Analyse – Fünf Fahrer mit großen Podiumschancen bei der Tour de France 2026, die auf klassische Vorbereitungsrennen verzichten – darunter Lipowitz

Radsport
Dienstag, 09 Juni 2026 um 15:15
Collage_RemcoEvnepeoelMikelLandaJulianAlaphilippe
Die Tour de France 2026 startet in knapp einem Monat, und alle Fahrer mit hohen Zielen befinden sich in der spezifischen Vorbereitung. Einige nutzen die Tour Auvergne - Rhône-Alpes, andere die Tour de Suisse, wieder andere bestreiten kleinere Rennen. Manche hingegen fahren gar nicht – wir blicken auf einige dieser Namen.

Florian Lipowitz wählt Slowenien

In der Auvergne tummeln sich diese Woche zahlreiche Klassementfahrer beim achttägigen französischen Rennen, dem traditionellsten Vorbereitungsrennen auf die Tour. Die Mischung aus schweren Bergetappen, einem Mannschaftszeitfahren und Rennen auf französischen Straßen macht es zur logischsten Wahl. Paul Seixas, Isaac del Toro und Juan Ayuso sehen das genauso; Teams wie Netcompany INEOS und Team Visma | Lease a Bike haben nahezu ihren kompletten Tour-Block am Start.
Die Tour de Suisse wiederum sieht Tadej Pogacar auf der Jagd nach seinem ersten Gesamtsieg in einem anspruchsvollen, aber kürzeren Rennen. Sie passt mit einigen explosiven Etappen besonders den Klassikerspezialisten. Neben Pogacar nutzen auch klangvolle Namen wie Tom Pidcock, Mathieu van der Poel und Jasper Philipsen das Rennen zur gezielten Vorbereitung.
Andernorts gibt es weitere Optionen: Florian Lipowitz steuert zur Vorbereitung die Tour of Slovenia an; einige Sprinter wie Tim Merlier nutzen den Copenhagen Sprint oder die Baloise Belgium Tour, um in für sie günstigerem Terrain Rennhärte zu sammeln.
Wer von den Tour-Anwärtern fährt gar nicht?

Florian Lipowitz

Der auffälligste Name aus deutscher Sicht ist Florian Lipowitz. Während Remco Evenepoels Verzicht international für Schlagzeilen sorgt, dürfte vor allem Lipowitz’ Abwesenheit bei vielen deutschen Fans ins Auge fallen. Der Red-Bull-BORA-hansgrohe-Profi hat bei diesem Rennen in der Vergangenheit bereits überzeugt und gilt längst nicht mehr nur als Helfer, sondern als einer der spannendsten deutschen Rundfahrer.
2025 überzeugte Florian Lipowitz bei der Tour Auvergne - Rhône Alpes, dem früheren Critérium du Dauphiné, mit Platz drei in der Gesamtwertung und dem Sieg in der Nachwuchswertung. Besonders auffällig waren seine dritten Plätze auf der 6. Etappe nach Combloux und auf der 7. Etappe nach Valmeinier 1800.
Vor der Tour de France waren sowohl Evenepoel als auch Lipowitz ursprünglich für die Tour Auvergne - Rhône Alpes vorgesehen. Beide fehlen jedoch und setzen stattdessen auf eine spezifischere Vorbereitung. Bei Lipowitz ist das besonders bemerkenswert, weil das Rennen mit seinem bergigen Profil eigentlich gut zu seinen Stärken passt.
Weder Verletzung noch Krankheit sind der Auslöser, sondern der Wunsch, die Form für die Tour de France gezielter über Training aufzubauen. Die achttägige Auvergne würde mit dem Tapern davor und der anschließenden Erholung fast zwei Wochen aus dem Plan nehmen. Für einen Fahrer wie Lipowitz, der im Hochgebirge eine wichtige Rolle spielen soll, kann ein kontrollierter Trainingsblock wertvoller sein als zusätzliche Rennkilometer.
Gerade deshalb ist sein Fehlen für deutsche Fans so auffällig. Lipowitz hat in solchen Rennen bereits gezeigt, dass er sich in anspruchsvollem Terrain behaupten kann. Seine Entwicklung in den vergangenen Jahren macht ihn zu einem Fahrer, auf den viele vor der Tour besonders achten.
Statt sich in der Auvergne zu zeigen, dürfte Lipowitz seinen Fokus auf Höhenmeter, längere Kletterintervalle und die Feinabstimmung seiner Tour-Form legen. Bei der Tour de France zählt für ihn jedes Detail: Belastungssteuerung, Gewicht, Regeneration und die Fähigkeit, an langen Anstiegen konstant Leistung zu bringen.
Ein Start bei den nationalen Meisterschaften bleibt möglich. Sollte er dort ebenfalls fehlen, sehen wir Lipowitz wohl erst wieder kurz vor oder bei der Tour de France. Dann allerdings mit einem klaren Ziel: frisch, fokussiert und bereit für die bisher größte Aufgabe seiner Karriere.

Adam Yates

Adam Yates rutscht bislang durch alle Raster, obwohl sein Tour-Start nicht bestätigt ist. Nach Informationen von CyclingUpToDate ist das aber seit Dezember der Plan. Yates’ Saison verlief holprig: ein dichtes Programm bis Februar, dann eine ruhigere Phase im vollen März, und ein Aufschwung im April mit dem Sieg bei O Gran Camiño.
Glück im Unglück für seine eigenen Ambitionen: João Almeida musste den Giro d’Italia absagen und eröffnete Yates damit – vielleicht letztmals in seiner Karriere – die Chance, UAE bei einer Grand Tour als Kapitän auf Gesamtwertung zu führen. Ein Podium war realistisch, doch Yates stürzte auf einer Etappe, erlitt eine Gehirnerschütterung und eine tiefe Platzwunde hinter einem Ohr. Er stieg am nächsten Morgen aus.
Auch Marc Soler war für die Tour vorgesehen und stürzte zusammen mit Yates, seine Beckenfraktur wiegt jedoch schwerer. Für die Tour stehen bei UAE sieben Fahrer quasi fest: Tadej Pogacar, Isaac del Toro, Florian Vermeersch, Nils Politt, Tim Wellens, Brandon McNulty und Pavel Sivakov. Ein achter ist offen, doch da Yates ohnehin das Giro-Tour-Doppel anvisierte, könnte ein Yates ohne Giro-Müdigkeit noch frischer für die Grande Boucle sein.
Vor zwei Jahren gewann er vor der Tour die Tour de Suisse, im Vorjahr fuhr er Giro und Tour. Als Andorra-Resident kann er effektiv zu Hause in Höhe trainieren; es gibt keinen Hinweis, dass er mit dem Team in Sierra Nevada war, doch er bleibt sehr wahrscheinlich Teil des Pogacar-Zugs im Juli.
Das Giro d’Italia von Adam Yates endete mit einer Gehirnerschütterung
Adam Yates' Giro d'Italia ended with a concussion

Julian Alaphilippe

Julian Alaphilippe geht nicht mit der Vorbereitung in die Tour de France, die sich Tudor erhofft. Im Vorjahr zeigte er bei der Tour de Suisse einige der besten Kletterleistungen seiner gesamten Karriere.
Diesmal steht kein Rennen im Kalender. Grund ist eine Erkrankung, die seinen Frühling ausgebremst hat. Der Routinier zeigte keine auffälligen Auftritte, arbeitete jedoch auf die Ardennen hin.
Das Glück war nicht auf seiner Seite: Er beendete weder Amstel Gold Race noch La Flèche Wallonne und trat bei Lüttich–Bastogne–Lüttich gar nicht erst an. Seine Partnerin und Tour de France Femmes-Direktorin Marion Rousse sagte, der ehemalige Weltmeister müsse eine Pause einlegen und die Basis für den Rest der Saison neu aufbauen.
Seitdem hat er keine Rückennummer mehr angesteckt. Doch ein Instagram-Post vom Montag bestätigt: Er bereitet sich auf die Tour de France vor – mit klaren Zielen, unter anderem im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada wie viele andere um diese Jahreszeit.
Alaphilippe wird als Etappenjäger und Aushängeschild von Tudor antreten. Er ist jedoch ein Fahrer klassischer Schule, der seine Bestform oft über Renntage erreicht. Ob der beste „Loulou“ also schon bald auf Frankreichs Straßen zu sehen ist, bleibt offen.
Alaphilippes Ergebnisse in diesem Jahr bisher:
DatumErgebnisRennenDistanz
22.04. DNF  La Flèche Wallonne (1.UWT) 200
19.04. DNF  Amstel Gold Race (1.UWT) 257,2
06.04. › 11.04.  Baskenland-Rundfahrt (2.UWT)
11.04. DNS Etappe 6 - Goizper-Antzuola › Bergara 135,2
10.04. 129 Etappe 5 - Eibar › Eibar 176,2
09.04. 116 Etappe 4 - Galdakao › Galdakao 167,2
08.04. 87 Etappe 3 - Basauri › Basauri 152,8
07.04. 81 Etappe 2 - Pamplona-Iruña › Cuevas de Mendukilo 164,1
06.04. 34 Etappe 1 (EZF) - Bilbao › Bilbao 13,8
21.03. 41  Milano-Sanremo (1.UWT) 298
09.03. › 15.03.  Tirreno–Adriatico (2.UWT)
16 Bergwertung
30 Punktewertung
33 Gesamtwertung
15.03. 83 Etappe 7 - Civitanova Marche › San Benedetto del Tronto 142
14.03. 56 Etappe 6 - San Severino Marche › Camerino 188
13.03. 21 Etappe 5 - Marotta-Mondolfo › Mombaroccio 146k 184
12.03. 27 Etappe 4 - Tagliacozzo › Martinsicuro 213
11.03. 107 Etappe 3 - Cortona › Magliano de' Marsi 221
10.03. 23 Etappe 2 - Camaiore › San Gimignano 206
09.03. 30 Etappe 1 (EZF) - Lido di Camaiore › Lido di Camaiore 11,5
07.03. 20  Strade Bianche (1.UWT) 203
18.02. › 22.02.  Volta ao Algarve em Bicicleta (2.Pro)
7 Bergwertung
29 Punktewertung
22 Gesamtwertung
22.02. 28 Etappe 5 - Faro › Malhão (Loulé) 96k 148,4
21.02. 134 Etappe 4 - Albufeira › Lagos 175,1
20.02. 38 Etappe 3 (EZF) - Vilamoura › Vilamoura 19,5
19.02. 18 Etappe 2 - Portimão › Fóia (Monchique) 147,2
18.02. 124 Etappe 1 - Vila Real de Santo António › Tavira 183,5
Julian Alaphilippe bei der Baskenland-Rundfahrt 2026
Julian Alaphilippe at Itzulia Basque Country 2026

Mikel Landa

Mikel Landa startete in die Saison 2026 mit dem Ziel, alle drei Grand Tours zu fahren. Daraus wird nichts, denn bereits den Giro d’Italia verpasste er. Der Baske zog sich nach einem Sturz bei seinem Heimrennen im Baskenland eine Beckenfraktur zu und konnte beim Corsa Rosa nicht starten.
Tour und Vuelta bleiben im Programm, doch vom baskischen Kletterer fehlt jede Spur. Bei der Tour dürfte Soudal - Quick-Step vor allem Tim Merlier in den Massensprints unterstützen.
Darüber hinaus benötigt das Team keinen ausgeprägten Kletterblock und hat womöglich keine GK-Ambitionen. Valentin Paret-Peintre und Ilan van Wilder sind zwei starke Optionen fürs Terrain. In einem Achter-Kader ist jedoch Platz für einen weiteren Bergfahrer, und Landa ist zweifellos der prominenteste Name.
Aktuell ist über ihn jedoch nichts bekannt – kein Strava, keine jüngsten Social-Media-Aktivitäten. Das ist ein Stück „Landismo“: Der Routinier profitiert davon, im Schatten zu bleiben und sich dem Mediendruck zu entziehen, der ihn früher belastet hat.
Mikel Landa bei der Vuelta a España 2025
Mikel Landa at the 2025 Vuelta a España

Tiesj Benoot

Der letzte Name auf der Liste ist einer, der 2026 noch kein Rennen bestritten hat: Tiesj Benoot. In einem Jahr, in dem Paul Seixas den Sprung geschafft hat, scheint fast jeder andere Fahrer im Decathlon CMA CGM Team unter dem Radar zu laufen.
Das französische Team verpflichtete zwei Fahrer von Team Visma | Lease a Bike: Olav Kooij und Tiesj Benoot. Beide pausierten lange, bis Ersterer nun im Mai seine Saison eröffnete.
Benoot trainierte in der Höhe und bereitet sein Comeback mit klarem Fokus Tour de France vor. Nach einer Hernie konnte er bislang noch nicht für das französische Team starten, arbeitet jedoch an seiner Rückkehr.
Allerdings wurde der Belgier von der Startliste der Tour de Suisse 2026 gestrichen, jenes Rennen, bei dem er ins Peloton zurückkehren sollte. Das lässt mehrere Deutungen zu. Seit mindestens 18. Mai hält er sich in der Sierra Nevada auf, ein ausgedehntes Höhencamp.
Er fehlt in der Schweiz, könnte aber beim Baloise Belgium Tour starten – zusammen mit Stefan Bisseger, Daan Hoole (beide für die Tour vorgesehen) und auch Olav Kooij, dessen Status noch offen ist.
Die Planänderung ist bislang ungeklärt. Möglich ist auch, dass er erst zur Tour ins Renngeschehen einsteigt. Obwohl er noch nicht an der Seite von Paul Seixas gefahren ist, machen ihn sein Level von 2025 und seine Vielseitigkeit zu einem Profi, den Decathlon im Juli nur ungern zu Hause lassen dürfte.
Tiesj Benoot im Einsatz für Team Visma | Lease a Bike
Despite being scheduled for the Tour de France, Tiesj Benoot hasn't actually raced yet in the colours of Decathlon CMA CGM Team
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