Für viele fühlte sich
der plötzliche Rücktritt von Simon Yates im Januar wie ein Blitz aus heiterem Himmel an. Für Brian Smith nicht.
Im Gespräch mit road.cc lieferte der frühere britische Meister, Teammanager und langjährige TV-Experte eine der schärfsten Analysen dazu, was der moderne Profiradsport mit seinen Fahrern macht. Und aus seiner Sicht ist Yates’ kommentarloser Ausstieg keine Ausnahme. Er ist ein Symptom.
„War
Simon Yates’ Rücktritt eine Überraschung? Eher nicht“, sagte Smith. „Sie fahren wochenlang in Trainingslager, Tom Pidcock ist in Chile – da ist nichts.“
Für Smith geht es nicht um die Motivation eines Einzelnen. Es ist das System um ihn herum. „Es ist Druck, Druck, Druck die ganze Zeit, und manche sagen irgendwann, das reicht. Was hat Pogacar bei der Tour de France gesagt? Er fährt nicht die Vuelta, und ein Wort stand im Raum: Burnout. Burnout. Sie fahren 80 Renntage im Jahr – zu meiner Zeit sind wir 120 gefahren.“
„Es gibt keinen Ort mehr, sich zu verstecken“
Der Rücktritt von
Simon Yates hat innerhalb des Sports bereits breite Diskussionen ausgelöst. Der amtierende Giro-Sieger stieg am 07.01. mit sofortiger Wirkung aus, nannte Motivationsverlust und verschwand dann komplett aus der Öffentlichkeit. Es hieß, er habe Radsport-Accounts in sozialen Medien blockiert. Gerüchte über Burnout machten schnell die Runde.
Smith erkennt ein klares Muster. „Aber es gibt keinen Ort mehr, sich zu verstecken. Ich kann das vollkommen nachvollziehen. Die Teams missbrauchen diese Athleten; es ist Missbrauch. Sie betrachten Fahrer wie Formel-1-Autos.“
Der Vergleich ist bewusst gewählt. Fahrer werden aus seiner Sicht wie Maschinen behandelt, die es zu optimieren gilt, marginaler Gewinn auf marginalen Gewinn, mit wenig Blick darauf, was passiert, wenn das System am Ende überlädt.
„Jede Feinjustierung, die die Leistung steigern kann, wird gemacht, egal ob das Auto crasht – wird das das Leben des Fahrers retten? Daran denken sie wahrscheinlich nicht. Sie denken nur an Leistung und Geschwindigkeiten.“
Hier kreuzt sich Yates’ Geschichte mit einem breiteren Trend. In den vergangenen Saisons haben mehrere prominente Fahrer offen über Erschöpfung, mentale Belastung und die Schwierigkeiten gesprochen, in zunehmend datengetriebenen, eng gesteuerten Teamstrukturen dauerhaft Spitzenleistung abzurufen.
Burnout ist kein Tabu mehr
Smith verwies auch auf die Aussagen von Tadej Pogacar, der nach einer intensiven Kampagne im vergangenen Sommer öffentlich ausschloss, die Vuelta zu fahren, amid Hinweisen auf Burnout. Dieses Wort, einst selten im Radsport verwendet, ist inzwischen in Interviews und Pressekonferenzen alltäglich.
„Die Radprofis helfen sich selbst auch nicht“, ergänzte Smith. „Ich glaube, die meisten denken: Wenn du dieses Training machst, diese Ernährung hast und diese Supplements nimmst oder nicht nimmst, und du später gesundheitliche Probleme bekommst, ist das ihnen egal, vor allem den Jungen. Und sie verlassen sich darauf, dass ihre Teams auf sie aufpassen.“
Genau in dieser Abhängigkeit liegt laut Smith die Gefahr. „Und Radsport, an der Spitze unseres Sports, ist nicht gesund.“
Ein Kontext, der plötzlich Sinn ergibt
Bei
Team Visma | Lease a Bike hinterließ Yates’ Abschied eine sichtbare Lücke in den Planungen für 2026. Er fiel zudem in eine Phase wachsender Debatten über Fahrerbelastung, verdichtete Rennkalender, Höhentrainingslager, lange Phasen fern der Heimat und die psychologischen Kosten permanenten Leistungsdrucks.
Durch Smiths Brille betrachtet wirkt das Timing von Yates’ Entscheidung weniger rätselhaft.
Kein Fahrer, der über Nacht die Motivation verliert. Kein Einzelfall. Sondern ein Beispiel dafür, was passiert, wenn die Anforderungen des modernen Radsports mit den Grenzen des Individuums kollidieren.
Für Smith ist das eigentliche Erstaunen nicht, dass Yates aufgehört hat.
Sondern dass es nicht mehr Fahrer genauso getan haben.