Sepp Kuss wird die Tour de France 2026 wohl nicht als seine glücklichste Ausgabe in Erinnerung behalten. Der Ausstieg von Kapitän Jonas Vingegaard, zwei Stürze in der Abfahrt vom Col de Sarenne und eine verpasste Etappenchance prägten seine Rundfahrt. Dennoch richtet der Amerikaner den Blick bereits nach vorne – auf seine mögliche dritte Grand Tour der Saison.
„Je mehr ich darüber nachdenke, desto größer sind die Zweifel“, sagte Kuss rückblickend auf die verhängnisvolle 20. Etappe nach Alpe d’Huez. Bereits am Vortag hatte er mit Rang vier am legendären Schlussanstieg nur knapp einen Etappensieg verpasst. Einen Tag später schüttelte er sogar Richard Carapaz ab, doch am Ende blieb ihm erneut der große Erfolg verwehrt. Ob Erschöpfung oder Nervosität – letztlich brachte sich Kuss durch eigene Fehler um den möglichen Triumph.
Kuss richtet den Blick auf das Positive
Trotz dieser Enttäuschung verliert sich der 31-Jährige nicht in Selbstvorwürfen. Stattdessen konzentriert er sich bewusst auf die positiven Eindrücke der vergangenen Wochen und darauf, was ihm der Radsport über den eigentlichen Erfolg hinaus bedeutet.
Sepp Kuss überzeugte bei der Tour de France 2026 mit konstant starken Leistungen in den Bergen und hofft nun auf einen Start bei der Vuelta a España.
„Die schönen Momente im Radsport, die Siege, sie sind ziemlich flüchtig, sie ziehen sehr schnell vorbei. Was mir am meisten bleibt, ist der Prozess der Vorbereitung auf diese großen Momente, die Emotionen in der Etappe, die guten Gefühle in der Etappe. Das muss ich mir am meisten bewahren, mehr als die Siege oder Beinahe-Siege.“
Insgesamt zieht Kuss deshalb ein positives Fazit der Tour de France 2026 – obwohl für ihn und
Visma - Lease a Bike vieles anders verlief als ursprünglich geplant. Möglicherweise trugen auch die zusätzlichen Freiheiten, die er nach dem Ausstieg von Jonas Vingegaard in der Schlusswoche erhielt, zu diesem Eindruck bei.
„Für mich war das eine der unterhaltsameren Tours. Manchmal ertappe ich mich dabei zu denken: ‚Ich mag die Tour de France nicht‘, weil sie so gnadenlos ist, so schnell, die Einsätze so hoch sind, dass es schwer ist, das zu genießen, wenn nur ein paar Prozent fehlen“, räumte Kuss ein. „Aber dieses Jahr fühlte ich mich wirklich gut, sehr solide, und ich hatte mehr Spaß.“
„Jede Etappe wird wahnsinnig schnell gefahren“
Mit seiner positiven Einschätzung meint Kuss allerdings keineswegs, dass die Tour einfacher geworden sei. Im Gegenteil: Für ihn war die Rundfahrt eine der härtesten überhaupt – allerdings weniger wegen des Streckenprofils als aufgrund des enormen Tempos im Peloton.
„Für mich war es eine der härtesten“, sagte der Amerikaner. „Der Parcours selbst war vielleicht nicht der anspruchsvollste, aber die Art, wie wir jede Etappe gefahren sind, machte es richtig schwer, auch mit der Hitze in der ersten Hälfte des Rennens. Das Niveau im Peloton ist inzwischen so hoch, alle wollen eine Etappe gewinnen, und so wird jede Etappe wahnsinnig schnell.“
Auch wenn das hohe Tempo jede Etappe zu einer enormen Herausforderung macht, empfindet Kuss genau das als Ansporn.
„Es ist immer hart, mit dem Tempo mitzuhalten, das mittlerweile alle fahren, aber es macht mir so viel Spaß, und ich glaube, das hilft mir, das Beste aus mir herauszuholen.“
Vuelta als nächstes Ziel?
Am Ende der Frankreich-Rundfahrt steht für Kuss Rang 13 in der Gesamtwertung – exakt dieselbe Platzierung, die er bereits beim Giro d'Italia erreicht hatte, dort allerdings inklusive eines Etappensieges. Obwohl der Amerikaner bei keiner der beiden Grand Tours auf das Gesamtklassement fuhr, unterstrich er erneut seine beeindruckende Konstanz über drei Wochen im Hochgebirge.
„Manchmal brauche ich ein großes Rennen in den Beinen, um mich am besten zu fühlen“, sagte Kuss.
Nun richtet sich der Blick auf die Vuelta a España. Dort könnte der 31-Jährige gemeinsam mit Teamkollege
Wout Van Aert an den Start gehen – diesmal ohne die Verpflichtung, für einen Anwärter auf den Gesamtsieg arbeiten zu müssen. Die Aussicht, wie bereits 2023 alle drei Grand Tours einer Saison zu bestreiten, reizt ihn jedenfalls.
„Ich hoffe es“, antwortete Kuss auf die Frage nach einem möglichen Vuelta-Start. Ob er tatsächlich nominiert wird, hängt jedoch nicht allein von seinem Wunsch ab. „Wir werden sehen, wie sich der Körper nach dieser Rundfahrt erholt, aber warum nicht?“