Über weite Strecken des vergangenen Jahrzehnts baute
Team Visma | Lease a Bike seine Leistungsidentität auf ein polarisiertes Trainingsmodell. Lange, lockere Umfänge gepaart mit kurzen, extrem intensiven Reizen prägten den Aufstieg der niederländischen Mannschaft an die Spitze des Männer-Etappenradsports. Doch im Peloton wirkt dieses Bild inzwischen weniger festgezurrt.
Aus Sicht eines direkten Rivalen deutet UAE Team Emirates - XRGs
Florian Vermeersch an, dass Vismas langjährige Herangehensweise zu verschwimmen beginnt – mit mehr Fahrern, die vermehrt auf kontinuierliche Zone-2-Arbeit setzen statt auf eine strikt polarisierte Aufteilung.
Ein Wandel, geprägt vom modernen Rennsport
„Ich höre von vielen Visma-Fahrern, dass es eine Verschiebung gibt“,
sagt Vermeersch laut Zitaten, die Wieler Revue gesammelt hat, und verweist dabei auf Gespräche, nicht auf offizielle Teamkommunikation.
Seine Aussagen stehen in einem größeren Kontext des Wandels im Spitzensport. Die entscheidenden Momente in den größten Rennen entstehen immer häufiger nach Stunden anhaltenden Drucks – weniger aus kurzen, isolierten Spitzenleistungen. Laut Vermeersch beeinflusst diese Realität die Vorbereitung.
„Ich habe diesen Winter viel an Belastbarkeit gearbeitet, um meine Leistung auch nach starker Ermüdung steigern zu können. Was du nach vier Stunden harten Rennens noch treten kannst, ist heute das Wichtigste.“
Dieser Fokus auf Dauerhärte passt eher zur Philosophie, die seit Jahren mit
UAE Team Emirates - XRG verbunden wird, wo ausgedehntes Fahren in Zone 2 ein zentraler Baustein des Trainings ist.
Keine Absage an das alte Modell
Vermeersch vermeidet es, den Diskurs als Entweder-oder zu zeichnen. Er betont, dass Fahrer unterschiedlich auf Reize reagieren – und dass Vismas historisches VO2max-Gerüst auf höchstem Niveau Erfolge geliefert hat.
„Ich bin ein Fahrer, der hohe Umfänge und viel Ermüdung verträgt, deshalb funktioniert Zone-2-Training für mich gut. Aber ich würde nie behaupten, dass Vismas VO2max-Ansatz falsch ist.“
In diesem Sinne geht es bei der berichteten Verschiebung weniger um das Aufgeben der Polarisation, sondern um eine veränderte Gewichtung. Die Anforderungen des modernen Rennens, in dem das Tempo vom ersten Kilometer an hoch ist, lassen wenig Raum für Fahrer, die ihre besten Zahlen nur isoliert abrufen können.
„Heutzutage werden die großen Rennen vom Start weg so hart gefahren, dass es wichtig ist, am Ende des Tages möglichst viele Reserven zu haben“, erklärte Vermeersch und ergänzte, Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung sei längst ein gemeinsamer Fokus im WorldTour-Peloton, nicht mehr das Markenzeichen eines einzelnen Teams.
Keine Wunderlösung
Trotz der Aufmerksamkeit für Vismas internen Wandel relativierte Vermeersch auch die Vorstellung, Trainingsmethoden allein erklärten Leistungsunterschiede zwischen Teams. „Kein Team trainiert im Winterlager in Calpe in Zone 1. Alle drücken in Zone 2 oder sogar Zone 3.“
Für ihn sind die Unterschiede zwischen konkurrierenden Philosophien kleiner, als es von außen wirkt. Ausschlaggebend sei nicht eine einzelne Zone oder ein Modell, sondern die Qualität der Fahrer, die es umsetzen. „Ich behaupte nicht, dass Zone-2-Training ein Wundermittel ist. Unser größter Vorteil ist, dass wir die besten Fahrer der Welt haben.“
Ob Vismas gemeldete Kurskorrektur eine echte philosophische Wende oder eine natürliche Annäherung an die Anforderungen moderner Rennen darstellt, unterstreichen Vermeerschs Worte eine allgemeine Wahrheit. An der Spitze der WorldTour sind selbst die erfolgreichsten Formeln selten statisch.