Die
Tour de Romandie könnte 2026 ohne Titelsponsor für das Gelbe Trikot an den Start gehen. Nach mehreren Jahren mit Vaudoise Assurances und zuletzt Le Maréchal Käse als Partner ist es den Organisatoren bislang nicht gelungen, einen Nachfolger zu präsentieren. Damit fehlt eine Einnahmequelle, die rund zehn Prozent des Jahresbudgets von etwa 4,5 Millionen Schweizer Franken abdeckt.
Nur wenige Wochen vor Rennbeginn ist die Situation entsprechend angespannt. „Und es wird sehr schwierig, die verlorene Zeit aufzuholen“, erklärte Renndirektor Richard Chassot gegenüber
20 minutes. „Denn das sind beträchtliche Budgets… Für dieses Jahr ist alles, was gedruckt werden konnte, bereits produziert. Die Banner, die Zielbögen, alle Flächen für Werbung. Wenn jemand Hauptsponsor dieser Ausgabe werden will, ist das fast eine Mission Impossible. Entweder wir finden einen Gönner, der seinen Namen auf unser Gelbes Trikot setzt, mit dieser Sichtbarkeit zufrieden ist und die Tour de Romandie retten will.“
Finanzielle Reserven reichen nur begrenzt
Der finanzielle Handlungsspielraum der Stiftung ist äußerst begrenzt und lässt kaum Raum für Zwischenlösungen. „Die Stiftung Tour de Romandie hat nicht die Reserven, um drei oder vier Ausgaben zu überbrücken, bis ein potenzieller Sponsor kommt“, betonte der Schweizer Funktionär. „Wir haben genügend Mittel, um eine Ausgabe ohne Unterstützung des Gelben-Trikot-Sponsors zu veranstalten. Aber da ich unsere Sicherheits- oder Unterkunftsstandards nicht senken will und wir in der WorldTour bleiben möchten (die Elite des Radsports, die dem Veranstalter die Teilnahme der besten Teams garantiert), kostet uns jeder Tag sehr viel Geld. Covid hat einen Teil unserer Reserven aufgezehrt und wir sind gezwungen, einen Titelsponsor zu finden.“
Martínez schlägt João Almeida auf der Königsetappe der Tour de Romandie @Sirotti
Trotz der angespannten finanziellen Lage verfügt die Rundfahrt weiterhin über ein starkes internationales Profil. Im Jahr 2025 verfolgten in der Westschweiz täglich rund 36.000 Zuschauer die Live-Übertragung auf RTS2, mit Spitzenwerten von bis zu 72.000 bei den Bergetappen. Darüber hinaus erreichen die TV-Bilder üblicherweise mehr als 135 Länder und können je nach Ausgabe sogar in bis zu 190 Staaten ausgestrahlt werden. Auch die mediale Präsenz hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – nicht zuletzt dank prominenter Namen im Peloton.
Der Gesamtsieger der vergangenen Ausgabe war der Portugiese João Almeida vom UAE Team Emirates - XRG. Er belegte zweimal Rang zwei und einmal Rang drei auf Etappen und sicherte sich damit den Gesamterfolg. Lenny Martinez und Jays Vine, Teamkollege von Almeida, komplettierten das Podium. Die sechs Etappensiege gingen an Samuel Watson, Matthew Brennan, Lorenzo Fortunato, Jay Vine, Lenny Martinez und Remco Evenepoel.
Für das Jahr 2026 steigen die sportlichen Erwartungen zusätzlich durch die Teilnahme von Tadej Pogačar, der die Schweizer Rundfahrt erstmals in seine Palmares aufnehmen möchte. Der Slowene nutzt das Rennen als wichtigen Baustein seiner Vorbereitung auf die Tour de France, bei der er den Rekord von fünf Gesamtsiegen der Legenden Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain einstellen könnte. Zudem zählt die Tour de Romandie zu den sieben bedeutendsten einwöchigen WorldTour-Rundfahrten, und der Weltmeister verfolgt das Ziel, alle diese Rennen zu gewinnen. Vier davon hat er bereits für sich entschieden: Paris–Nizza, Tirreno–Adriatico, die Katalonien-Rundfahrt und das Critérium du Dauphiné.
Sponsorensuche bleibt Daueraufgabe
Parallel dazu erschwert das internationale wirtschaftliche Umfeld die Suche nach neuen Investoren erheblich. Angesichts globaler Krisen und geopolitischer Unsicherheiten – insbesondere des Kriegs in der Ukraine und des Konflikts im Nahen Osten – agieren viele Unternehmen derzeit zurückhaltend. „Es hört nie auf“, sagte Chassot. „Aber unsere Ausgabe 2026 kann eine Plattform für die nächste sein. Denn ohne Titelsponsor für 2027 können wir die finanzielle Stabilität nicht halten. Im Radsport ist das Gleichgewicht fragil, denn anders als fast alle anderen Sportarten können wir keine Tickets verkaufen.“
Immerhin gibt es Bewegung auf nationaler Ebene: Lidl engagiert sich künftig als Sponsor bei zwei der wichtigsten Schweizer Radrennen. „Radfahren passt perfekt zu unseren Werten: Es ist zugänglich, gesund und bringt Menschen zusammen“, erklärte Bram van der Valk, Leiter von Lidl Schweiz. „Mit unserem Engagement bei der Tour de Suisse und der Tour de Romandie möchten wir die Menschen motivieren, Bewegung und ausgewogene Ernährung ganz einfach in den Alltag zu integrieren.“
Dennoch bleibt es laut Chassot schwierig, in der Schweiz ausreichende finanzielle Unterstützung zu mobilisieren. „Diejenigen, die hier Geld haben, interessieren sich im Allgemeinen nicht für Radsport, und die Unternehmen, die sich präsentieren müssten, wollen derzeit lieber ihr Geschäft stabilisieren, was völlig normal ist“, sagte er.
„Die Versicherungen und die großen Banken hier investieren tendenziell im Ausland. Dabei sind wir das einzige Sportereignis, das den Namen ‚Romandie‘ trägt — der politisch nicht existiert — und ihn international sichtbar macht. Und wenn Pogačar das Gelbe Trikot trägt, ist die Reichweite enorm!“