Der Spagat zwischen Profi-Radsport und humanitären Hilfsprojekten im Himalaya – Das Phänomen Dr. Matthias Baumann

Radsport
2026_Strassenrad WM_Team
Die Radsport-Kalender 2026 der Frauen und Männer waren wieder angereichert mit einer Reihe von hochkarätigen nationalen und internationalen Radsport Events. Hinzukommen die bekannten Landesrundfahrten und natürlich die Klassiker, wie die Lombardei-Rundfahrt, um nur einen zu nennen. Nach der Strassenrad-WM ging es direkt im Anschluss weiter mit der Europameisterschaft, gefolgt von der UCI Gravel-WM und der Bahnrad-WM.
Heute wollen wir unter anderem auf die Straßenrad-WM in Kanada zurückblicken, die vom 20. bis 27. September in Montréal ausgetragen wurde. Ich hatte die Gelegenheit mit Dr. Matthias Baumann zu sprechen, dem Präsidenten der Medizinischen Kommission der UCI.
In unserem Interview bekam ich jede Menge Einblicke, sowohl in die Profi-Szene und den WM-Zirkus, als auch in seine unterschiedlichsten Hilfsprojekte, die er mit seinem Verein «Sherpa Nepalhilfe e. V.» realisiert.
Matthias Baumann sprach mit uns auf seinem täglichen Arbeitsweg ans SRH Klinikum nach Sigmaringen, wo er seit 2021 Chefarzt für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sporttraumatologie ist. Das Gespräch haben wir telefonisch geführt. Da ich Matthias persönlich kenne, ließ sich das Interview spontan realisieren.
Für Matthias war dies bereits die 30. Weltmeisterschaft. Seine Karriere im Radsport begann 2013 als Verbandsarzt des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), heute German Cycling.
Zum Einstieg möchte ich wissen:
Radsport aktuell: «Ist eine WM nach so vielen Jahren mittlerweile wie jede andere, abgesehen von der Location? Oder ist es nach wie vor ein einzigartiges Erlebnis?»
Matthias Baumann:
"Medizinisch betrachtet, stehen immer die länderspezifischen Herausforderungen für die Fahrer im Fokus. Abhängig vom Land muss man im Vorfeld genau analysieren, mit welchen Szenarien vor Ort zu rechnen ist. Eine WM in Afrika ist in der Planung deutlich aufwändiger als in Kanada. Montréal war relativ einfach zu organisieren. Wir mussten im Grunde nur die Zeitverschiebung berücksichtigen. Es gab keine Schwierigkeiten mit dem Essen oder das Risiko von möglichen Krankheiten, wie Malaria.»
Radsport aktuell: «Das heisst, die Bedingungen vor Ort spielen für die Athleten eine extrem wichtige Rolle?»
Matthias Baumann:
«Absolut. Der Körper eines jeden Sportlers, reagiert unter extremer Belastung völlig individuell auf äußere Einflüsse. Bei der WM in Kigali haben manche Sportler im Vorfeld auf eine Teilnahme verzichtet, weil sie sich diesen unberechenbaren Faktoren nicht aussetzen wollten. Selbst als Arzt, kann man im Voraus nie alle möglichen Auswirkungen einplanen. Und diesem Risiko will sich eben nicht jeder aussetzen. Die Fahrer verdienen ihr Geld in den Profi-Teams. Wer sich bei einer WM verletzt oder danach wochenlang krank ausfällt, für den hat sich die Teilnahme schlicht nicht gelohnt.»
Radsport aktuell: «Wie unterscheidet sich deine Arbeit zwischen den erfahrenen Stars und den jüngeren Fahrern?»
Matthias Baumann:
«Ich betreue überwiegend die Elite-Fahrer. Sie alle sind absolut erfahren und kennen die Abläufe sowie das ganze Drumherum aus dem Effeff. Aufregender ist es für die Junioren. Für viele war Montréal die erste WM und die erste große Reise überhaupt. Da muss ich als Mannschaftsarzt ganz anders unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen.»
Radsport aktuell: «Wer nominiert eigentlich die einzelnen Fahrer für den WM-Kader? Steht dabei nur die reine Leistung im Vordergrund oder zählen auch Teamfähigkeit und individuelle Stärken?»
Matthias Baumann:
"Die Nominierung übernehmen die jeweiligen Bundestrainer. In Kanada waren insgesamt fünf Bundestrainer für den Straßen-Radsport im Einsatz – aufgeteilt in die Bereiche Juniorinnen, Junioren, Frauen, Männer sowie die U23-Klassen. Die Fahrer können dann aber natürlich eigenverantwortlich entscheiden, ob sie teilnehmen möchten. Die Nominierung selbst hängt stark vom Streckenprofil ab. Bei einem anspruchsvollen Kurs mit vielen Höhenmetern und steilen Pässen wird eher ein Kletterspezialist nominiert als ein reiner Sprinter. Aber auch die Teamfähigkeit spielt eine entscheidende Rolle."

Florian Lipowitz – Die Nachwuchshoffung und seine zukünftige Entwicklung

Matthias Baumann und Florian Lipowitz bei der Straßenrad-WM in Montreal
Matthias Baumann und Florian Lipowitz bei der Straßenrad-WM in Montreal
Radsport aktuell: «Nach seinem schweren Sturz bei Tour de France und einem Schlüsselbeinbruch musste Florian hart für sein Comeback arbeiten. In Montréal hat er sich sensationell durchgebissen. Wie eng begleitet man als Mannschaftsarzt so einen Prozess mental und physisch? Wann gibt der Doc grünes Licht für so ein brutales WM-Rennen?»
Matthias Baumann:
»Das hängt komplett von der Geschwindigkeit der individuellen Genesung ab. Die Profi-Radteams haben ihre eigenen Ärzte, die den Prozess überwachen. Vor einer WM stimmen wir Verbandsärzte uns aber ganz eng mit den Teamärzten ab.»
Radsport aktuell: «Florian Lipowitz hat spätestens mit seinen Leistungen bei der Tour de Romandie und dem starken Auftakt bei der Tour de France bewiesen, dass er ein Mann für die ganz großen, dreiwöchigen Rundfahrten ist. Matthias, du erlebst ihn hautnah im Team-Umfeld: Wo siehst du Florian in den nächsten zwei bis drei Jahren? Hat er das Zeug dazu, ganz oben um das Gelbe Trikot mitzufahren?»
Matthias Baumann:
«Florian hat definitiv das Zeug dazu, ganz vorne mitzumischen. Er besitzt die nötige Rennhärte und den Überblick, um Rennsituationen perfekt einzuschätzen. Er weiß, wenn es sich lohnt anzugreifen oder einen Ausreißversuch zu riskieren. Es wird extrem spannend mitzuerleben, wie er sich in den nächsten Jahren persönlich und auch im Team Red Bull – Bora – hansgrohe weiterentwickelt.»

Themawechsel: Wie wird man eigentlich Präsident der Medizinischen Kommission der UCI?

Radsport aktuell: »Schließlich ist es ja kein Job, der auf herkömmlichen Stellenportalen offiziell ausgeschrieben wird. Wie läuft so ein Auswahl- bzw. Bewerbungsprozess ab? Wird man vorgeschlagen, weil man sich in der Szene durch Erfahrung bereits einen Namen gemacht hat?»
Matthias Baumann:
«Genau so läuft es. Durch meine langjährige Tätigkeit als Verbandsarzt bei German Cycling habe ich die deutsche Mannschaft schon bei vielen Olympischen Spielen betreut. Vor einigen Jahren kam die UCI auf mich zu und man hat mich gefragt, ob ich in der Medizinischen Kommission mitarbeiten möchte. 2021 wurde ich dann zum Präsidenten der Kommission ernannt.»

Fragen aus dem Redaktionsteam von Radsport aktuell:

Bereits im Vorfeld haben wir einige Favorite Topics bei den Kollegen aus dem Redaktionsteam abgefragt.
Radsport aktuell. "Sind die aktuellen Maßnahmen ausreichend, um die Fahrer vor schweren Stürzen zu schützen? Was müsste verbessert werden?»
Matthias Baumann:
«Ich befürworte ganz klar den verpflichtenden Einsatz von GPS-Trackern. Diese Thematik wird immer wieder kontrovers diskutiert, aber noch fehlen die entscheidenden Beschlüsse. Die tödlichen Unfälle der Vergangenheit, die man hätte verhindern können, sind Bestätigung genug dafür, dass diese Maßnahme längst überfällig ist. Stellvertretend dafür steht der tragische Tod von Muriel Furrer. Das Schweizer Nachwuchstalent war 2024 bei der WM in Zürich so schwer in einem Waldstück gestürzt, dass sie am nächsten Tag an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas verstarb. Weil sie unbemerkt im Unterholz lag, wurde sie erst Stunden später entdeckt. Mit Hilfe eines GPS-Trackers hätte man sie schneller finden und behandeln können. Wir als Medizinische Kommission können allerdings lediglich Empfehlungen aussprechen – verpflichtend sind diese jedoch nicht. Maßnahmen, die zwingend einzuhalten sind, müssen durch das Management Committee der UCI beschlossen und ins UCI-Reglement aufgenommen werden.»
Radsport aktuell: «Eine weitere Frage zielt ebenfalls auf ein Dauerthema ab: Der Umgang mit Concussions (Gehirnerschütterungen). Sind die aktuellen Sturzprotokolle ausreichend, um die Schwere der Erschütterungen richtig zu erkennen? Und wie verhindert man, dass Fahrer zu früh die Freigabe für das nächste Rennen bekommen?»
Matthias Baumann:
«Dieses Thema darf man definitiv nicht unterschätzen, auch wenn die meisten Gehirnerschütterungen glücklicherweise harmlos verlaufen. Dennoch muss jeder Athlet im Nachgang immer genau untersucht werden, bevor er wieder mit dem Training beginnt.»

In der letzten Frage aus dem Radaktionsteam geht es um eines der fundamentalen Dilemmas des modernen Radsports.

Radsport aktuell: «Wo verläuft angesichts des immer anspruchsvolleren und engeren Rennkalenders die Grenze zwischen der optimalen Leistungsmaximierung und einer echten Gefährdung der Gesundheit der Fahrer?»
Hier muss Matthias, der früher selbst Leistungssportler war und auch schon bei der Ironman WM auf Hawaii gestartet ist, weiter ausholen.
«Das ist eine sehr vielschichtige und komplexe Thematik, der ich sehr kritisch gegenüberstehe. Die Rennkalender sind wirklich extrem voll. Die Teams wollen die Rennen natürlich mit ihren Fahrern bestücken, und für den Einzelnen kann das ganz schnell zu viel werden. Als Kommission können wir aber wieder nur Warnungen aussprechen und empfehlen, die Rennen zu reduzieren. Wir können und dürfen uns aber auch schlussendlich nicht in die Belange der Teams einmischen.»
Radsport aktuell: «Sind den Team-Chefs in gewisser Weise also die Hände gebunden?»
Matthias Baumann:
«Im Grunde ja. Und solange es keine allgemein gültige Regelung seitens der UCI gibt, muss man im Prinzip den Status quo so hinnehmen. Wenn viele Rennen angeboten werden, sind die Teams fast schon verpflichtet, die Fahrer auch zu den unterschiedlichen Rennen zu schicken. Besonders extrem ist das bei den Nachwuchsfahrern. Sie kommen als Junioren direkt in die Profi-Szene. Ihnen bleibt kaum Zeit, um langsam reinzuwachsen. Schlussendlich müssen die Fahrer mit Ihren Teams einen guten Mittelweg finden.» 
Kurze Pause:
«Es ist aber ein potenzielles Spannungsfeld. Auf der einen Seite müssen und wollen die Fahrer ihre Verträge erfüllen. Auf der anderen Seite bringt es aber keinem was, wenn der Sportler eine Herzmuskel-Entzündung bekommt und deshalb seine Karriere frühzeitig beenden muss. Wir Ärzte sitzen zwischen den Stühlen und müssen im Prinzip einen diplomatischen Weg finden. Es ist uns nicht erlaubt, dass wir uns mit den Verantwortlichen der Teams rumstreiten und es würde auch keinem etwas bringen. Wir geben Ratschläge und sprechen Warnungen aus.»

Profi-Radsport gekoppelt mit humanitärem Engagement

Radsport aktuell: «Zum Ende des Interviews möchte ich nochmals auf den Bergsport und auf dein großes humanitäres Engagement zu sprechen kommen. Wie eingangs erwähnt, bist du selbst seit Jahren begeisterter Bergsteiger und warst auch schon auf dem Mount Everest.
2014 warst du Augenzeuge einer Lawinen-Katastrophe im Himalaya-Gebiet. Daraufhin hast du die Sherpa Nepalhilfe gegründet.
Ihr habt schon viele Projekte realisiert, unter anderem die Gründung eines Krankenhauses auf 3.200 m Höhe. Nach der schweren Flutkatastrophe in Nepal im Juli warst du mit deiner Stiftung wieder sehr aktiv. Sind in nächster Zeit weitere Expeditionen oder Hilfsprojekte geplant?»
Matthias Baumann:
«Aktuell ist keine Expedition geplant. Auch mein persönlicher Einsatz als Unfallchirurg vor Ort ist momentan nicht zwingend erforderlich. Das Personal im Hospital ist mittlerweile so gut geschult und ausgebildet, dass die medizinische Grundversorgung gewährleistet ist und alles selbständig läuft. Ich stehe aber regelmäßig im Austausch mit meinen Freunden und Kollegen in Nepal.»
Matthias Baumann in Nepal
Matthias Baumann
Radsport aktuell: «Zwischen dem Luxus im Profi-Radsport und der harten Realität im ländlichen Nepal liegen Welten. Erdet dich diese humanitäre Arbeit?»
Matthias Baumann:
«Auf jeden Fall erdet mich das. Uns hier - in Europa - geht es so gut. Wir sind sehr privilegiert, dass ich davon gerne etwas zurückgebe. Es freut mich, wenn ich helfen kann. Nicht nur, weil ich Arzt bin, sondern weil es mir persönlich wichtig ist und es mir auch unglaublich viel gibt.»
Da Matthias mittlerweile nun schon fast in Sigmaringen angekommen ist, stelle ich noch eine allerletzte Frage.
Radsport aktuell: «Machst du selbst eigentlich auch noch Sport oder bleibt dafür – zwischen Familie, Beruf und UCI Einsätzen – keine Zeit mehr?»
Matthias Baumann:
«Doch, doch, natürlich treibe ich auch noch regelmäßig Sport! Triathlon ist zwar aufgrund des grossen Trainingsumfangs aktuell schwierig, aber Laufen geht immer. Das lässt sich unkompliziert mit allem anderen vereinbaren. Ich versuche, pro Jahr einen Marathon zu laufen und an mehreren Radmarathons teilzunehmen.»
Beeindruckt von der abschließenden Antwort bedanke ich mich bei Matthias für seine exklusiven Einblicke in den Profi-Radsport sowie das überaus interessante Hintergrundinformationen zu unterschiedlichen Themenbereichen.

Hier geht's zum Interview-Partner:

Wer mehr über Matthias Baumann und über seine humanitäre Arbeit erfahren möchte, findet alle Infos unter:
Katastrophenhilfe im Erdbebengebiet Nepal
Katastrophenhilfe im Erdbebengebiet Nepal
Sicherheit im Radsport

Diesem Aspekt muss zweifellos viel mehr Beachtung geschenkt werden. Genau deshalb haben die Fahrer kürzlich bei der Lombardei Rundfahrt auch offen dafür protestiert. Sie wollten auf die Wichtigkeit und die eklatanten Missstände aufmerksam machen. Denn nur so kann es funktionieren! Wie denkt ihr über die Sicherheit im Radsport? Lasst uns gerne einen Kommentar da.

Fußnote

Wenn von Trainern, Sportlern, Fahrern und Junioren die Rede ist, sind selbstverständlich immer auch die Trainerinnen, Sportlerinnen, Fahrerinnen und Juniorinnen gemeint.

Klatscht 0Besucher 0
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading