Wout van Aerts lang erwartete Rückkehr ins Renngeschehen sollte die Schlagzeilen neu ausrichten. Stattdessen bestätigte das Team wenige Stunden vor dem belgischen Eintagesrennen über soziale Medien: „Leider wird Christophe Laporte nicht am Start von Le Samyn stehen. Er fühlt sich nicht zu 100% fit.“
Es ist kein dramatischer Rückzug. Kein bestätigter Sturz, keine schwere Verletzung. Im Kontext von Vismas ersten zwei Monaten der Saison wirkt es jedoch beklemmend vertraut.
Eine weitere Unterbrechung an einem Schlüsseltag
Laportes Ausfall ist relevant. Der Franzose zählt zu den verlässlichsten Klassikerspezialisten des Teams, schützt Van Aert tief im Finale und kann selbst selektive Sprints stark beenden. Auf einem Pflasterkurs wie Le Samyn ist diese Tiefe kein Luxus. Sie ist Teil der Statik.
Stattdessen steht Visma leichter als geplant am Start – an einem Tag, der ohnehin von Erwartungen beschwert ist.
Schon Van Aerts Rückkehr hat Gewicht. Sein Winter wurde durch einen Knöchelbruch mit anschließender Operation aus der Bahn geworfen, danach zwang ihn eine Krankheit zum Verzicht auf das Opening Weekend. Le Samyn sollte den sauberen Neustart markieren. Nun kommt selbst dieser mit einem Vorbehalt.
Laportes kurzfristiges Fehlen fügt sich in ein Muster, das Vismas frühen 2026er-Kalender geprägt hat.
Jonas Vingegaards Aufbau wurde durch einen Trainingssturz in Spanien und anschließende Krankheit unterbrochen, was sein Saisondebüt verzögerte. Sepp Kuss musste die Tour of Oman krankheitsbedingt verlassen. Laporte selbst gab die Ruta del Sol nach einem Sturz auf. Matthew Brennan stürzte bei Omloop Het Nieuwsblad, setzte jedoch sofort eine Antwort bei Kuurne-Brussel-Kuurne.
Keines dieser Ereignisse definiert für sich allein eine Saison. Zusammen aber haben sie den Schwung in Schlüsselmomenten immer wieder gebrochen.
Christophe Laporte puts on the Yellow Jersey after winning stage 1 of the 2026 Vuelta a Andalucia
Für ein Team, dessen jüngste Dominanz auf präziser Planung und kollektiver Stärke fußte, ist das Timing besonders schmerzhaft. Leadern fehlen zusammenhängende Vorbereitungsblöcke. Helfer verpassen wichtige Renntage. Die taktische Kohärenz wird früher als erwartet auf die Probe gestellt.
Le Samyn sollte von Van Aerts Comeback handeln. Das tut es weiterhin. Doch erneut steht Visma an einem belgischen Pflasterstart nicht mit dem klaren Plan, sondern mit Anpassungen an die Umstände.
Für sich genommen ist Laportes Unwohlsein klein. Im Kontext von 2026 verstärkt es eine Erzählung, die einfach nicht weichen will.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.