Gehirnerschütterungen im Radsport: Ein Dilemma ohne einfache Lösung?

Radsport
Montag, 31 März 2025 um 19:00
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Jonas Vingegaard musste Paris-Nizza 2025 mit einer Gehirnerschütterung aufgeben. Doch der Däne verließ das Rennen nicht sofort nach seinem Sturz – im Gegenteil: Er beendete die Etappe als Erster. Diese Situation hat erneut die Diskussion über die mangelnde Durchsetzung des Gehirnerschütterungsprotokolls im Radsport entfacht. Doch sind die Teams in einem Sport, in dem jede Sekunde zählt, überhaupt bereit, wertvolle Minuten für eine Untersuchung zu opfern?

Der frühere Tour-de-France-Sieger Bjarne Riis sprach mit BT.dk über das Problem: „Im Radsport stürzen Fahrer immer wieder, und es bleibt einfach nicht genug Zeit für eine ordentliche Untersuchung“, erklärt der 60-Jährige. „Man kann leicht die Teams und Ärzte kritisieren und fragen: ‚Wie konntet ihr ihn weiterfahren lassen?‘ Aber wenn man sich wirklich die Zeit nimmt, eine gründliche Untersuchung durchzuführen, ist das Rennen schon weitergezogen. Das ist ein Dilemma, mit dem wir wohl leben müssen.“

Während andere Sportarten die Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen immer ernster nehmen, ist der Radsport in dieser Hinsicht noch zögerlich. Gerade bei Etappenrennen, in denen Sekunden über Sieg oder Niederlage entscheiden, fällt es Teams schwer, Fahrer minutenlang am Straßenrand untersuchen zu lassen.

Riis beschreibt das typische Szenario nach einem Sturz: „Als Sportdirektor fährt man instinktiv zum Fahrer, um ihn schnellstmöglich wieder aufs Rad zu bringen. Man schaut, ob er Schmerzen hat, ob er liegen bleibt. Dann checkt man das Rad – der Mechaniker weiß genau, was zu tun ist. Die Priorität ist, dass der Fahrer weiterfährt. Der Fahrer selbst denkt genauso: aufstehen, weitermachen.“

Doch genau hier liegt das Problem. Was passiert bei der Tour de France, wenn ein Fahrer wie Vingegaard stürzt und sich den Kopf stößt? Würde Visma - Lease a Bike dann wertvolle Minuten für eine Untersuchung opfern? Sollte das passieren? Medizinisch gesehen: ja, zu 100 %. Doch die Realität sieht oft anders aus.

„Man kann sich den Kopf stoßen, ohne eine ernsthafte Verletzung zu haben“, sagt Riis. „Ist das Grund genug, um auszusteigen, wenn man das Gelbe Trikot trägt oder auf einen Etappensieg hofft? Sollte man jedes Mal stoppen, wenn es Zweifel gibt? Puh, das ist hart.“

Solange der Radsport seine Kultur nicht ändert, bleibt die Theorie strengerer Gehirnerschütterungsprotokolle wohl weit von der Realität entfernt. Doch ist das Risiko es wirklich wert?

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