„Da nimmst du ihm nicht mal eben sechs Minuten ab“ – Jonas Vingegaard warnt vor Giro-Überraschung Afonso Eulálio

Radsport
durch Nic Gayer
Donnerstag, 14 Mai 2026 um 16:00
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Jonas Vingegaard hat die erste Woche des Giro d’Italia 2026 bislang exakt nach Plan absolviert. Der Kapitän von Visma - Lease a Bike blieb sturzfrei, kontrolliert und aufmerksam, ohne sich früh das Maglia Rosa aufzubürden. Doch obwohl das Team weiterhin in einer starken Position liegt, hat sich die Dynamik der Rundfahrt inzwischen deutlich verändert.
Denn mit Afonso Eulalio trägt plötzlich ein Fahrer das Rosa Trikot, den viele vor dem Giro nicht auf der Rechnung hatten – und dessen Vorsprung mittlerweile selbst Vingegaard nicht mehr als kurzfristiges Problem betrachtet.
Vor der 6. Etappe machte der Däne im Gespräch mit Cycling Pro Net deutlich, dass die neue Rennsituation keineswegs unterschätzt werden dürfe. Trotz des bevorstehenden Gipfelfinales am Blockhaus glaubt Vingegaard nicht daran, Eulalio den Rückstand sofort wieder abzunehmen.
Jonas Vingegaard auf der 3. Etappe des Giro d’Italia 2026
Jonas Vingegaard sieht Afonso Eulalio beim Giro d’Italia 2026 trotz des bevorstehenden Blockhaus-Finales als ernsthaften Faktor im Gesamtklassement

Vingegaard sieht Eulálio als ernsthaften Faktor

„Nein, auf jeden Fall nicht. Ich meine, jetzt trägt er das Trikot mit mehr als sechs Minuten Vorsprung, das ist ein gutes Polster“, sagte Vingegaard. „Und ich denke, er kann es sicher eine Weile halten. Denn ja, selbst mit der morgigen Blockhaus-Etappe, er ist ein guter Fahrer. Da nimmst du ihm nicht mal eben sechs Minuten in einer Etappe ab. Also ja, er wird das Trikot eine Weile behalten. Das ist sicher.“
Für Visma - Lease a Bike erinnert die Situation durchaus an frühere Grand Tours. Besonders die Vuelta a España 2023 drängt sich als Vergleich auf, als Sepp Kuss nach einer frühen Flucht überraschend die Gesamtführung übernahm und diese letztlich bis nach Madrid verteidigte – vor Jonas Vingegaard und Primoz Roglic.
Natürlich ist Eulalio nicht direkt mit Kuss gleichzusetzen, zumal der Giro d’Italia noch zahlreiche schwere Bergetappen bereithält. Dennoch bleibt das grundlegende taktische Problem ähnlich: Ein Fahrer mit ausreichend Kletterstärke durfte sich einen großen Vorsprung herausfahren – und verändert damit die gesamte Dynamik des Rennens.
Bislang bestand Vismas Giro-Strategie vor allem aus Kontrolle statt Aggression. Das Team wollte bewusst vermeiden, das Maglia Rosa bereits in der ersten Woche übernehmen zu müssen, um zusätzlichen Medienaufwand und Belastungen im Alltag des Rennens zu umgehen.
Doch inzwischen geht es nicht mehr nur darum, Verantwortung abzugeben. Die Gefahr wächst, das Rennen zu weit aus der Kontrolle geraten zu lassen.

Vingegaard bleibt trotz schwieriger Bedingungen gelassen

Trotz der chaotischen fünften Etappe wirkte Vingegaard auffallend ruhig. Dauerregen, Kälte und schwierige Bedingungen hatten das Feld stark gefordert, doch der Däne zeigte sich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf.
„Ich fühle mich immer noch gut“, erklärte er. „Ich bin froh, dass ich gestern durchgekommen bin. Es war ein langer Tag, ein nasser Tag, ein kalter Tag. Also war es am wichtigsten, einfach sicher durchzukommen. Und wir haben keine Zeit verloren. Ich denke, meine Teamkollegen haben gestern einen guten Job gemacht.“
Gleichzeitig deutete Vingegaard an, dass ihm solche Bedingungen möglicherweise sogar entgegenkommen könnten.
„Ich komme normalerweise gut mit harten Bedingungen zurecht“, sagte der Visma-Kapitän. „Ich denke, einige andere leiden ein bisschen mehr als ich. Es geht natürlich darum, warm zu bleiben, und das haben wir gestern als Team ziemlich gut hinbekommen, nicht nur ich. Wir sind sicher durchgekommen.“

Blockhaus könnte die Kräfteverhältnisse erstmals offenlegen

Die erste wirkliche Antwort im Kampf um den Giro-Gesamtsieg dürfte nun am Blockhaus folgen. Vingegaard vermied zwar klare Ansagen darüber, ob Visma - Lease a Bike dort offensiv das Rennen sprengen werde, machte jedoch deutlich, dass der Anstieg keine Schwächen verzeiht.
„Ich denke, der Blockhaus ist ein Anstieg, in dem man sich nicht verstecken kann“, sagte er. „Es wird sicher eine Etappe, in der die GC-Jungs kämpfen, und ja, wer weiß, vielleicht kämpfen wir um den Etappensieg. Das wäre auch schön, aber es liegt nicht nur an uns, auch an anderen Teams.“
Genau dieser Punkt könnte für den weiteren Giro entscheidend werden. Zwar verfügt Visma - Lease a Bike mit Vingegaard über den wohl stärksten Favoriten im Feld, doch die Verantwortung, Eulalios Vorsprung zu verkleinern, wollen die Niederländer offensichtlich nicht allein tragen.
Auch Teams wie Red Bull - BORA - hansgrohe, Lidl–Trek oder Netcompany INEOS stehen nun vor der Frage, wie viel Energie sie bereits vor der Schlusswoche investieren wollen.
Vingegaard erklärte zudem, warum Visma - Lease a Bike auf der fünften Etappe Victor Campenaerts als Satellitenfahrer in die Fluchtgruppe geschickt hatte – ein Zeichen dafür, dass das Team weiterhin flexibel auf unterschiedliche Rennsituationen reagieren möchte.
„Wir denken bei einer Etappe wie dieser immer – das haben wir oft gezeigt –, dass es gut ist, einen Satellitenfahrer zu haben, falls Pech passiert oder wenn man etwas probieren will“, erklärte Vingegaard. „Es ist nie schlecht, einen Mann vorne zu haben, der jederzeit warten kann. Und genau das war gestern unser Plan.“
Auf die Frage, ob er selbst über einen Angriff nachgedacht habe, antwortete der Däne jedoch zurückhaltend: „Der Abstand war so klein, dass es selbst bei einem Angriff keinen Sinn ergeben hätte.“
Doch genau das könnte sich am Blockhaus schnell ändern. Denn erstmals in diesem Giro d’Italia droht langes Abwarten womöglich zum Risiko zu werden. Vingegaards Botschaft jedenfalls ist eindeutig: Afonso Eulalios Vorsprung ist real – und Visma - Lease a Bike kann sich nicht mehr ausschließlich auf den perfekten Moment zum Zuschlagen verlassen.
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