Anti-Doping-Organisationen sind ein wichtiger Bestandteil des Radsports. Dank ihrer Arbeit kann die Radsportgemeinschaft in der Illusion leben, der Sport sei heute sauber. Zu den Methoden, mit denen die Integrität unseres Sports geschützt werden soll, gehören unangekündigte Hausbesuche, die an jedem Tag des Jahres stattfinden können. Dennoch muss es Grenzen geben. Im jüngsten Fall mit der SD Worx - Protime-Fahrerin Valentina Cavallar wurden diese eindeutig überschritten.
Im September suchte ein Mitarbeiter der International Testing Agency (ITA) Cavallar zu Hause auf. Was normalerweise eine Routinekontrolle gewesen wäre, entwickelte sich unerwartet zu einem Drama, als die Umstände durch Cavallars
Instagram-Beitrag öffentlich bekannt wurden.
Die Mutter der österreichischen Radfahrerin war nur wenige Stunden vor dem Besuch des Dopingkontrolleurs gestorben. Dieser wusste nichts von den außergewöhnlichen Umständen. Cavallar berichtet, sie habe „zu Hause einer Dopingkontrolle unterzogen werden müssen, in dem Zimmer neben dem, in dem meine Mutter lag“. Die Situation sei „zutiefst schmerzhaft, völlig unangebracht und respektlos gegenüber meiner Familie“ gewesen.
Ihre Stellungnahme löste in den sozialen Medien erwartungsgemäß sofort heftige Reaktionen aus. Die meisten sprachen der trauernden Cavallar ihr Beileid aus und bekundeten ihre Unterstützung. Andere argumentierten jedoch, im Interesse eines sauberen Sports dürfe es keine „Ruhetage“ geben, an denen Fahrerinnen und Fahrer von Kontrollen ausgenommen seien. Auch nicht unter so extremen Umständen wie bei Cavallar.
Entschuldigung mit einem „Aber“
Die zuständige Anti-Doping-Agentur ITA veröffentlichte später gegenüber
Velo eine Stellungnahme. Darin bekundete sie Cavallar in dieser schwierigen Lebenssituation ihre Unterstützung und entschuldigte sich dafür, eine Grenze überschritten zu haben, die nicht hätte überschritten werden dürfen.
„Die International Testing Agency (ITA) spricht Valentina Cavallar und ihrer Familie nach dem Tod ihrer Mutter ihr aufrichtiges Beileid aus.“
„Nachdem die ITA von den Umständen der am 5. September 2026 bei Valentina Cavallar durchgeführten Probenahme erfahren hatte, prüfte sie den Hintergrund der Kontrolle.“
„Weder die ITA noch der Dopingkontrolleur (DCO) waren vor ihrer Ankunft bei der Fahrerin zu Hause über deren persönliche Situation informiert. Bei seiner Ankunft erfuhr der DCO vom Tod ihrer Mutter. Nach den Informationen, die die ITA seit dem Instagram-Beitrag der Fahrerin [am Montag] zusammengetragen hat, kooperierten Frau Cavallar und ihre Familie vollständig mit dem Verfahren. Zum Zeitpunkt der Kontrolle oder danach wurden weder Bedenken geäußert noch Bitten vorgebracht, die Kontrolle zu verschieben oder abzubrechen.“
So funktionieren Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen
Im Rahmen des Meldesystems im Radsport müssen Fahrerinnen und Fahrer für jeden Tag ein 60-minütiges Zeitfenster angeben, in dem sie für Kontrollen verfügbar sind. In der Vergangenheit wurden bereits mehrere Fahrer bestraft, weil sie wiederholt bei Kontrollen nicht anzutreffen waren. Dazu zählen der rumänische Mountainbiker Vlad Dascalu, der ehemalige brasilianische Movistar-Fahrer Vinicius Rangel und zuletzt der
ukrainische Profi Kyrylo Tsarenko.
Cavallars Fall war das Ergebnis einer tragischen Verkettung unglücklicher Umstände. Die ITA bezeichnete ihn als „außergewöhnlich sensible Situation“.
Der Dopingkontrolleur habe sich bemüht, das Verfahren mit Unterstützung Cavallars und ihrer Familie „so diskret, respektvoll und zügig wie möglich“ durchzuführen, hieß es in der Stellungnahme der ITA weiter.
Die ITA habe Cavallar inzwischen direkt kontaktiert, um sich für die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschuldigen: „Wir erkennen voll und ganz an, dass eine Dopingkontrolle unter diesen Umständen ihre Belastung in einer ohnehin außerordentlich schmerzhaften Zeit noch verstärkt hat. Wir haben die Fahrerin direkt kontaktiert und uns entschuldigt.“
Trotz dieser unangenehmen Erfahrung will die ITA ihre Bemühungen zur Durchsetzung der Anti-Doping-Regeln nicht zurückfahren. Sie betont: „Die ITA setzt sich weiterhin dafür ein, den Schutz eines sauberen Sports mit Respekt, Mitgefühl und Fürsorge für die Athletinnen und Athleten zu verbinden.“
„Wir werden Athletinnen und Athleten auch künftig dazu ermutigen, Bedenken während oder nach einer Dopingkontrolle zu melden. So kann die ITA geeignete Maßnahmen ergreifen und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Kampf gegen
Doping und dem Recht jeder Athletin und jedes Athleten auf Privatsphäre und Wohlergehen gewährleisten“, heißt es abschließend in der Stellungnahme.