Geraint Thomas bestreitet die Tour of Britain 2025 – die letzte Rundfahrt seiner langen Profikarriere. Vor der vierten Etappe sprach er mit RadsportAktuell.de über die Bedeutung, seine Zeit im Peloton ausgerechnet auf heimischem Boden zu beenden, im Kreis von Freunden, Familie und Fans. Der Tour-de-France-Sieger von 2018 räumte ein, dass die Emotionen Tag für Tag stärker werden, je näher das Ende rückt.
„Ja, ganz sicher. Es ist so unwirklich, denn das Hotel, in dem wir untergebracht sind, liegt nur ein paar Kilometer von unserem Hochzeitsort entfernt“, erklärte Thomas. „Mit dem Team hier zu sein und gleichzeitig auf den heimischen Straßen zu fahren, begleitet von der ganzen walisischen Fangemeinde – das ist schon etwas Besonderes. Ich bin wirklich glücklich, hier zu sein.“
Die Stimmung rund um das Rennen war außergewöhnlich: Viele Zuschauer trugen Masken mit dem Konterfei von Thomas. Er nahm es mit Humor, zeigte sich aber auch gerührt. „Ja, das ist schon ein bisschen seltsam, wenn man rausfährt und sein eigenes Gesicht in der Menge sieht. Aber die Unterstützung, die ich während meiner gesamten Karriere erfahren habe, war einfach fantastisch. Ich fühle mich wirklich privilegiert, meinen Abschied hier feiern zu dürfen.“
Was die sportlichen Ambitionen betrifft, gab sich der Waliser realistisch: „Oh, ich werde keine großen Ergebnisse mehr holen, aber ich möchte meinen Teamkollegen helfen und meinen Teil beitragen. Gleichzeitig geht es darum, die letzten Tage einfach zu genießen. Noch rund 240 Kilometer sind übrig – ich will alles aufsaugen und das Beste daraus machen. Es ist fast so, wie als Kind kurz vor Weihnachten: Es fühlt sich endlos an, doch plötzlich ist der große Tag da und man denkt: ‚Oh Gott‘.“
Geraint Thomas 2025
"Der morgige Tag wird mir wehtun"
Besonders bewegend war für Thomas, seine Familie am Straßenrand zu sehen: „Es ist schon ein komisches Gefühl, vor allem, weil ich meine Frau und meinen Sohn heute Morgen hier getroffen habe. Ich glaube schon, dass es emotional wird, wenn ich sie wiedersehe. In Paris, am Ende der Tour, war es auch überwältigend. Ich werde versuchen, mich zusammenzureißen, aber vermutlich gelingt mir das nicht.“
Im Juli fuhr Thomas letztmals die Tour de France – das Rennen, in dem er vom Profi zum walisischen Radsporthelden wurde und seinen Namen endgültig in den Geschichtsbüchern verankerte. „Ich hatte das Glück, viele große Momente zu erleben, aber die Tour wird immer herausragen. Diese drei Wochen waren einfach unglaublich.“
Wie es nach dem Karriereende weitergeht, ließ er offen: „Zuerst möchte ich die nächsten Tage genießen. Natürlich sprechen wir mit dem Team über eine mögliche Rolle für die Zukunft, aber jetzt ist erstmal Abstand wichtig. Ein paar Wochen ohne Radsport werden guttun. Danach, das weiß ich, kommt die Lust zurück, wieder etwas anzupacken. Es gibt viele Möglichkeiten, und ich freue mich darauf.“
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.