Jonas Vingegaard ist mit genau dem Auftakt in Italien angekommen, den
Team Visma | Lease a Bike auf dem Papier für das
Giro d’Italia-Wochenende erhofft hatte. Kein Zeitverlust, kein großer Schreck, keine vergeudete Energie an der falschen Stelle, und auf Etappe 2 genug Schärfe, um dem restlichen Peloton in Erinnerung zu rufen, wer der klare Favorit bleibt.
Visma-Taktik greift beim Giro
Nach einem brutalen Start in Bulgarien, wo Stürze Adam Yates, Jay Vine, Marc Soler, Santiago Buitrago, Matteo Moschetti und Andrea Vendrame bereits aus dem Rennen genommen haben, könnte die größte Gefahr für Vingegaards Maglia-Rosa-Angriff jedoch gar kein anderer Kletterer sein.
Gegenüber Eurosport.dk argumentierte der frühere dänische Nationaltrainer Anders Lund, dass Vingegaards taktische Entscheidungen über die ersten drei Etappen durch genau diese Linse zu bewerten seien. „Jonas ist in einer wirklich guten Position“, sagte Lund. „Die wichtigste Mission mit dem Start in Bulgarien war, ohne Zeitverlust durchzukommen und sicher nach Italien zu gelangen. Das ist gelungen, und darüber hinaus hat er große Entschlossenheit und Rennlust gezeigt.“
Dieser Wille zeigte sich am deutlichsten auf Etappe 2, als Vingegaard am Anstieg zum Kloster Ljaskowez attackierte und sich kurzzeitig mit Giulio Pellizzari und Lennert Van Eetvelt absetzte. Auch wenn die Gruppe vor dem Ziel gestellt wurde, veränderte sie doch die Tonlage des Auftaktwochenendes. Visma hatte auf Etappe 1 tief im Feld agiert, um das Sprintchaos zu meiden. Einen Tag später nutzte Vingegaard plötzlich seine Beine, um sich selbst aus der Gefahrenzone zu bringen.
Vingegaards Sicherheitsplan beim Giro findet Rückhalt
Vismas Taktik auf Etappe 1 spaltete die Meinungen, als das Team im hinteren Teil des Pelotons fuhr, während die Sprintzüge vor dem Finale in Burgas um Positionen kämpften. Der Plan wurde später bestätigt, als ein Massensturz im Schlusskilometer das Feld auseinanderreißte und Vingegaard samt Teamkollegen aus der Schusslinie blieb.
Lund hält den Ansatz für folgerichtig. „Er hat einige vernünftige Entscheidungen getroffen“, sagte er. „Gerade auf Etappe 1, die für Diskussionen sorgte, fand ich es sehr klug. Im Hinblick auf das Gesamtklassement des Giro scheint sein größtes Risiko in Stürzen zu liegen, und dieses minimiert er, indem er intelligent im Peloton sitzt.“
Diese Einschätzung wirkt nach Etappe 2 noch schärfer. UAE Team Emirates - XRG erlitt vor dem Schlussanstieg durch den Horrorcrash schwere Rückschläge, Yates, Vine und Soler mussten später allesamt aufgeben. Auch Buitrago stieg nach demselben Vorfall aus, während Derek Gee-West Zeit verlor und mehrere Fahrer angeschlagen weiterfuhren.
Für Vingegaard ist das erste Wochenende zur Erinnerung geworden, dass Kontrolle bei diesem Giro mehr bedeuten kann, als nur bergauf schneller zu fahren. Auf Etappe 2 wählte Visma eine andere Lösung. Statt sich vor dem Risiko zu verstecken, versuchten sie, ihm davonzufahren. „Visma ließ es so klingen, als sei es eine defensive Fahrweise und eine Form des Schutzes“, erklärte Lund. „Das Sicherste für Vingegaard war, sich vom Rest des Pelotons abzusetzen und den letzten Downhill in einer möglichst kleinen Gruppe oder allein zu fahren.“
Die Attacke brachte zwar nicht den Etappensieg, aber sie sendete eine klare Botschaft. Vingegaard hatte die Beine, um das Rennen fast unmittelbar unter Druck zu setzen, selbst auf Terrain, das den Giro nicht vorentscheiden sollte. „Das war, wenn man so will, das Sicherste“, ergänzte Lund. „Aber es zeigt auch, dass er auf einem relativ gut zu kontrollierenden Anstieg seine Rivalen unter Druck setzen kann. Vingegaard wirkt einfach wie der Beste. Er sieht wirklich, wirklich stark aus.“
Jonas Vingegaard poses next to the Giro d'Italia trophy
Pellizzari präsentiert sich als frühe Gefahr
Wenn es einen Fahrer gab, der neben Vingegaard mit gesteigertem Status aus Bulgarien abreiste, dann war es Giulio Pellizzari. Der Red Bull - BORA - hansgrohe-Profi war einer von nur zwei Fahrern, die Vingegaards Antritt auf Etappe 2 folgen konnten, neben Van Eetvelt.
Lund nannte Pellizzari den bislang klarsten frühen Rivalen Vingegaards, zumindest nach dem, was das Rennen bisher gezeigt hat. „Pellizzari konnte Vingegaard im Finale der 2. Etappe folgen“, sagte er. „Er wirkt ebenfalls sehr stark und ist durch den ersten Teil genauso gut gekommen wie Vingegaard. So stellt es sich nach den ersten drei Etappen dar.“
Die echte Prüfung steht jedoch bevor. Der Gipfelankunft am Freitag am Blockhaus sollte erstmals die Kletterhierarchie klarer abbilden, mit der längsten Giro-Etappe, die auf einem der härtesten Anstiege des Rennens endet.
Fürs Erste aber hat Vingegaard Bulgarien dort verlassen, wo er sein musste. Er ist sicher im Gesamtklassement platziert, bereits aktiv, von allen beobachtet und weiterhin unberührt von dem Chaos, das das Rennen um ihn herum umgeformt hat.