Viele Fahrer der INEOS Grenadiers leben im Großraum Nizza–Monaco. In diesem Jahr ist der französische Ölkonzern TotalEnergies als Teamsponsor eingestiegen und wird ab 2027 Titelsponsor, wodurch INEOS sein Investment reduzieren wird. Möglich ist zudem, dass das Team seine britische Lizenz aufgibt – was faktisch das Ende des letzten verbliebenen britischen Top-Teams bedeuten könnte.
Der britische Radsport steckt in einer tiefen Krise, ebenso die INEOS Grenadiers. Die Existenz des Teams ist nicht gefährdet, im Gegenteil: Sie wirkt stabiler als bei vielen WorldTour-Formationen, da im kommenden Winter ein neuer Titelsponsor übernimmt. Für TotalEnergies, das aktuelle französische Team, bedeutet das die Suche nach einem neuen Namensgeber – das Risiko eines weiteren Team-Aus ist real. Das kümmert den britischen Giganten jedoch wenig, der in den 2010er-Jahren die Grand Tours dominierte: Mehrere Tour-de-France-Siege gingen auf das Konto dreier britischer Fahrer – Chris Froome, Bradley Wiggins und Geraint Thomas.
Parallel dazu ist die britische Straßenszene im Profibereich erodiert: zahlreiche Rennen verschwanden, bei den Teams das gleiche Bild. Das Land stellt aktuell im Männerpeloton buchstäblich nur ein einziges Profiteam – weniger als Nationen wie Kirgistan, Marokko, Rumänien oder Iran, die kaum Tradition im Sport haben.
Auch die Tour of Britain verlor Renntage; in diesem Jahr fanden nur sechs Etappen statt, obgleich das Rennen bei Fans und Fahrern sehr beliebt bleibt. Hinzu kommt: Mit dem Karriereende von Ikonen wie Mark Cavendish, Geraint Thomas und bald Chris Froome ist die Strahlkraft des Landes nicht mehr dieselbe.
INEOS tat sich zudem schwer, britische Top-Talente zu halten. Nationalmeister Ethan Hayter sowie der britische Star und Olympiasieger Tom Pidcock gehen beide, unzufrieden mit Entscheidungen des Managements. In den vergangenen Jahren haben – abgesehen von Carlos Rodríguez und dem Youngster Joshua Tarling – nur wenige Transfers sportlich wirklich den Unterschied gemacht. Die Mannschaft verfügt längst nicht mehr über die Dominanz vergangener Jahre bis etwa 2021 oder 2022.
Um wieder zumindest auf Augenhöhe mit UAE Team Emirates – XRG und Team Visma | Lease a Bike zu agieren, suchte das Team neue Unterstützung. Fündig wurde man bei TotalEnergies, das ab 2027 als Titelsponsor einsteigt – ohne Budgeterhöhung. Laut Cyclingnews bleibt das Budget in etwa stabil, leicht über 50 Millionen Euro jährlich, wobei rund ein Drittel von der französischen Firma getragen wird und INEOS seine Mittel reduziert. Die rund 15 Millionen Euro von TotalEnergies entsprechen in etwa dem aktuellen Einsatz beim Zweitdivisionsteam.
Dem Bericht zufolge kursieren zudem Gerüchte, das Team könnte ab 2028 oder 2029 eine französische Lizenz anstreben – passend zum wachsenden Einfluss von TotalEnergies. Die Verpflichtungen des französischen Meisters Dorian Godon und von Kévin Vauquelin markieren bereits den Vorstoß auf den französischen Markt. Auch Supertalent Paul Seixas – dessen Vertrag bei Decathlon AG2R La Mondiale aktuell bis 2027 läuft – könnte Teil der Zukunftsstrategie sein, um zur Spitze zurückzukehren.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.