
"Medizinisch betrachtet, stehen immer die länderspezifischen Herausforderungen für die Fahrer im Fokus. Abhängig vom Land muss man im Vorfeld genau analysieren, mit welchen Szenarien vor Ort zu rechnen ist. Eine WM in Afrika ist in der Planung deutlich aufwändiger als in Kanada. Montréal war relativ einfach zu organisieren. Wir mussten im Grunde nur die Zeitverschiebung berücksichtigen. Es gab keine Schwierigkeiten mit dem Essen oder das Risiko von möglichen Krankheiten, wie Malaria.»
«Absolut. Der Körper eines jeden Sportlers, reagiert unter extremer Belastung völlig individuell auf äußere Einflüsse. Bei der WM in Kigali haben manche Sportler im Vorfeld auf eine Teilnahme verzichtet, weil sie sich diesen unberechenbaren Faktoren nicht aussetzen wollten. Selbst als Arzt, kann man im Voraus nie alle möglichen Auswirkungen einplanen. Und diesem Risiko will sich eben nicht jeder aussetzen. Die Fahrer verdienen ihr Geld in den Profi-Teams. Wer sich bei einer WM verletzt oder danach wochenlang krank ausfällt, für den hat sich die Teilnahme schlicht nicht gelohnt.»
«Ich betreue überwiegend die Elite-Fahrer. Sie alle sind absolut erfahren und kennen die Abläufe sowie das ganze Drumherum aus dem Effeff. Aufregender ist es für die Junioren. Für viele war Montréal die erste WM und die erste große Reise überhaupt. Da muss ich als Mannschaftsarzt ganz anders unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen.»
"Die Nominierung übernehmen die jeweiligen Bundestrainer. In Kanada waren insgesamt fünf Bundestrainer für den Straßen-Radsport im Einsatz – aufgeteilt in die Bereiche Juniorinnen, Junioren, Frauen, Männer sowie die U23-Klassen. Die Fahrer können dann aber natürlich eigenverantwortlich entscheiden, ob sie teilnehmen möchten. Die Nominierung selbst hängt stark vom Streckenprofil ab. Bei einem anspruchsvollen Kurs mit vielen Höhenmetern und steilen Pässen wird eher ein Kletterspezialist nominiert als ein reiner Sprinter. Aber auch die Teamfähigkeit spielt eine entscheidende Rolle."

»Das hängt komplett von der Geschwindigkeit der individuellen Genesung ab. Die Profi-Radteams haben ihre eigenen Ärzte, die den Prozess überwachen. Vor einer WM stimmen wir Verbandsärzte uns aber ganz eng mit den Teamärzten ab.»
«Florian hat definitiv das Zeug dazu, ganz vorne mitzumischen. Er besitzt die nötige Rennhärte und den Überblick, um Rennsituationen perfekt einzuschätzen. Er weiß, wenn es sich lohnt anzugreifen oder einen Ausreißversuch zu riskieren. Es wird extrem spannend mitzuerleben, wie er sich in den nächsten Jahren persönlich und auch im Team Red Bull – Bora – hansgrohe weiterentwickelt.»
«Genau so läuft es. Durch meine langjährige Tätigkeit als Verbandsarzt bei German Cycling habe ich die deutsche Mannschaft schon bei vielen Olympischen Spielen betreut. Vor einigen Jahren kam die UCI auf mich zu und man hat mich gefragt, ob ich in der Medizinischen Kommission mitarbeiten möchte. 2021 wurde ich dann zum Präsidenten der Kommission ernannt.»
«Ich befürworte ganz klar den verpflichtenden Einsatz von GPS-Trackern. Diese Thematik wird immer wieder kontrovers diskutiert, aber noch fehlen die entscheidenden Beschlüsse. Die tödlichen Unfälle der Vergangenheit, die man hätte verhindern können, sind Bestätigung genug dafür, dass diese Maßnahme längst überfällig ist. Stellvertretend dafür steht der tragische Tod von Muriel Furrer. Das Schweizer Nachwuchstalent war 2024 bei der WM in Zürich so schwer in einem Waldstück gestürzt, dass sie am nächsten Tag an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas verstarb. Weil sie unbemerkt im Unterholz lag, wurde sie erst Stunden später entdeckt. Mit Hilfe eines GPS-Trackers hätte man sie schneller finden und behandeln können. Wir als Medizinische Kommission können allerdings lediglich Empfehlungen aussprechen – verpflichtend sind diese jedoch nicht. Maßnahmen, die zwingend einzuhalten sind, müssen durch das Management Committee der UCI beschlossen und ins UCI-Reglement aufgenommen werden.»
«Dieses Thema darf man definitiv nicht unterschätzen, auch wenn die meisten Gehirnerschütterungen glücklicherweise harmlos verlaufen. Dennoch muss jeder Athlet im Nachgang immer genau untersucht werden, bevor er wieder mit dem Training beginnt.»
«Das ist eine sehr vielschichtige und komplexe Thematik, der ich sehr kritisch gegenüberstehe. Die Rennkalender sind wirklich extrem voll. Die Teams wollen die Rennen natürlich mit ihren Fahrern bestücken, und für den Einzelnen kann das ganz schnell zu viel werden. Als Kommission können wir aber wieder nur Warnungen aussprechen und empfehlen, die Rennen zu reduzieren. Wir können und dürfen uns aber auch schlussendlich nicht in die Belange der Teams einmischen.»
«Im Grunde ja. Und solange es keine allgemein gültige Regelung seitens der UCI gibt, muss man im Prinzip den Status quo so hinnehmen. Wenn viele Rennen angeboten werden, sind die Teams fast schon verpflichtet, die Fahrer auch zu den unterschiedlichen Rennen zu schicken. Besonders extrem ist das bei den Nachwuchsfahrern. Sie kommen als Junioren direkt in die Profi-Szene. Ihnen bleibt kaum Zeit, um langsam reinzuwachsen. Schlussendlich müssen die Fahrer mit Ihren Teams einen guten Mittelweg finden.»
«Es ist aber ein potenzielles Spannungsfeld. Auf der einen Seite müssen und wollen die Fahrer ihre Verträge erfüllen. Auf der anderen Seite bringt es aber keinem was, wenn der Sportler eine Herzmuskel-Entzündung bekommt und deshalb seine Karriere frühzeitig beenden muss. Wir Ärzte sitzen zwischen den Stühlen und müssen im Prinzip einen diplomatischen Weg finden. Es ist uns nicht erlaubt, dass wir uns mit den Verantwortlichen der Teams rumstreiten und es würde auch keinem etwas bringen. Wir geben Ratschläge und sprechen Warnungen aus.»
«Aktuell ist keine Expedition geplant. Auch mein persönlicher Einsatz als Unfallchirurg vor Ort ist momentan nicht zwingend erforderlich. Das Personal im Hospital ist mittlerweile so gut geschult und ausgebildet, dass die medizinische Grundversorgung gewährleistet ist und alles selbständig läuft. Ich stehe aber regelmäßig im Austausch mit meinen Freunden und Kollegen in Nepal.»
«Auf jeden Fall erdet mich das. Uns hier - in Europa - geht es so gut. Wir sind sehr privilegiert, dass ich davon gerne etwas zurückgebe. Es freut mich, wenn ich helfen kann. Nicht nur, weil ich Arzt bin, sondern weil es mir persönlich wichtig ist und es mir auch unglaublich viel gibt.»
«Doch, doch, natürlich treibe ich auch noch regelmäßig Sport! Triathlon ist zwar aufgrund des grossen Trainingsumfangs aktuell schwierig, aber Laufen geht immer. Das lässt sich unkompliziert mit allem anderen vereinbaren. Ich versuche, pro Jahr einen Marathon zu laufen und an mehreren Radmarathons teilzunehmen.»
Diesem Aspekt muss zweifellos viel mehr Beachtung geschenkt werden. Genau deshalb haben die Fahrer kürzlich bei der Lombardei Rundfahrt auch offen dafür protestiert. Sie wollten auf die Wichtigkeit und die eklatanten Missstände aufmerksam machen. Denn nur so kann es funktionieren! Wie denkt ihr über die Sicherheit im Radsport? Lasst uns gerne einen Kommentar da.
Wenn von Trainern, Sportlern, Fahrern und Junioren die Rede ist, sind selbstverständlich immer auch die Trainerinnen, Sportlerinnen, Fahrerinnen und Juniorinnen gemeint.
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