„Wir sind Vollgas gegangen … vielleicht zu sehr“ – Fehleinschätzung im Prolog zwingt Visma bei der Tour Down Under zum Kurswechsel

Radsport
Dienstag, 20 Januar 2026 um 17:30
TourDownUnder_FilippoFiorelli
Team Visma | Lease a Bike ist nicht nach Australien gereist, um einen 3,6-Kilometer-Prolog zu gewinnen. Doch als sie sich voll auf den Auftakt beim Tour Down Under einließen, erwarteten sie mehr als einen ruhigen Nachmittag.
Stattdessen brachte der All-in-Ansatz zunächst Zuversicht, anschließend Frust – und am Ende des Tages einen klaren Kurswechsel.
Sportdirektor Jesper Mørkøv räumte ein, dass der Plan simpel war: von Beginn an maximal fahren. „Der Plan war, vom Start weg Vollgas zu geben“, sagte er in der teaminternen Mitteilung nach der Etappe. „Das ist uns gelungen, aber es war klar, dass es für Matthew und Filippo ein wenig zu schnell war. Sie haben im zweiten Teil des Prologs Zeit verloren, was schade ist.“
Matthew Brennan und Filippo Fiorelli lagen am ersten Zwischenzeitpunkt in Adelaide vorn – ein Zeichen, dass Vismas Pacing-Strategie zunächst aufging. Doch über den 3,6-Kilometer-Kurs zahlten beide für den explosiven Start. Brennan wurde 29. mit +9,52, Fiorelli 57. mit +15,22. Samuel Watson holte den Sieg für INEOS Grenadiers.

Von Sekunden zu Etappen

Erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Tour Down Under begann das Rennen mit einem Zeitfahren. Auf flachen Straßen und bei knappen Abständen setzte Team Visma | Lease a Bike auf Angriff statt Kontrolle.
Mørkøv bewertete das Ergebnis nüchtern. „Alles in allem sind wir solide gestartet“, sagte er. „Die anderen Jungs haben ebenfalls abgeliefert, was von ihnen erwartet wurde.“
Wichtiger war jedoch der nächste Satz, der viel über den tatsächlichen Fokus verriet. „In den kommenden Tagen peilen wir einen Etappensieg an. Matthew ist dafür der perfekte Kandidat.“
Das ist die Kehrtwende.
Der Prolog war relevant, aber nie das Hauptziel. Visma reiste mit einer jungen, entwicklungsorientierten Mannschaft an. Brennan, Fiorelli, Anton Schiffer, Menno Huising, Per Strand Hagenes, Pietro Mattio und Tim Rex bereiteten sich fast zwei Wochen lang in Australien auf das Rennen vor. Die Stimmung ist laut Mørkøv gut. Die Zielsetzung ist nun eindeutig.
Statt Sekunden in einem Gesamtklassement zu jagen, das sie kaum gewinnen können, richtet sich der Fokus sofort auf das, was dieser Gruppe am besten liegt: aggressives Rennen und Etappenjagd.
Samuel Watson auf dem Podium nach dem Sieg im Prolog der Tour Down Under 2026
INEOS-Profi Samuel Watson gewann den Prolog der Tour Down Under 2026

Was der Prolog tatsächlich zeigte

Die Resultate schmeicheln Visma nicht, die Daten schon. Die Bestzeit am ersten Zwischenmesspunkt war kein Zufall. Sie zeigte, dass Brennan und Fiorelli die Leistung haben, um mit Spezialisten mitzuhalten – zumindest in kurzen Spitzen. Was fehlte, war die Fähigkeit, diese Intensität über die gesamte Dauer zu halten.
Das ist relevant für die kommenden Tage. Sprintetappen und dezimierte Finals erfordern kein gleichmäßiges Pacing über 3,6 Kilometer. Entscheidend sind Timing, Positionierung und Endgeschwindigkeit im Finale.
Brennan, intern bereits als Karte für einen Etappensieg benannt, passt viel besser in dieses Profil als in die Rolle eines Zeitfahrspezialisten.
Team Visma | Lease a Bike wollte dem Prolog etwas entreißen. Das gelang nicht. Aber sie wissen nun genau, wo ihre Stärke liegt.
Sie gingen Vollgas. Vielleicht zu viel. Jetzt wissen sie, wohin sie es richten müssen.
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