Der Abschied von
Remco Evenepoel wurde zwangsläufig als existenzieller Moment für
Soudal - Quick-Step gedeutet. Ein Ausnahmekönner verließ ein Team, das um ihn herum aufgebaut war – die einfache Erzählung schrieb sich von selbst. Kollaps. Bedeutungslosigkeit. Identitätskrise.
Quick-Steps
Wilfried Peeters hat dafür keine Zeit.
„Es ist Fakt, dass du Remco nicht ersetzen kannst“,
gibt der langjährige Sportdirektor im Gespräch mit Wielerflits zu, bevor er eine klare Linie zieht. „Aber unser Team fällt nicht in sich zusammen wie ein Pudding. Wer das behauptet, hat keine Ahnung, wovon er spricht.“
Diese klare Absage ist mehr als Rhetorik. Sie zeigt, wie Quick-Step diesen Moment nicht als Ende deutet, sondern als Befreiung von Abhängigkeit.
Evenepoel geht, während der Sport die Messlatte höher legt
Peeters’ Respekt für Evenepoel bleibt ungebrochen. „Remco ist aktuell der stärkste Fahrer im Peloton“, sagt er, und schärft den Rahmen. „Für Remco ist die Herausforderung, gegen Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard zu gewinnen.“
Diese Unterscheidung ist wesentlich. In einer Ära, die von Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard geprägt ist, misst sich Dominanz nicht mehr am Sammeln von Siegen, sondern am Besiegen bestimmter Rivalen. Evenepoels Wechsel zu
Red Bull - BORA - hansgrohe spiegelt diese Realität. Er verlässt Brüssel für ein Projekt, das ihm Bergfestigkeit und Grand-Tour-Infrastruktur gibt, um auf diesem Niveau zu kämpfen.
Frühe Signale in 2026 unterstreichen, warum Red Bull so groß investiert hat. Evenepoel gewinnt bereits und rechtfertigt das Vertrauen umgehend. Von außen verstärkt das nur das Gefühl des Verlusts für sein Ex-Team.
Im Inneren von Quick-Step fällt die Deutung anders aus.
Druck verschwindet nicht, er verteilt sich
Eine der lautesten Thesen nach Evenepoels Abgang: Er habe den Druck von anderen genommen. Peeters widerspricht entschieden. „Was ist Druck überhaupt?“, fragt er. „Wenn ein Fahrer am Berg nicht liefert, nachdem wir den ganzen Tag für ihn gefahren sind, ist das auch nicht gut.“
Druck ist in dieser Lesart strukturell. Er verschwindet nicht mit einem Superstar. Er verlagert sich. Mit Evenepoel war Verantwortung gebündelt. Ohne ihn verteilt sie sich über den Kader.
Diese Umverteilung ist nicht zufällig. Sie ist Strategie. „Mit ihm im Team hätten diese jungen Jungs nie diese Chancen bekommen“, sagt Peeters. „Das ist der große Unterschied.“
Chancen durch Abwesenheit
Darin liegt der eigentliche Schwenk. Quick-Step versucht nicht, ein Projekt nach Evenepoel-Muster zu kopieren. Man bewegt sich bewusst davon weg.
Die frühen Rennen 2026 spiegeln den Wandel bereits. Junge Fahrer sind sichtbar, aktiv und bekommen Führungsrollen, die es zuvor nicht gegeben hätte. Der Fokus rückt zurück auf ein Kollektivmodell, das die Mannschaft einst definierte.
„Die Stärke des Teams war immer der Teamgeist und dass viele Fahrer gewinnen konnten“, erklärt Peeters. „Wir haben in den ersten Wochen der Saison gesehen, dass die Atmosphäre stimmt und alle hungrig auf Siege sind.“
Das ist eine vertraute Identität, die jedoch durch die Anforderungen an die Unterstützung eines Elite-Etappenrennkapitäns teilweise überdeckt war.
Erwartungen an die nächste Generation neu justieren
Am deutlichsten zeigt sich die Neuordnung im Umgang mit
Paul Magnier. Intern sehr hoch eingeschätzt, wird Magnier vor der Versuchung der sofortigen Krönung geschützt. „Erwartet nicht, dass er gleich die Flandern-Rundfahrt gewinnt“, warnt Peeters.
In einem Markt, der von Hype lebt, wird Erwartungsmanagement zur Strategie. Magnier wird entwickelt, nicht als Retter vermarktet. An der Seite erfahrener Sieger wie Jasper Stuyven und Dylan van Baarle liegt der Fokus auf Entwicklung, Positionierung und Timing statt Abkürzungen.
Ende der Abhängigkeit, nicht Ende von Remco
Quick-Steps Saison 2026 ist kein Verdrängen. Peeters sagt klar, Evenepoel sei „vielleicht der beste Fahrer, den wir je hatten“. Es geht darum, Exzellenz nicht zum Single Point of Failure werden zu lassen.
Die Sponsoren stehen weiterhin stark dahinter. Verträge wurden verlängert. Die sportliche Struktur wurde gelockert, nicht ausgehöhlt. Der Rennplan, die Trainingslager und die Ziele drehen sich nicht mehr um einen Fahrer.
Diese Freiheit verändert alles. Druck verteilt sich. Chancen vervielfachen sich. Identität setzt sich neu durch.
Evenepoel jagt Pogacar und Vingegaard in Red-Bull-Farben. Quick-Step jagt etwas anderes: Relevanz durch Breite statt Abhängigkeit.
In Peeters’ Augen ist das kein Rückschritt. Es ist die Rückkehr zu dem, was sie immer am besten konnten.