Giulio Ciccones Rosa-Trikot-Traum endete, bevor der 31-jährige Italiener den Moment überhaupt auskosten konnte. Es bestand stets das Risiko, dass die sechste Etappe, scheinbar wie gemacht für eine Ausreißergruppe, einen Führungswechsel bringen würde… Doch wie Lidl-Trek die Verteidigung der Maglia Rosa anging, wirkte eher rätselhaft.
Nachdem das Team den ganzen Tag hart gearbeitet hatte, um den Vorsprung der Ausreißer in Reichweite zu halten, fehlte am Ende der letzte Schritt – die zwei Minuten zuzufahren wollte niemand übernehmen.
Eurosport-Kritik an Lidl-Treks Taktik
„Darf ich sagen, dass das ein Fehler von Lidl-Trek ist?“, fragt Eurosport-Kommentator Karsten Kroon. „Warum ist Ciccone am Anstieg nicht Vollgas gefahren? Er hätte die Lücke schließen können. Das war der Moment, in dem er das Rosa Trikot hätte retten können. Jetzt ist es zu spät.“
„Was hatte Ciccone zu verlieren? Er ist den Anstieg nicht Vollgas gefahren. Dann heißt es: alles oder nichts, denn er fährt nicht auf die Gesamtwertung“, so Kroons Einschätzung. „Vielleicht fühlte er sich nicht gut, aber nun hat er sich vom Tempo von Aleksandr Vlasov abhängig gemacht. Im Nachhinein ist es leicht, so zu urteilen, und vielleicht lief etwas schief und er dachte, Pellizzari würde attackieren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Ciccone darüber glücklich sein wird.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Lidl-Trek zwei Karten im Peloton: Ciccone und den designierten Gesamtklassementskapitän Derek Gee. Der kanadische Meister zeigte sich an den vorangegangenen Tagen jedoch nicht in Topform. Entsprechend überraschte – und sorgte wohl auch für Verwirrung –, dass man keine Kräfte investierte, um die Ausreißergruppe konsequent zu jagen.
Und so bekam Ciccone die Aufgabe, an die Spitze des Feldes zu fahren und ein gleichmäßiges, moderates Tempo vorzugeben, damit die Ausreißer nicht zu viel Vorsprung herausholten.
„Ich tue mich schwer damit, dass der Träger des Rosa Trikots so von vorne fährt… Er ist nicht irgendwer. Das schmerzt wirklich“, resümierte Kroon.