MEINUNG | Die 5 besten Transfers des Radsport-Winters

Radsport
Montag, 12 Januar 2026 um 11:00
Remco Evenepoel
Ich habe immer geglaubt, dass Transferperioden mehr über die Zukunft des Radsports verraten als die meisten Renntage. Losgelöst von Ziellinien und Podien zeigen Teamwechsel den Ehrgeiz und das langfristige Denken jeder Profimannschaft. Und die Offseason 2025/2026 wirkt besonders aufschlussreich. Etablierte Stars trafen kalkulierte Entscheidungen, aufstrebende Leader verließen ihre Komfortzone, und Teams zeigten, was ihnen wirklich wichtig ist.
Von Grand-Tour-Anwärtern auf der Suche nach Kontrolle bis zu Sprintern auf Identitätssuche: Diese fünf Wechsel stechen für mich heraus, weil sie nicht nur 2026 zählen werden, sondern die nächsten fünf bis sechs Saisons prägen könnten.

Remco Evenepoel

Okay, es überrascht nicht, wer meine erste Wahl in dieser Liste ist.
Remco Evenepoels Entscheidung, Soudal Quick-Step zu verlassen und zu Red Bull – Bora - hansgrohe zu wechseln, ragt als Blockbuster der Transferperiode 2025/2026 heraus. Das ist nicht nur eine Vertragsänderung: Es ist die strategische Neuaufstellung eines der komplettesten Fahrer seiner Generation, und jenes Fahrers, dem die meisten weiterhin die besten Chancen einräumen, Pogacar oder Vingegaard bei den Grand Tours herauszufordern. Nach Jahren des Palmarès-Aufbaus, von Weltmeisterschaften über Grand-Tour-Podien bis zu Eintageserfolgen, wählt Remco ein Umfeld, in dem er nicht nur der Star ist, sondern um das nun ein Team gezielt aufgebaut werden kann.
So sehr dies der Königstransfer des Jahres ist, so wenig überrascht er. Bei allem Erfolg, den Evenepoel bei Quick-Step hatte: Das Team verfügte nie über das Budget oder die Ressourcen, um wirklich eine grandtourtaugliche Mannschaft um ihn zu formen. Mehrfach war Evenepoel in Schlüsselmomenten isoliert. 2026 ist das deutlich weniger wahrscheinlich.
Am meisten interessiert mich, wie Evenepoel seine Karriere an einem kritischen Punkt neu definiert. Er wählt ein Setup, das geteilte Führungsrollen statt Alleinherrschaft zulässt. An der Seite von Florian Lipowitz und im aufstrebenden Red-Bull-Projekt wechselt Remco vom alleinigen Flaggschiff zu einer Figur innerhalb eines Kollektivs mit komplementären Stärken. Das entspricht Erfolgsmodellen anderer Topteams – angewendet auf einen Fahrer, dessen rohes Talent kaum jemand erreicht.
Dennoch wird er um den klaren Leaderstatus kämpfen müssen, nicht zuletzt wegen des aufkommenden Stars Lipowitz und natürlich des fünffachen Grand-Tour-Siegers Primoz Roglic.
Die nächste Frage: Was visiert Evenepoel 2026 an? Ja, die Tour de France ist quasi gesetzt, aber wie steht es um den Giro – und um das lange erwartete Debüt bei der Ronde van Vlaanderen. Die strategische Tiefe bei BORA, gepaart mit seiner rohen Klasse, macht diesen Wechsel zu einem prägenden Moment in der aktuellen Radsportlandschaft.

Juan Ayuso

Juan Ayusos Wechsel von UAE Team Emirates-XRG zu Lidl-Trek ist mehr als nur ein Teamtausch, er markiert das Ende einer Beziehung zwischen Team und Fahrer, die lange zum Scheitern verurteilt schien. Ayuso, noch immer Anfang 20, hat bereits Glanzlichter gesetzt – mit Etappensiegen bei Grand Tours und Erfolgen in einwöchigen Rundfahrten. Doch seine Zeit bei UAE wirkte oft wie eine halb erzählte Geschichte, bei der enormes Talent durch Teamdynamiken und Rollenzwänge überlagert wurde.
Del Toro kletterte beim Giro 2025 in der UAE-Hackordnung vor Ayuso. @Sirotti
Del Toro kletterte beim Giro 2025 in der UAE-Hackordnung vor Ayuso. @Sirotti
Beim Giro wurde er vom jungen Isaac del Toro überflügelt, bei der Vuelta geriet er öffentlich mit seinem Team aneinander. Jetzt gehen beide Seiten getrennte Wege.
Bei Lidl-Trek findet Ayuso eine Struktur, die Unterstützung und Freiheiten ausbalancieren will. In seinen Worten bot ihm das Team echte Rückendeckung für seine Ambitionen statt einer Randrolle im Dienst fremder Pläne. Dieser Unterschied ist entscheidend. Entwicklung ist psychologisch wie physisch: Vertrauen, Gehör und die passenden Einsatzmomente können den Schritt vom Mitläufer zum echten Anwärter auslösen. Ayusos Wechsel hat dieses Potenzial.
Ich bin dennoch nicht überzeugt, ob Lidl-Trek das optimale Team für Ayuso ist, insbesondere wenn sein Fernziel Gelb heißt. Der Kader ist so stark, dass man bei der Tour de France 2025 Mads Pedersen zuhause ließ, um einen Sprintzug um Jonathan Milan zu bauen. Kann sich Ayuso bei Lidl-Trek wirklich als Kapitän etablieren?

Olav Kooij

Als Olav Kooij sich entschied, Visma | Lease a Bike zu verlassen und zu Decathlon CMA CGM zu wechseln, war klar, dass es um mehr geht als um Trikot und Farben. Jahrelang köchelte Kooijs Sprintertalent im Schatten der GC-Ambitionen innerhalb der Visma-Struktur, eines Teams, das eher auf Gesamtsiege als auf Massensprints ausgerichtet ist. Nun findet er endlich eine Mannschaft, die auf seine Stärken zugeschnitten scheint.
Spannend an diesem Transfer ist nicht nur der Neustart, sondern der erzählerische Reset. Eine Sprinterkarriere braucht Momentum, Führungsrollen und das Vertrauen, im Finale der Mann zu sein. Bei Decathlon CMA CGM kommt Kooij in einer Phase des Aufbruchs an, in der Sprint-Erfolg nicht den Kletterzielen untergeordnet, sondern aktiv angestrebt wird. Das Team peilt offen das Grüne Trikot bei der Tour de France an und gibt ihm die Bühne für Etappensiege und ein konstantes Punkteklassement.
Dieser Wechsel fühlt sich richtig an, weil es nicht nur darum geht, ein- oder zweimal als Erster die Linie zu überqueren, sondern die Identität eines Fahrers im Peloton neu zu schärfen. Die Karriere eines Profis wird durch Chancen gewebt, und Kooijs Möglichkeit, sein Tour-de-France-Debüt mit vollem Sprintfokus zu geben, ist ein Meilenstein, den viele große Sprinter nie bekommen.
Aus meiner Sicht markiert dieser Transfer den Moment, in dem Kooij vom talentierten Anfahrer zum vollwertigen Siegkandidaten reifte. Ich freue mich sehr, Kooij im Kreis der weltbesten Sprinter zu sehen.

Bruno Armirail

Auf den ersten Blick erzeugt Bruno Armirails Wechsel zu Visma Lease a Bike nicht die Schlagzeilen eines GC-Captains oder Top-Sprinters. Doch wer die Feinheiten des Profiradsports schätzt, erkennt hierin eine leise brillante Verpflichtung. Armirail bringt Erfahrungstiefe und Vielseitigkeit mit, die Teams oft erst am Renntag voll würdigen.
Der dreifache französische Zeitfahrmeister paart seinen Motor mit Ausreißerqualitäten und solidem Klettern – Eigenschaften, die ihn über verschiedene Terrains und Rennlagen wertvoll machen. Er ist ein Fahrer, der Etappen belebt, einen Kapitän in den Bergen stützt und das Rennen ordnet, wenn es chaotisch wird. Bei Visma schließt er eine strategische Lücke nach Abgängen, liefert taktische Cleverness und körperliche Substanz.
Bemerkenswert ist der praktische Effekt dieses Schrittes. Im Radsport stehen nicht nur jene im Rampenlicht, die auf dem Podium ganz oben landen. Oft sind es die Fahrer, die das Rennen härter machen, Fluchten tragen oder ein auseinanderfallendes Feld wieder zusammenschweißen. Armirail passt genau in dieses Profil: kein Solitär, sondern ein verlässlicher Akteur, der die kollektive Leistung spürbar hebt.
In einer Ära, die Rohbegabung oft über alles stellt, gefällt mir ein Transfer, der auf Wert und Substanz beruht. Armirail wird keine Schlagzeilen dominieren, aber in großen Rennen und auf kämpferischen Profilen, wo Taktikverstand auf Widerstandskraft trifft, wird sein Einfluss unübersehbar sein.

Cian Uijtdebroeks

Cian Uijtdebroeks’ Wechsel zum Movistar Team kam durchaus überraschend und erzählt die Geschichte eines Hoffnungsträgers, der eine Bühne wählt, auf der Anspruch und Chance zusammenpassen. Nach der Trennung von Team Visma | Lease a Bike, wo Führungsoptionen rar waren, kommt Uijtdebroeks zu Movistar, bereit, seinen Anspruch im Herzen der Grand Tours zu untermauern.
Auffällig ist die Zielstrebigkeit dahinter. Für junge Fahrer geht es nicht nur um Geld oder Glanz, sondern um Umfeld und den Weg zu potenziellem Ruhm. Movistar, mit langer Grand-Tour-Tradition, bietet Plattform und Kultur, die Uijtdebroeks’ Stärken als Kletterer und Etappenfahrer entsprechen. Das Team unterstreicht sein Vertrauen, indem es ihm Schlüsselrollen – inklusive bei der Tour de France – anvertraut, ein seltenes Votum für einen 22-Jährigen.
In einem Sport, in dem Fahrer bis Mitte 20 oft als Helfer hängenbleiben, wirkt dieser Schritt mutig. Uijtdebroeks wird nicht behütet, sondern trägt Verantwortung – ein Statement für sein Talent und das Vertrauen des Teams. Doch bleibt die Frage: Ist das nach seinen Verletzungsproblemen der letzten 18 Monate zu viel für den jungen Belgier?
Evenepoels Wechsel ist zu Recht die Schlagzeile und wird Debatten bis weit ins Jahr 2026 prägen. Spannend ist aber die Tiefe dahinter: Ayuso sucht Autonomie, Kooij formt eine klare Sprinteridentität, Armirail steht für Substanz statt Spektakel, und Uijtdebroeks setzt auf Verantwortung. Das Peloton ist im Umbruch. Genau das macht diese Transferperiode so reizvoll.
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