„Es gibt ungeschriebene Regeln, die man respektieren muss“ – Felix Galls Podiumsplatz beim Giro d’Italia könnte der Tradition zu verdanken sein

Radsport
Dienstag, 02 Juni 2026 um 13:30
Felix Gall
Felix Gall hat soeben den zweiten Platz beim Giro d’Italia belegt, das beste Grand-Tour-Ergebnis seiner Karriere und jene Rundfahrt, in der er am Berg sein höchstes Niveau zeigte. Der Österreicher profitierte womöglich von einer ungeschriebenen Profi-Regel, die mit dafür gesorgt haben könnte, dass er auf Abfahrten nie wirklich getestet wurde.
„Sehr positiv. Wir sind mit großen Ambitionen hergekommen, und die erwiesen sich als erreichbar. Auf dem Papier peilten wir die Top Fünf an, träumten aber vom Podium“, sagte Decathlon CMA CGM-Profi Oliver Naesen gegenüber IDLProCycling.

Gall mit bestem Grand-Tour-Ergebnis und starkem Bergtag

Der fünfte Platz bei der letztjährigen Tour erlaubte Gall, nach den Ausfällen von Fahrern wie João Almeida, Richard Carapaz, Mikel Landa (vor dem Start) beim diesjährigen Giro höher zu zielen; in den ersten Etappen mussten zudem Santiago Buitrago und Adam Yates aufgeben.
„Wir hatten gedacht, Giulio Pellizzari wäre der zweitbeste Kletterer hinter Vingegaard, aber am Ende waren wir es. Das war fantastisch“, sagte der Belgier. In der ersten Woche nahm Gall seinen direkten Rivalen im Kampf ums Podium richtig viel Zeit ab; letztlich brachte ihn aber seine Konstanz über die gesamte Rundfahrt so weit nach vorn.
„Vor dem Giro wusste ich schon, dass Felix zu den zwei oder drei besten Kletterern zählen würde, aber wie groß würde die Klatsche im 42-Kilometer-Zeitfahren ausfallen? Die großen Gesamtkandidat­en, die auch starke Zeitfahrer sind, waren hier nicht wirklich am Start, also blieb der Schaden begrenzt. Trotzdem lauert in einer Grand Tour die Gefahr immer um die Ecke.“

Positionierung als Schlüssel zu Galls zweitem Platz?

In den Bergen holte der Österreicher die Zeit aus dem Zeitfahren, vor allem auf Thymen Arensman, größtenteils wieder auf. Darüber hinaus vermied er Verluste durch Stürze, Windkanten und seine bekannte Schwäche – die Abfahrten. Naesen erklärt, wie Galls Status als „Nummer zwei“ im Giro schon früh ihm und dem Team half.
„In den vergangenen Jahren hat Felix viel Energie im Gerangel um Positionen vergeudet, Energie, die ihm dann am Berg fehlte. Wenn klar ist, dass du der zweitbeste Kletterer im Feld bist, fällt es den anderen schwer, uns anzugreifen. Es gibt ungeschriebene Regeln, die man respektieren muss“, argumentiert der Routinier. „Als Zweiter der Gesamtwertung bist du die zweite Reihe im Peloton, das bedeutete, Felix fuhr vorne immer als Achter oder Neunter.“
Das führte letztlich dazu, dass der Kletterer auf den Abfahrten, die ihm in der Vergangenheit Probleme bereiteten, nie wirklich gefordert wurde. „Das war ideal für jede Abfahrt. Wenn ein Filippo Ganna in dem Moment zusammen mit Thymen Arensman neben uns gefahren wäre, wäre das nicht erlaubt gewesen“, erklärt Naesen. Die anderen Teams hätten sich an dieselbe Annahme gehalten.
„Und es funktioniert auch umgekehrt; wären wir hinter INEOS in der Wertung gewesen, wären wir ebenfalls nicht vor oder in ihrem Zug gefahren und hätten das Rennen hinter ihnen ertragen müssen.“

Oliver Naesen schirmte Gall persönlich ab

Darüber hinaus fungierte Naesen als Straßenkapitän, traf unterwegs Entscheidungen und kommunizierte mit anderen Teams. Das französische Team geriet häufig mit Team Visma | Lease a Bike aneinander, und Naesen übernahm das Reden.
„Victor Campenaerts ist bei Visma | Lease a Bike das Sprachrohr, und wenn er in einer Flachetappe zu Felix kam, um zu fragen, was wir vorhaben, antwortete der immer: ‚Ich bin nur Passagier, sprich mit Oliver und lass mich in Ruhe‘.“
Die Taktik der Mannschaft war in Sachen Ausreißer eher konservativ, das Team blieb über weite Strecken der Rundfahrt geschlossen. Doch die Strategie ging auf, Gall wurde am Ende Zweiter.
„In diesen Etappen wurde nichts von ihm erwartet, er musste nur mit der ersten Gruppe ankommen. Das gab ihm viel Ruhe. Nach dem Sturz am zweiten Tag sagte ich zu Felix: ‚Damit haben wir nichts zu tun. Es war nass, wir fuhren 90 pro Stunde, also blieben wir mittig hinten.‘ Ich versprach ihm, ihn zum Anstieg wieder nach vorne zu bringen. Das waren wirklich Felix’ Stärken bei diesem Giro“, schloss er.
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