„Wenn Florian Lipowitz nur um zwei Prozent zulegt, ist er auf Augenhöhe mit Tadej Pogacar“ – Jens Voigt sieht Remco Evenepoel bei der Tour de France in der Helferrolle

Radsport
Samstag, 25 April 2026 um 12:30
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Das Kräfteverhältnis bei Red Bull - BORA - hansgrohe schärft sich vor der Tour de France, und geht es nach Jens Voigt, spricht es womöglich nicht für Remco Evenepoel.
Im Rahmen seiner Analyse für Eurosport verwies der frühere deutsche Profi klar auf Florian Lipowitz als den Fahrer, der Tadej Pogacar über drei Wochen am ehesten Paroli bieten kann. „Letztes Jahr war Florian einer der wenigen Fahrer, die versucht haben, auf Tadej Pogacar zu reagieren“, erklärte Voigt und verwies auf die Bereitschaft des Deutschen, Beschleunigungen mitzugehen, die weite Teile des Feldes abgehängt hatten.
Auf dem Papier blieb der Rückstand dennoch deutlich: Lipowitz beendete die Rundfahrt elf Minuten hinter Pogacar, doch die Details hinter diesen Zahlen prägen Voigts Sicht.
„Trotzdem glaube ich, dass er nicht so weit weg ist. Wenn Pogacar sich nicht weiter steigert und vielleicht mal einen durchschnittlichen Tag hat und Florian sich nur um zwei Prozent verbessert, dann sind sie auf Augenhöhe“, sagte er. „Es fehlt nicht viel. Wir reden über minimale Unterschiede.“

Kletter-Hierarchie bei Red Bull zeichnet sich ab

Diese Margen sind entscheidend, weil sie sich eng mit dem decken, was 2026 bereits auf der Straße zu sehen war. Lipowitz hat sich leise eine der konstantesten Etappenrennen-Bilanzen im Peloton aufgebaut und sein Tour-Podium 2025 in dieser Saison mit weiteren starken Gesamtergebnissen untermauert.
Bei Rennen wie der Katalonien-Rundfahrt und der Baskenland-Rundfahrt hat er Evenepoel in den Bergen wiederholt mindestens erreicht oder überboten und sich als verlässlichste Kletteroption des Teams etabliert. In einer modernen Tour de France, die von wiederholten Hochgebirgsetappen geprägt ist, wiegt dieses Profil schwerer denn je.
Evenepoels Stärken bleiben klar. Er ist weiterhin der stärkere Zeitfahrer und einer der explosivsten Fahrer im Feld, fähig, gegen die Uhr und auf welligem Terrain Zeit gutzumachen. Gegen einen Fahrer wie Pogacar, der inzwischen Eliteklettern mit nahezu weltklasse Zeitfahren verbindet, könnte dieser Vorteil allein jedoch nicht entscheidend sein.
Voigts Einschätzung spiegelt dieses Gleichgewicht wider. Der Deutsche sieht in Lipowitz den Fahrer, der in den Bergen die Position halten, über drei Wochen die Verluste begrenzen und in Schlagdistanz bleiben kann, wenn sich die Umstände fügen.
Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard und Florian Lipowitz bei der Tour de France
Lipowitz wurde Dritter bei der Tour de France 2025

Evenepoels mögliche Rollenverschiebung

Das wirft zwangsläufig die Frage nach der Teamhierarchie auf, zumal beide Fahrer im Juli das Gesamtklassement anpeilen dürften. Wie 2025 wird Red Bull die Tour auf dem Papier wohl mit einer Doppelspitze angehen. In der Praxis erwartet Voigt, dass sich das Bild ändert, sobald es hoch ins Gebirge geht.
Der Zeitfahrvorteil des Belgiers bleibt ein zentrales Pfund, doch Voigt glaubt, dass sich die Dynamik deutlich verschieben könnte, sobald die Straße ansteigt. „Er wird nicht ganz glücklich sein und ein bisschen die Zähne zusammenbeißen. Aber ich denke, er ist vernünftig und reif genug zu sagen: ‚Okay, ich bin jetzt in der zweiten Reihe und ein Helfer‘“, sagte Voigt.
Das ist eine klare Ansage, spiegelt jedoch, was bereits früher in dieser Saison anklingt, als Evenepoel sich in entscheidenden Momenten von Etappenrennen zeitweise in einer Helferrolle wiederfand.

Pogacar bleibt der Maßstab

Am Ende führt jede Diskussion zurück zu Pogacar, der für das gesamte Peloton der Bezugspunkt bleibt. Seine Saison 2026 hat seine Vielseitigkeit erneut unterstrichen, von dominanten Frühjahrsklassikern bis zur gefestigten Rolle als komplettester Grand-Tour-Fahrer der Welt.
Genau das macht Voigts „zwei Prozent“-These so bemerkenswert. Sie deutet nicht auf eine klassische Verwundbarkeit Pogacars hin, sondern darauf, dass die Abstände an der Spitze feiner sind, als es die Ergebnisse allein vermuten lassen.
Für Red Bull - BORA - hansgrohe besteht die Aufgabe darin, diese Margen optimal zu nutzen. Lipowitz kommt dem Profil am nächsten, das Pogacar über drei Wochen historisch am ehesten forderte: ein reiner Kletterer, der wiederholte Belastungen tief in einer Grand Tour durchsteht. Evenepoel bietet einen anderen Ansatz, aufgebaut auf Zeitfahrgewinnen und aggressivem Racing.
Voigts Sicht ist klar, welcher Weg dem Team die beste Chance eröffnet. Ob diese Einschätzung trägt, zeigt sich, wenn die Tour de France am 04.07. in Barcelona startet – mit Lipowitz, der nicht nur seine Führungsrolle im Team untermauern, sondern auch testen will, wie klein diese zwei Prozent in der Realität wirklich sind.
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