Der Medientag im Januar bei Team Visma | Lease a Bike sollte eigentlich um neue Rennpläne, Neuzugänge und frische Ziele kreisen. Stattdessen dominierte ein Thema, mit dem intern niemand so früh gerechnet hatte. Grischa Niermann musste erklären, warum Simon Yates plötzlich aufhört – und was das für die Saison und die Neuaufstellung des Teams bedeutet.
Simon Yates kam ohne Vorwarnung
Auf die Frage, ob es im Vorfeld Hinweise auf Frust oder mentale Probleme gegeben habe, antwortet Niermann klar: „Nein.“ Yates sei jemand, der vieles mit sich selbst ausmache. „Ich denke, Sie kennen Simon ein wenig. Er ist ein sehr ruhiger Typ und trifft Entscheidungen für sich. Er braucht nicht 20 Leute, mit denen er reden oder diskutieren muss.“ Die Entscheidung habe er „wirklich mit sich – und sicher mit den ihm nächsten Menschen, seiner Familie – ausgemacht“. Deshalb sei sie intern umso überraschender eingeschlagen: „Solche Gespräche hatten wir nie mit ihm, deshalb war es sehr überraschend.“
Pläne umzeichnen gehört dazu
Dass Visma seine Saisonpläne nun anpassen muss, verhehlt Niermann nicht. „Natürlich stand das nicht auf unserem Weihnachtswunschzettel, wie gesagt, aber es ist, wie es ist.“ Yates war sportlich fest eingeplant – „wir haben auch mit Simon geplant, und er stand voll dahinter“ – jetzt müsse man umdisponieren. „Nicht alles, aber für die Rennen, die Simon fahren sollte.“
Konkrete Folgen nennt er sofort: „Sicher brauchen wir jemanden anderen für die Tour de France. Er war zum Beispiel unser Leader für Paris–Nizza. Wir müssen jetzt entscheiden, wie wir das angehen.“ Gleichzeitig ordnet er den Einschnitt in die Realität des Sports ein: „Höchstwahrscheinlich passiert im Lauf des Jahres ohnehin, dass sich jemand verletzt, stürzt oder krank wird, und dann passen wir wieder an.“ Sein Fazit ist pragmatisch: „Am Ende ist das Teil meines Jobs – unseres Jobs.“
Keine Überredung, kein Ersatz: „Es war ziemlich klar“
Ob das Team versucht habe, Yates umzustimmen? „Nein. Es war ziemlich klar.“ Niermann sagt sogar, er sei erleichtert, dass Yates die Reißleine jetzt ziehe. „Am Ende – zumindest wenn ich für mich spreche – bin ich eher froh, dass er diese Entscheidung trifft und sagt: Okay, ich will aufhören, als dass er in zwei, drei Monaten merkt, dass er es mental nicht mehr aufbringen kann.“
Einen sofortigen Ersatz zu verpflichten, sei ausgeschlossen. „Ja, es war Anfang Januar, und wenn ich die Regeln richtig kenne, können wir einen Fahrer, der bei einem anderen Team unter Vertrag steht, frühestens am ersten August verpflichten.“ Für die laufende Saison gelte: „Für jetzt gibt es also keine Möglichkeit, ihn zu ersetzen.“ Und selbst wenn: „Außerdem ist kein Fahrer auf dem Markt, der Simon Yates ersetzt.“ Kurzfristig verweist Niermann auf die Kaderbreite: „Wir sind mit unseren 28 Fahrern zuversichtlich.“
Neue Gesichter, neue Rollen: „Wir haben große Zukunftsambitionen“
Die Antworten zum Kader zeigen, wie Visma den Umbruch in Chancen übersetzen will. Bei den Neuzugängen hebt Niermann besonders Davide hervor: „Mit Davide haben wir natürlich ein großes Talent fürs Gesamtklassement, auch für die Grand Tours und für die Zukunft.“ Er erinnert an dessen Giro-Resultat: „Er wurde im Giro schon Zwölfter, bei einem kleineren Team.“ Und er erklärt den Plan: „Er fährt zusammen mit Jonas den Giro.“
Gleichzeitig bremst er Erwartungen: „Wir glauben absolut, dass er Zeit braucht und stärker werden muss. Vielleicht kann er in Zukunft auch überraschen.“ Auch Bruno beschreibt er als wichtigen Baustein: „Bruno bringt viel Erfahrung mit, hat mehrere Grand Tours absolviert. Er ist ein sehr, sehr starker Fahrer. Ein guter Kletterer, kann auch auf den Flachen arbeiten, und er wird eine wichtige Hilfe sein.“
Kopfsteinpflaster und Monumente: „Wir haben viele Optionen“
Für die Klassiker-Fraktion sieht Niermann trotz Abgängen keinen Grund zur Panik. „Wir haben ein etwas anderes Team.“ Er zählt auf, wo er verstärken will: „Wir holen Christophe dazu, und wir setzen Mathieu in noch mehr Rennen ein. Vielleicht bestreitet auch Axel einige Rennen.“ Der Ansatz: „Wir haben viele schnelle Männer. Betrachtet man, wie man diese Rennen gewinnt, entscheidet oft der Frühling – auf eine bestimmte Art. Wir haben viele Optionen.“
Trotzdem bleibt die Hierarchie klar: „Natürlich bleibt Wout unser Speerspitze.“ Und er legt die Messlatte hoch: „Voraussichtlich der stärkste, der in den Finals wirklich konkurrenzfähig sein muss.“
Auch Timo sei explizit für diesen Block geholt worden: „Wir haben ihn letztes Jahr in einigen dieser Rennen gesehen, wo er sehr stark war.“ Und Laporte soll nach dem verpassten Frühjahr zurück in eine Schlüsselrolle: „Er ist sicher einer unserer großen Fahrer für diese Rennen.“
Brennan als Langzeitprojekt
Besonders spannend klingt Niermann bei der Perspektive auf Brennan. „Idealerweise sind sie eine perfekte Kombination“, sagt er über die Verbindung mit Wout van Aert. Gleichzeitig mahnt er Geduld an: „Mit Brennan müssen wir einen langfristigen Plan festlegen.“ Visma sehe in ihm einen künftigen Topfahrer: „Wir sind überzeugt, dass er ein Weltklassefahrer wird, aber es muss nicht sofort passieren.“
Der Rennkalender ist dennoch ambitioniert: „Er fährt sicher auch die Monumente. Er wird Sanremo bestreiten. Er fährt Flandern. Er fährt Roubaix.“ Und Niermann erklärt den Gedanken dahinter: „Aber das ist auch Lernen im Schatten von Wout.“ Sein Zukunftsbild ist klar: „Ich glaube, er wird in Zukunft Monumente gewinnen.“
Giro-Tour-Double als Motivationshebel
Warum Visma Vingegaards Giro–Tour-Plan so offensiv stützt, erklärt Niermann nicht nur mit Daten, sondern auch mit Psychologie. „Bei Jonas haben wir es gesehen: Er ist sehr entspannt, sehr glücklich, freut sich wirklich auf die Saison – und das spielt für mich eine Rolle.“ Und auch bei van Aert gehe man die Klassiker „jetzt anders an“.
Er betont: Es geht nicht darum, ein altes Konzept zu verwerfen, weil es gescheitert wäre. „Nicht, weil wir Flandern und Roubaix in den letzten Jahren nicht gewonnen haben und nun sagen, das funktioniert nicht, wir müssen alles ändern.“ Vielmehr sei Veränderung ein Mittel gegen Stagnation: „Aber für jeden Fahrer ist es sinnvoll, ab und zu Dinge zu verändern.“ Und dann der entscheidende Satz: „Das kann man nicht in Zahlen fassen, das sind keine plus 15 oder 20 Watt, aber es spielt sicher eine sehr große Rolle.“
„Radsport ist keine exakte Wissenschaft“
Auf die Frage, ob der Giro–Tour-Plan datengetrieben sei, antwortet Niermann eindeutig: „Ja.“ Visma sei überzeugt, „dass er mit dem Giro in den Beinen zur Tour de France in noch besserer Form sein kann“. Gleichzeitig räumt er ein, dass der Giro mehr Unbekannte mitbringt: „Es gibt aber mehr Variablen. Die Umstände im Giro können wir nicht im gleichen Maß steuern.“
Und obwohl er den Ansatz klar in Richtung Daten verortet, bleibt er realistisch: „Aber Radsport ist keine exakte Wissenschaft.“ Die Grenzen des Modells beschreibt er offen: „Wir können nicht sagen: Wenn Jonas den Giro fährt und wir dort diesen Aufwand erwarten, ist er zur Tour genau in dieser Form.“ Sein Fazit: „Es ist so datenbasiert, wie es eben möglich ist.“
Mehr Geld, härterer Markt – Visma bleibt bei seiner Philosophie
Beim Thema Budget und Transfermarkt bestätigt Niermann den Trend: „Es ist kein Geheimnis, dass mehr Budget in die WorldTour kommt und viele große Teams viel Geld haben.“ Gleichzeitig verweist er auf das Visma-Prinzip: Talente holen, bevor sie Superstars sind. „Unsere Philosophie zeigt, wo wir in der Vergangenheit am erfolgreichsten waren: gute Fahrer verpflichten, die noch nicht Weltklasse sind.“
Er nennt Beispiele aus der Vergangenheit: „Wir haben Jonas verpflichtet, niemand kannte ihn. Wir haben Sepp als sehr unbekannten Fahrer geholt.“ Auch bei späteren Stützen sei es ähnlich gewesen: „Selbst Fahrer wie Christophe, wie Wout, wie Matteo waren keine Superstars, als wir sie verpflichtet haben.“ Es gebe keine Garantien, aber der Plan bleibe: „Wir holen Fahrer, die wir besser machen wollen, deren volles Potenzial wir freisetzen möchten.“
Risikofaktor Öffentlichkeit: „Wenn es nicht aufgeht, sagen die Leute, sie hätten es vorher gewusst“
Zum Abschluss beschreibt Niermann die Kehrseite mutiger Planänderungen. „Ja, es ist immer kompliziert. Wenn es aufgeht, ist alles perfekt. Wenn nicht, sagen die Leute, sie hätten es vorher gewusst.“ Trotzdem habe man bewusst zugehört: „Wir wollen vor allem mit den Führungskräften im Kader sprechen, wenn wir den Jahresplan erstellen.“ Idealerweise deckten sich Team- und Fahrerambitionen, „das gibt einen zusätzlichen Effekt“.
Und genau darin liegt Vismas Leitmotiv für 2026: datenbasiert arbeiten – aber nicht dogmatisch. „Hin und wieder ist es gut, Pläne anzupassen und nicht exakt dasselbe zu machen wie in den letzten zwei, drei, vier Jahren.“
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.