Wieder greift
Tadej Pogacar nach einem der zwei Monumente, die seiner Palmarès noch fehlen: „Milano-Sanremo“. Es ist zugleich das Monument, das sich ihm bislang am hartnäckigsten widersetzt hat.
Die Eigenheiten der Classicissima erklären warum. Anders als bei Rennen wie der Flandern-Rundfahrt, Lüttich–Bastogne–Lüttich oder Il Lombardia fehlen in Mailand–Sanremo die extremen Anstiege, auf denen Pogacars Attacken sonst verheerend wirken. Genau deshalb könnte
Isaac del Toro entscheidend sein, wenn der Slowene das Rennen endlich erobern will.
Die bestätigte Strecke in diesem Jahr beginnt erneut mit einer Änderung zu Beginn. Der Start erfolgt in Pavia und nach einem Marathontag endet das Rennen auf der ikonischen Via Roma in San Remo. Die entscheidende Phase bleibt jedoch identisch: die Cipressa gefolgt vom Poggio.
Die Cipressa steht bei Kilometer 276 an, nur 22 Kilometer vor dem Ziel. Der Anstieg ist 5,6 Kilometer lang bei einer durchschnittlichen Steigung von 4,1 Prozent. Kein einzelner Kilometer erreicht sechs Prozent. Die ersten 3,8 Kilometer liegen im Schnitt bei rund fünf Prozent, mit einer Rampe bis neun Prozent.
Seit zwei Jahren verfolgt
UAE Team Emirates - XRG hier eine klare Strategie. Das Team will auf der Cipressa ein maximal hohes Tempo fahren, damit Pogacar eine Lücke reißen kann, idealerweise auf Distanz zu Mathieu van der Poel. Der Niederländer bleibt sein größter Rivale und der Fahrer, der Pogacar wiederholt den Sieg in diesem Rennen verwehrt hat.
UAE hat seinen Plan nie versteckt. Ziel ist es, die Cipressa in infernalischem Tempo zu fahren, anvisiert wird eine Zeit um neun Minuten. Doch noch vor dem Start hat der Plan einen Dämpfer erhalten. Zwei Fahrer mit Schlüsselrollen, Tim Wellens und Jhonatan Narvaez,
sind verletzt und werden nicht starten. Das macht die Rolle von Isaac del Toro umso wichtiger.
Del Toros wachsende Bedeutung in Pogacars Sanremo-Plan
Der Mexikaner bekam schon im Vorjahr Verantwortung als Tempomacher auf der Cipressa, blieb aber hinter den Erwartungen. Zwölf Monate später wirkt Del Toro wie ein anderer Fahrer.
Er hat einen großen Schritt gemacht, untermauert durch eine Reihe beeindruckender Resultate. Seine wachsende Siegzahl in unterschiedlichen Klassikerprofilen sowie die Unterstützung für Pogacar bei der WM im vergangenen Jahr in Kigali, als beide auf dem härtesten Teil des Kurses gemeinsam ausrissen, belegen seine Entwicklung.
Allgemein gilt zudem: Einen Fahrer wie Mathieu van der Poel auf dem Poggio abzuschütteln, ist extrem schwierig. Der Anstieg ist nur 3,7 Kilometer lang bei 3,7 Prozent im Schnitt. Die steilsten Passagen liegen bei etwa fünf Prozent, nur eine kurze Rampe kratzt an acht Prozent.
Das bedeutet, dass erneut alles von der Arbeit auf der Cipressa abhängen kann.
Pogacars Antritt wird mit hoher Wahrscheinlichkeit explosiv sein, doch ohne den richtigen Lead-out fehlt es an Härte, um Van der Poel zu distanzieren. Das haben die jüngsten Ausgaben wiederholt gezeigt.
Ein perfektes Beispiel für den nötigen Anfahrtsdienst lieferte die Tour de France im Vorjahr, als Jhonatan Narvaez Pogacar auf der 7. Etappe am Mur de Bretagne lancierte, einem deutlich steileren Anstieg als die Cipressa.
Ohne Wellens und Narvaez könnte daher ein Del Toro in Topform essenziell sein, wenn Pogacar sein Ziel, den bislang enteilten Sieg bei Milano–Sanremo, endlich erreichen will.
Milano–Sanremo 2026 Strecke und Profil erklärt
Laut offiziellem Profil führt Milano–Sanremo 2026 über 289 Kilometer von Pavia an die ligurische Küste nach San Remo. Das Rennen behält die traditionelle Struktur, die die Classicissima seit Jahrzehnten prägt: ein langer, weitgehend flacher Auftakt, eine Übergangsphase mit dem Passo del Turchino und ein explosives Finale um die Capi, die Cipressa und den Poggio.
Der Start in Pavia führt in eine weitgehend flache Eröffnungsphase von über 100 Kilometern. Das Peloton passiert unter anderem Casteggio, Voghera, Rivanazzano Terme und Tortona, ehe es Richtung Novi Ligure und Ovada geht. Hier gibt es keine großen Anstiege, meist formiert sich die Tagesgruppe.
Die Schwierigkeit ergibt sich hier eher kumulativ als selektiv. Distanz und mögliche Seitenwinde können das Rennen beeinflussen, auch wenn die Sprinterteams das Tempo üblicherweise kontrollieren.
Der erste markante Anstieg ist der Passo del Turchino (532 Meter) um Kilometer 148,3. Ein langer, aber sanfter Anstieg, der selten rennentscheidend ist. Er markiert jedoch einen geografischen Wendepunkt. Nach der Kuppe geht es hinab nach Voltri und an die Mittelmeerküste, wo die Strecke entlang der Riviera windanfälliger wird.
Später folgen die traditionellen Capi. Zunächst Capo Mele (um Kilometer 240), dann Capo Cervo (Kilometer 251) und Capo Berta (Kilometer 259). Diese Anstiege sind kurz und moderat. Allein reißen sie das Rennen selten auf, erhöhen aber die Intensität und sortieren die Favoriten vor dem entscheidenden Moment.
Die Cipressa (239 Meter) wird bei etwa Kilometer 276,3 überquert. Mit mehr als fünf Kilometern Anstieg ist dies der erste Punkt, an dem offensiv ausgerichtete Teams ernsthaft Druck machen können. Bei hohem Tempo verlieren hier schwächere Sprinter den Anschluss.
Der entscheidende Moment kommt meist am Poggio di San Remo (160 Meter). Seine Kuppe liegt bei Kilometer 292,4, nur 5,6 Kilometer vor dem Ziel nach einer technischen Abfahrt.
Kurz, aber explosiv: Der Poggio lädt Puncheure und Klassiker-Spezialisten zum Angriff ein. Die Mischung aus Steigung, kumulierter Müdigkeit und der schnellen Abfahrt nach San Remo macht ihn häufig zum definierenden Moment des Rennens.