Genau vor zehn Jahren sorgte
Wout Poels für eine große Überraschung, als er 2016 die
Lüttich–Bastogne–Lüttich gewann. Der Niederländer, bei Team Sky zumeist als Helfer eingesetzt, rückte spät im Rennen zum Teamkapitän auf, als sein Teamkollege in der Kälte einbrach. Auf dem neu ins Finale aufgenommenen Kopfsteinpflaster-Anstieg nutzte Poels seine Chance, setzte sich mit einer kleinen Gruppe ab und gewann den Sprint. Rückblickend bezeichnet der Niederländer diesen Triumph noch immer als absoluten Höhepunkt seiner Karriere.
Einspringen, als die Kälte übernahm
Das Rennen Ende April findet meist bei ordentlichem Frühlingswetter statt, doch 2016 war alles anders. „Es war wie eine Survival-Tour mit Klamottenwechsel, Kälte und Schnee“, sagte Poels über die harten Bedingungen an jenem Tag im Gespräch mit der
Wieler Revue.
Damals war Poels Edelhelfer und fuhr selten auf eigene Rechnung. Seine echte Chance kam, als der designierte Kapitän
Michal Kwiatkowski in der Eiseskälte schwer zu leiden begann. „Kwiatkowski sagte zwanzig Kilometer vor dem Ziel, dass er sich nicht gut fühlte. Dann hat er mich noch ein paar Mal stark nach vorn gefahren.“
Als wäre das Wetter nicht hart genug gewesen, bauten die Organisatoren damals einen neuen Schlüsselpunkt ins Finale ein: die Côte de la Rue Naniot. Zwischen der berühmten Côte de Saint-Nicolas und dem Ziel in Ans gelegen, war es ein kurzer, aber extrem steiler Kopfsteinpflaster-Anstieg. „Für mich war es gut, dass dieser Pflasteranstieg drin war. Ich hatte mich den ganzen Tag gut gefühlt“, sagte er anschließend.
Genau auf diesem Sektor gelang Poels der entscheidende Vorstoß gemeinsam mit Michael Albasini, Rui Costa und Samuel Sánchez. „Wir sind dort weggefahren und hatten gleich einen schönen Vorsprung, aber eigentlich habe ich da noch nicht komplett daran geglaubt“, räumte er ein.
Das Quartett hielt die Verfolger in Schach und bereitete einen nervösen Sprint vor. Nach der klirrenden Kälte und dem zermürbenden Profil waren alle in der Spitzengruppe völlig ausgezehrt. „Es ist so ein hartes Rennen… Nach 250 Kilometern ist kein Sprint wie der andere. Jeder war komplett am Ende“, erklärte Poels.
Wout Poels hat 26 Profi-Siege
Der letzte Antritt und die Emotionen
Als der Sprint endlich losging, wartete Poels nicht ab. Er eröffnete von vorn, blieb mit gesenktem Kopf im Tritt und überquerte die Linie als Erster, ohne je über die Schulter zu blicken.
„Ich bin von vorn gegangen und habe niemanden mehr gesehen. Das ist doch das Beste, oder?“, sagte er unmittelbar nach dem Ziel. Seine erste Reaktion war pures Ungläubigsein. „Ich habe das nicht erwartet. Aber hey, was macht das schon?“
Auch zehn Jahre später ist dieser letzte Sprint glasklar in seinem Kopf. Poels sagt, er bekomme noch immer körperliche Reaktionen, wenn er an den Zieleinlauf im Schnee denkt. „Wenn ich daran zurückdenke, kann ich den Film komplett abspielen. Dann stehen mir wieder die Gänsehaare auf den Armen. Für solche Momente macht man das alles.“