Der Frauenradsport hat in den vergangenen Jahren einen rasanten Boom erlebt. Lange standen die Fahrerinnen im Schatten der Männer, die seit über einem Jahrhundert im Rampenlicht stehen. Doch das hat sich schnell verschoben – auch dank einer neuen Generation von Stars wie Demi Vollering, Lorena Wiebes und Lotte Kopecky, die sich harte Duelle mit langjährigen Leitfiguren des Sports wie Marianne Vos, Kasia Niewiadoma und
Elisa Longo Borghini liefern. Doch die Frage bleibt: Ging der „plötzliche Aufstieg“ nicht zu hastig, sodass unterwegs etwas auf der Strecke blieb?
In einem Interview mit
Cyclingnews äußert die italienische Meisterin Longo Borghini die Sorge, dass die Fundamente des Sports erodieren könnten – mit Folgen bis hin zu den größten Rennen, wodurch auch die WorldTour ins Wanken geriete. Oder wie sie es zugespitzt formuliert: „Ich habe Angst, dass die WorldTour irgendwann implodieren könnte – aber schauen wir mal.“
Dass es sich nicht um eine aus der Luft gegriffene Befürchtung handelt, belegen zahlreiche Beispiele. Auffällig ist vor allem, wie viele kleinere und mittelgroße Teams sowie Rennen unter dem finanziellen und strukturellen Druck verschwinden, der nötig ist, um mit dem Tempo der jüngsten Entwicklung im Frauenradsport mitzuhalten.
„Ich würde mir wünschen, dass die kleinen Teams nicht verschwinden, denn das ist unser Kernproblem“, sagt die Fahrerin von
UAE Team ADQ. „Die WorldTour wächst stark, aber die kleinen Teams brechen weg und verschwinden. Das bedeutet, dass unter den jungen Fahrerinnen nicht viele durchkommen können.“
Wichtige Schritte in der Entwicklung des Sports nicht vergessen
Das ist an sich kein unlösbares Problem. WWT-Teams und andere Stakeholder müssen wieder in die Basis investieren, um Entwicklungsstrukturen zu erhalten. Gemeint sind nicht nur die bekannten Development-Teams aus dem Männerpeloton, sondern auch die Organisation kleinerer Rennen. Auch die U23-Szene bleibt weiterhin teilweise unterbelichtet. Longo Borghini betont, dass nicht jede talentierte Fahrerin den Sprung von den Juniorinnen direkt in die WorldTour schafft.
„Vielleicht verliert man Talente, weil der Schritt von Juniorin zu Elite groß ist. Manche sind schon nach dem zweiten Juniorinnenjahr bereit für die Elite, andere liegen etwas zurück und brauchen ein paar Jahre zur Anpassung.“
„Bist du in einem kleinen Team und kannst einen soliden Rennkalender fahren, dann kannst du dich entwickeln. Andernfalls“, stellt sie klar, „geht viel Talent verloren.“
„Ich möchte nicht missverstanden werden, denn es ist großartig, dass mehr Teams in Frauenteams investieren, zum Beispiel AG Insurance oder Fenix. Viele Mannschaften haben starke Kader und setzen mehr Ressourcen im Frauenradsport ein. Das ist definitiv eine positive Entwicklung.“
Doch es gibt auch ein gleich großes Problem bei den Rennen. „Es ist exakt wie bei den kleinen Teams. Es verschwinden viele“, sagt Longo Borghini. Das erzeugt einen Teufelskreis aus weniger Startmöglichkeiten und dadurch weniger Sponsoren.
Elisa Longo Borghini erhält als Siegerin des Giro Donne 2025 besondere Aufmerksamkeit