Ändert
Jonas Vingegaard seinen Kurs, weil er so bessere Chancen sieht,
Tadej Pogacar zu schlagen – oder weil er nicht mehr voll daran glaubt?
Diese unbequeme Frage stellt
TV2-Dänemark-Radexpert Emil Axelgaard, der die Logik hinter Vingegaards Entscheidung in Zweifel zieht, 2026 vor der
Tour de France den Giro d’Italia zu fahren.
„Ein kleines Zeichen der Resignation“
Axelgaard bewertet Vingegaards Giro-Debüt nicht als mutig oder abenteuerlustig, sondern als bedenklich. „Es ist schwer, es nicht auch als ein kleines Zeichen der Resignation zu sehen“, sagte er laut TV2. „Wenn er wirklich zu 100 Prozent überzeugt wäre, Pogacar in diesem Sommer schlagen zu können, würde er wahrscheinlich die Revanche beim größten Radrennen der Welt höher priorisieren.“
Stattdessen, so Axelgaard, setze Vingegaard andere Prioritäten, obwohl das seine Tour-Chancen voraussichtlich schwächt. Aus seiner Sicht gäbe es nur eine Rechtfertigung: wenn Visma und Vingegaard Daten von der Vuelta hätten, die nahelegen, dass eine vorherige Grand Tour seine Form für den Juli nicht spürbar beeinträchtigt.
Diese Lesart steht quer zur offiziellen Botschaft von Visma.
Vingegaards eigene Begründung
Als
Team Visma | Lease a Bike Vingegaards Giro-Debüt bestätigte,
rahmte der Fahrer selbst es als Ambition, nicht als Rückzug. „Natürlich spielte das eine Rolle bei meiner Entscheidung“, hieß es in der Team-Mitteilung. „Ich habe bereits in Frankreich und Spanien gewonnen. Jetzt will ich dasselbe in Italien.“
Er sprach zudem von einem bewussten Versuch, den seit Jahren gleichen Tour-Aufbau zu erneuern. „In den vergangenen fünf Jahren war mein Aufbau Richtung Tour weitgehend derselbe. Dieses Mal haben wir etwas Neues gewählt.“
Aus Vingegaards Sicht ist der Giro keine Flucht vor Pogacar. Es ist ein anderer Weg zu ihm.
Axelgaard ist jedoch nicht überzeugt, dass ein anderer Weg automatisch näher ans Ziel führt.
Der Schatten Pogacars
Der Kontext ist entscheidend. In den vergangenen zwei Saisons hat Pogacar Vingegaard bei der Tour nicht nur geschlagen, sondern zunehmend souveräner. Deshalb wird jede Änderung bei Visma durch eine Frage gefiltert: Hilft das Jonas, Pogacar zu schlagen?
Einige Experten,
darunter Ex-Nationaltrainer Anders Lund, argumentieren, der Giro könne Vingegaard körperlich und mental für die Tour schärfen. Axelgaard sieht es umgekehrt. Für ihn überwiegt das Risiko, nicht die Chance.
Seine Logik ist schlicht: Wäre Vingegaard vollkommen überzeugt, Pogacar im direkten Tour-Rematch schlagen zu können, wäre das seine klare Priorität. Einen Weg zu wählen, der den Juli mutmaßlich schwächt, signalisiert Zweifel statt Selbstvertrauen.
Zwischen Ambition und Unsicherheit
Die Spannung in dieser Debatte entsteht, weil beide Deutungen zugleich bestehen können.
Vingegaard kann aufrichtig das Grand-Tour-Triple vollenden wollen, wie er offen sagt. Er kann ebenso glauben, dass ein anderer Aufbau helfen könnte. Zugleich lassen sich diese Entscheidungen nicht vom Fakt trennen, dass Pogacar die Messlatte höher gelegt hat.
Axelgaards Worte wirken, weil sie die Erzählung infrage stellen, jede Änderung sei rein strategisch. Er bringt die Idee ins Spiel, dass Emotionen, Zweifel und psychische Abnutzung ebenfalls mitlaufen.
Trifft das zu, ist der Giro nicht nur eine sportliche Entscheidung. Er sendet ein Signal, wo Vingegaard in seiner Rivalität mit Pogacar steht.
Was 2026 wirklich prüfen wird
Vingegaard wird 2026 zumindest öffentlich überzeugt starten, dass ihn der neue Weg trotzdem zurück nach Gelb führen kann. Axelgaard glaubt, dass diese Überzeugung bereits Risse hat.
Der Giro wird einen Teil der Geschichte erzählen. Die Tour den Rest.
Wenn Vingegaard im Juli ankommt, ist die Debatte nicht mehr theoretisch. Entweder hat ihn der neue Weg Pogacar nähergebracht, oder Axelgaards Warnung wirkt weniger wie eine Provokation und mehr wie eine Diagnose.