„Dieser Protest war notwendig und, offen gesagt, längst überfällig“ – Sean Kelly lobt Fahrerprotest bei der Lombardei-Rundfahrt und erhöht den Druck auf die UCI
Radsport
Sean Kelly ist überzeugt, dass die Lombardei-Rundfahrt 2026 als ein wegweisender Tag in die Geschichte des Radsports eingehen könnte. Paul Seixas krönte sich mit einer überlegenen Solofahrt zum jüngsten Sieger in der Geschichte des italienischen Monuments. Doch für den früheren Spitzenfahrer war nicht allein die sportliche Leistung des Franzosen von Bedeutung. Auch der fünfminütige Protest des Pelotons vor dem Start, mit dem die Fahrer auf anhaltende Sicherheitsprobleme aufmerksam machten, könnte weitreichende Konsequenzen haben – möglicherweise sogar über das Renngeschehen in Como hinaus.
Der ehemalige Profi bezeichnete die gemeinsame Aktion der Fahrer als längst überfällig und forderte den Radsport-Weltverband UCI dazu auf, endlich mit konkreten und sichtbaren Maßnahmen zu reagieren. Darüber hinaus analysierte Kelly die außergewöhnliche Vorstellung von Seixas, äußerte Zweifel an Remco Evenepoels Kletterqualitäten in dieser Saison und kritisierte Tom Pidcocks Reaktion auf den entscheidenden Angriff am Civiglio.
„Längst überfällig“ – Kelly unterstützt den Sicherheitsprotest des Pelotons
Noch bevor der sportliche Kampf um den Sieg begann, rückte für Kelly der gemeinsame Protest der Fahrer in den Mittelpunkt. „Dieser Protest war notwendig und, offen gesagt, längst überfällig“, schrieb der Ire in seiner Kolumne für Cyclingnews. „Wenn die UCI nicht endlich damit beginnt, sichtbare Maßnahmen zu ergreifen, werden die Fahrer meiner Meinung nach weitere Protestaktionen und Streiks organisieren. Sie wissen, was passiert, sie erleben die Probleme unmittelbar und mussten leider auch schon die tragischen Konsequenzen mitansehen.“

Enric Mas, Paul Seixas und Giulio Ciccone auf dem Podium der Lombardei-Rundfahrt 2026.
Mit ihrer Aktion verzögerten die Profis den Start der Lombardei-Rundfahrt um fünf Minuten. Remco Evenepoel verlas stellvertretend für das Peloton eine Erklärung, in der die Sicherheitsprobleme im professionellen Radsport angesprochen wurden. „Jetzt hoffen die Fahrer, dass ihr Protest nicht einfach ungehört verhallt und tatsächlich Maßnahmen folgen“, ergänzte Kelly.
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Paul Seixas fährt „wie ein echter Champion“ zum historischen Monument-Sieg
Auch aus sportlicher Sicht lieferte die Lombardei-Rundfahrt für Kelly reichlich Gesprächsstoff. Paul Seixas setzte am Civiglio zu seinem entscheidenden Angriff an und distanzierte seine stärksten Konkurrenten nach und nach. Am Ende feierte der Franzose einen souveränen Solosieg, während Enric Mas den zweiten Platz belegte und Giulio Ciccone das Podium als Dritter komplettierte.
„Paul Seixas hat sein erstes Monument gewonnen, und das auf ausgesprochen dominante Weise. Am Ende war er mit großem Abstand der stärkste Fahrer“, schrieb Kelly. „Diese Vorstellung zeigt, dass er wie ein echter Champion fährt – nicht nur bei Rundfahrten, sondern auch bei Eintagesrennen wie den Monumenten.“
Besonders beeindruckte den ehemaligen Klassiker-Spezialisten die Art und Weise, wie Seixas seine entscheidende Attacke lancierte. „Dass sein Angriff gewissermaßen vorhersehbar war und nicht aus einer explosiven Beschleunigung heraus erfolgte, sagt sehr viel über sein Leistungsniveau aus. Obwohl er gleichmäßig beschleunigte und dabei im Sattel blieb, konnte niemand dieses höllische Tempo mitgehen.“
Dabei befanden sich auch Giulio Ciccone, Tom Pidcock und Enric Mas zunächst in einer aussichtsreichen Position. Doch selbst eine gute Platzierung im entscheidenden Moment konnte den Unterschied in der reinen Kletterleistung nicht ausgleichen. „Seixas war für seinen Angriff hervorragend positioniert, aber das waren Giulio Ciccone, Tom Pidcock und Enric Mas ebenfalls. Wenn man jedoch nicht die nötige Kraft hat, um mitzugehen, kann man nichts dagegen tun. Am Samstag waren sie schlicht nicht auf Seixas’ Niveau.“
Kelly erläuterte in diesem Zusammenhang auch, weshalb er die Lombardei-Rundfahrt aus taktischer Sicht für eines der unkomplizierteren Monumente hält. „Ich habe schon oft gesagt, dass die Lombardei-Rundfahrt relativ einfach zu fahren ist, weil taktisch nicht besonders viel dazugehört“, erklärte er. „Einige Mannschaften kontrollieren das Rennen, aber im Grunde muss man nur folgen, bis noch die letzten 30 oder 40 Fahrer übrig sind. Anschließend bringt man sich für den entscheidenden Angriff in Position.“
„Bei anderen Monumenten und Eintagesklassikern, insbesondere bei den Kopfsteinpflasterrennen, können Defekte oder Stürze die Siegchancen viel schneller zunichtemachen. Das Rennen der fallenden Blätter belohnt dagegen meistens den Fahrer mit den stärksten Beinen. Diesmal war das ganz eindeutig Paul Seixas.“
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Kelly zweifelt an Evenepoels Kletterstärke und kritisiert Pidcocks Rennverhalten
Mit seinem historischen Triumph setzte Seixas einer ohnehin außergewöhnlichen Saison die Krone auf. Kelly erwartet, dass der Franzose im kommenden Jahr noch stärker auftreten könnte, zumal er weiterhin auf die Unterstützung seiner bisherigen Mannschaft zählen kann. „Ich gehe davon aus, dass es im nächsten Jahr sogar noch besser laufen wird, nachdem er bestätigt hat, auch 2027 bei Decathlon CMA CGM zu bleiben“, schrieb der frühere Profi.
Weniger überzeugend präsentierte sich aus Kellys Sicht dagegen Remco Evenepoel. Der Belgier konnte der entscheidenden Beschleunigung von Seixas nicht folgen und erreichte das Ziel hinter den stärksten Fahrern. Zwar verteidigte Evenepoel 2026 seinen Titel im Einzelzeitfahren bei der Radsport-WM und gewann zudem das Straßenrennen der Europameisterschaft, doch insbesondere seine Leistungen an den Anstiegen werfen für Kelly Fragen auf.
„Ich habe den Eindruck, dass er in diesem Jahr beim Klettern Schwierigkeiten hatte. Sobald das Tempo eine bestimmte Schwelle überschreitet, kann er einfach nicht mehr mithalten“, analysierte Kelly.
Bei großen Landesrundfahrten könnten die Bedingungen Evenepoel hingegen stärker entgegenkommen. „Bei Grand Tours ist das weniger problematisch, weil das Tempo mit zunehmender Ermüdung normalerweise zurückgeht, besonders in der zweiten Rennhälfte. Remco scheint sich besser zu erholen als viele andere Fahrer, was ihm einen Vorteil verschafft. Bei Eintagesrennen können heutzutage allerdings zahlreiche Profis, sogar Helfer, ein unglaubliches Tempo anschlagen. Und genau das bringt ihn gelegentlich in Schwierigkeiten.“
Kritisch äußerte sich Kelly außerdem über Tom Pidcock. Der Brite hatte zunächst versucht, Seixas am Civiglio zu folgen, musste den Franzosen jedoch ziehen lassen und fiel anschließend in die Verfolgergruppe zurück. Für Kelly war dabei weniger der fehlende Anschluss als vielmehr Pidcocks mentale Reaktion auf diesen Rückschlag problematisch.
„Ich mache mir Sorgen, dass er zu schnell den Kopf verliert, sobald er den Kontakt zu dem Fahrer vor sich verliert. Das darf einem in einem Rennen nicht passieren“, schrieb Kelly.
„Man muss mental unglaublich stark sein und kämpfen wie ein Hund. Wenn man bereits am Limit fährt, um dem Fahrer vor einem zu folgen, muss man das Tempo etwas herausnehmen und anschließend versuchen, mit dem nächsten Fahrer mitzugehen.“

Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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- Hier ist die Analyse des gestrigen Straßenrennens der Männer-Elite bei den UCI-Straßenrad-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal, Kanada. Da der zweifache Titelverteidiger Tadej Pogačar verletzungsbedingt fehlte, entwickelte sich das Rennen zu einem der unvorhersehbarsten und taktisch chaotischsten WM-Rennen der jüngeren Vergangenheit. Der US-Amerikaner Brandon McNulty krönte sich nach einer sensationellen Soloflucht zum neuen Weltmeister. Er beendete damit eine 33-jährige Durststrecke für die USA (seit Lance Armstrong 1993). Taktische Rennanalyse & Schlüsselmomente 1. Das brutale Ausscheidungsrennen auf dem Mont Royal Die Strecke über 273,4 Kilometer und rund 3.800 Höhenmeter entpuppte sich als echter Scharfrichter. Vor allem die 12 Runden auf dem selektiven Rundkurs in Montréal mit dem steilen Chemin de la Polytechnique zogen dem Hauptfeld kontinuierlich den Zahn. Früh im Rennen begannen die großen Nationen zu attackieren. Mathieu van der Poel zeigte sich enorm aktiv und distanzierte rund 50 Kilometer vor dem Ziel mit einer brutalen Beschleunigung sogar seinen ewigen Rivalen Wout van Aert. 2. Der goldene Moment von Brandon McNulty Nachdem eine namhafte vierköpfige Spitzengruppe um Van der Poel durch eine Tempoverschärfung des mexikanischen Toptalents Isaac del Toro gestellt wurde, herrschte einen Moment lang Uneinigkeit im verbliebenen Elite-Feld. Diesen psychologischen Moment nutzte McNulty exakt 33 Kilometer vor dem Ziel für eine mutige Soloattacke. Niemand reagierte sofort, was sich als der entscheidende Fehler des Rennens herausstellen sollte. 3. Das kollektive Versagen der Verfolger Obwohl McNulty zwischenzeitlich über eine Minute Vorsprung herausgefahren hatte, brachte eine aggressive Verfolgergruppe um Tom Pidcock, Del Toro und den jungen Franzosen Paul Seixas den Abstand 9 Kilometer vor dem Ziel noch einmal auf 10 Sekunden heran. Anstatt das Loch jedoch gemeinsam komplett zuzufahren, begannen taktische Spielchen. Die Fahrer schauten sich gegenseitig an und verweigerten die Führungsarbeit, was McNulty nutzte, um nochmals den Kopf runterzunehmen und das Ding ins Ziel zu retten. 4. Die Geschlagenen: Belgien geht leer aus Das belgische Team reiste als absoluter Topfavorit mit einer Doppelspitze aus Remco Evenepoel (der zuvor sensationell zum vierten Mal in Folge das WM-Zeitfahren gewonnen hatte) und Wout van Aert an. Doch die Taktik ging nicht auf: Van Aert musste der harten Fahrweise Tribut zollen, und Evenepoel fand im Finale nicht die entscheidenden Beine, um die Lücke zu McNulty im Alleingang zu schließen. Am Ende reichte es für Evenepoel nur zu Platz 12.gregmann28-09-2026
- Die taktische Ausrichtung beim Straßenrennen der Männer-Elite bei den UCI-Straßen-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal wird maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt: das Fehlen des verletzten Titelverteidigers Tadej Pogačar und das Verbot von Teamfunk ("No Race Radios"). Dadurch bricht die gewohnte Dominanz und Kontrolle klassischer World Tour-Teams weg. Das Rennen über 273,7 Kilometer und 3.803 Höhenmeter entwickelt sich zu einem hochgradig unvorhersehbaren Ausscheidungsfahren auf den 12 Runden rund um den Mont Royal. Die taktischen Hauptszenarien & Teamstrategien Nation / Fahrertyp Taktischer Ansatz & Ausrichtung Belgien (Evenepoel & Van Aert) Doppelspitze mit Rollenteilung: Geht als die kontrollierende Großmacht ins Rennen. Die Taktik sieht vor, mit Remco Evenepoel frühzeitig oder aus der Distanz zu attackieren, um die Konkurrenz zur Nacharbeit zu zwingen. Sollte diese Gruppe zurückgeholt werden, lauert Wout van Aert im reduzierten Feld für ein spätes Finale oder einen Sprint. Klassikerjäger (Mathieu van der Poel / Pedersen) Abwartende Trittbrettfahrer-Taktik: Fahrer wie Mathieu van der Poel wissen, dass der Kurs mit 3.800 Höhenmetern an ihrer absoluten Belastungsgrenze kratzt. Ihre Taktik baut darauf, Allianzen mit anderen Nationen einzugehen, Angriffe am Berg zu neutralisieren und die Entscheidung auf das ansteigende falsche Flachstück der Zielgeraden zu vertagen. USA & Außenseiter (McNulty, Simmons, Del Toro) Frühzeitige Offensive ("Chaos-Taktik"): Da Fahrer wie Isaac del Toro (Mexiko) kaum Helfer im Nationalteam haben, müssen sie das Rennen frühzeitig öffnen. Die USA nutzt ihre enorme Kaderbreite (Brandon McNulty, Quinn Simmons, Matteo Jorgenson), um in wechselnden Zwischengruppen vertreten zu sein und Belgien die Kontrollarbeit aufzuzwingen. Deutschland (Lipowitz, Schachmann) Reaktive Außenseiterrolle: Ohne absoluten Top-Favoriten setzt der BDR darauf, sich in Gruppen zu platzieren (z. B. durch Schachmann, Zimmermann oder Brenner). Florian Lipowitz agiert als geschützter Fahrer für das schwere Finale in den letzten Runden. Strategische Schlüsselfaktoren auf der Straße Entscheidung ohne Funkgeräte: Da Anweisungen aus dem Auto fehlen, müssen die Fahrer das Rennen selbst lesen. Wer eine rennentscheidende Gruppe verpasst, muss instinktiv reagieren. Dies führt oft zu taktischen Fehlern bei den Favoriten und erhöht die Chancen für mutige Ausreißer. Das Ausscheidungsfahren am Mont Royal: Der giftige Anstieg Côte Camillien-Houde (1,8 km bei 8 %) sowie die Côte de la Polytechnique (über 11 % in Spitzen) sieben das Feld mit jeder der 12 Runden weiter aus. Die Taktik verschiebt sich von "Kräfte sparen" in der ersten Rennhälfte hin zu einem brutalen Positionskampf vor den Anstiegen im Finale. Das falsche Flachstück im Ziel: Wer am Ende einer Gruppe den WM-Titel unter sich ausmacht, benötigt nach 274 Kilometern enorme Endschnelligkeit an einer rampenartigen Zielgeraden. Ein zu früher Antritt ist hier taktischer Selbstmord.gregmann27-09-2026
- WAS FÜR EIN FINALE!!!!! Das WM-Straßenrennen der Frauen Elite 2026 in Montréal lieferte ein absolut dramatisches und taktisch hochkomplexes Finale. Am Ende krönte sich die Topfavoritin Demi Vollering (Niederlande) nach einem packenden Schlagabtausch und taktischen Spielchen zur neuen Weltmeisterin. Sie schüttelte auf den letzten Kilometern ihre verbliebene Kontrahentin Kasia Niewiadoma ab.Der Rennverlauf und die SchlüsselszenenDer Solo-Vorstoß von Vollering: Gut 38 Kilometer vor dem Ziel zündete Demi Vollering die entscheidende Rakete. Sie setzte sich alleine vom restlichen Feld ab und baute schnell einen Vorsprung auf.Die gnadenlose Verfolgung: Dahinter formierte sich eine hochkarätige Verfolgergruppe, angeführt von der Polin Kasia Niewiadoma-Phinney und der Italienerin Elisa Longo Borghini. Da bei Weltmeisterschaften kein Rennfunk („No Race Radios“) erlaubt ist, mussten die Fahrerinnen die Situation komplett eigenständig auf der Straße lösen.Der Zusammenschluss und der Konter: 15 Kilometer vor dem Ziel schien Vollerings Solo beendet. Niewiadoma und Longo Borghini schlossen zusammen mit der Französin Juliette Berthet zur Spitzenreiterin auf. Die Italienerin Longo Borghini fackelte nicht lange und ging auf der letzten Runde sogar kurzzeitig selbst in die Offensive.Das entscheidende Pokerspiel: Da sich Vollering und Niewiadoma an der Spitze zeitweise uneinig waren und taktierten, blieb das Rennen bis zum Schluss offen. Rund 4 Kilometer vor dem Ziel setzte Vollering jedoch die finale, alles entscheidende Attacke. Niewiadoma konnte dem Antritt nichts mehr entgegensetzen.gregmann26-09-2026
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