die Zukunft bereits an Bord haben.“ Ein Ersatz auf Topniveau sei kurzfristig jedoch nicht zu holen: „Nein, im Moment nicht. … Es sind nicht viele Fahrer auf dem Markt, schon gar nicht auf dem Niveau, das man bräuchte.“ Deshalb gelte: „Also arbeiten wir mit dem, was wir haben, und das ist eine sehr gute Gruppe.“
„In den Niederlanden ist es nicht in Ordnung“
Ein ungewöhnlich offener Teil der Pressekonferenz betrifft den Nachwuchs in den Niederlanden. Plugge sagt, er hätte gern mehr Topniederländer im Team – aber der Markt gebe es nicht her. „Ich bin Niederländer und möchte natürlich bessere niederländische Fahrer im Radsport sehen, auch in unserem Team.“ Gleichzeitig sei es schwer, Fahrer wie Olav zu halten, wenn anderswo „eine große Chance“ winkt.
Seine Sorge sitzt tiefer: „Ich fokussiere auf die Niederlande, und in den Niederlanden ist es nicht in Ordnung.“ Er verweist auf eigene Initiativen: „Deshalb haben wir mit Rabobank und Ready to Race neu begonnen. Deswegen sind wir gestartet.“ Und er formuliert eine klare Erwartung an den Verband: „Der niederländische Verband hat eine große Aufgabe: die Basis zu stärken und junge Menschen, Mädchen wie Jungen, aufs Rad zu bringen.“ Besonders alarmierend findet er ein Signal aus der U23-Ebene: „Es ist ein schlechtes Signal, wenn man auf die U23-Ebene schaut und Teamfahrer hat, aber keine Niederländer. Das ist wirklich schwierig.“
Als Vergleich nennt er Norwegen: „Das Sportumfeld in Norwegen ist für 15- und 16-Jährige viel besser als in den Niederlanden.“ Dort sei Sport breiter aufgestellt, Wechsel zwischen Disziplinen leichter: „Ihr Sportumfeld ist einfach besser.“
Geschäftsmodell unter Druck
Der Kern von Plugges Auftritt bleibt jedoch die wirtschaftliche Perspektive auf den Profiradsport. Er sagt, die Debatte müsse nicht nur Teams betreffen, sondern auch Veranstalter und die UCI. „Meiner Meinung nach betrifft es nicht nur die Teams. Es betrifft auch die Organisatoren. Und die UCI sollte sich damit beschäftigen.“ Sein Vorschlag: „Es liegt an der UCI, das Geschäftsmodell zu verändern, vielleicht nach Vorbildern wie der Formel 1.“
Dass diese Diskussion seit Jahren läuft, ist ihm bewusst. Dennoch sieht er einen entscheidenden Unterschied: die Dringlichkeit. „Ich halte das für eine schlechte Entwicklung“, sagt er über sinkende Sichtbarkeit und weniger Rennen. Die zentrale Frage sei: „Wie machen wir es attraktiver?“ Und er formuliert sein Ziel in einem Satz: „Man muss sicherstellen, dass Radsport eine der fünf wichtigsten Sportarten der Welt bleibt.“
Warum? „Im Moment verlieren wir Aufmerksamkeit an andere Sportarten.“ Und Plugge kritisiert, wo Energie verpufft: „Wir kämpfen innerhalb des Radsports gegeneinander, während wir mit dem Fußball und anderen Sportarten konkurrieren sollten.“
Warum es diesmal funktionieren soll: „Weil der Radsport in einer Abwärtsspirale steckt“
Zum Schluss wird Plugge grundsätzlich. Wenn neue Reforminitiativen mit neuen Geldgebern kommen – warum sollten sie gelingen, wenn so viele vorherige Pläne scheiterten? Plugge antwortet mit seinem stärksten Satz des Tages: „Weil der Radsport in einer Abwärtsspirale steckt.“ Und er legt nach: „Ob es einem gefällt oder nicht, die Dringlichkeit wächst jeden Tag. Nicht nur Teams, auch Organisatoren geraten in Schwierigkeiten.“
Sehen das alle so? „Immer mehr Menschen sehen sie.“ Für Plugge ist damit klar: Reformen sind nicht mehr Kür, sondern Überlebensfrage – und die Uhr tickt.