MEINUNG – Isaac del Toro geht als Favorit in den Kampf um das Regenbogentrikot bei der Weltmeisterschaft 2026 in Montreal

Radsport
durch Nic Gayer
Donnerstag, 17 September 2026 um 9:00
Isaac del Toro
Tadej Pogacars Ausfall hat die Ausgangslage für die Weltmeisterschaft in Montreal grundlegend verändert. Der Slowene wäre aus naheliegenden Gründen jener Fahrer gewesen, an dem sich sämtliche Konkurrenten hätten orientieren müssen. Doch sein Sturz und der anschließende Ausstieg bei der Vuelta a Espana bedeuten, dass Pogacar 2026 kein Rennen mehr bestreiten wird. Ohne den Titelverteidiger auf der Startliste ist der Kampf um das Regenbogentrikot plötzlich so offen wie lange nicht mehr.
Wer profitiert von Pogacars Abwesenheit – und wer reist nun als Favorit nach Montreal? Unser spanischer Kollege Juan Larra analysiert die veränderte Ausgangslage, blickt auf die wichtigsten Anwärter und erklärt, warum für ihn vor allem ein Fahrer an die Spitze der Favoritenliste gehört: Isaac del Toro.
In diesem neuen Szenario gibt es für mich einen Namen, der ganz oben auf die Favoritenliste gehört: Isaac del Toro.

Del Toro liefert auf dem WM-Terrain den perfekten Formnachweis

Der Mexikaner reist mit dem Sieg beim Grand Prix Cycliste de Montreal vom vergangenen Sonntag zur Weltmeisterschaft – und damit mit einem Erfolg auf einem Kurs, der jenem des WM-Straßenrennens am 27. September sehr ähnlich ist. Das ist alles andere als eine Randnotiz. Del Toro gewann nicht nur, sondern präsentierte sich dabei in herausragender Verfassung und entschied das direkte Duell mit Paul Seixas für sich.
Isaac del Toro gewinnt den GP de Montreal 2026.
Isaac del Toro schlug Paul Seixas beim Grand Prix Cycliste de Montreal im direkten Duell – nun kehrt der Mexikaner als einer der großen WM-Favoriten auf den Kurs zurück.
Der Franzose hatte an einem der letzten Anstiege attackiert, doch Del Toro war der einzige Fahrer, der reagieren konnte. Nachdem sich das Duo vom Rest abgesetzt hatte, bewies der Mexikaner, dass er noch genügend Reserven besaß, um auch die entscheidende Auseinandersetzung für sich zu entscheiden. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Seixas bei seinem Angriff auch auf andere Bewegungen im Rennen reagieren musste, bleibt ein entscheidender Eindruck: Anschließend konnte er dem UAE-Profi keine einzige Sekunde mehr abnehmen.
Genau darin liegt für mich einer der wichtigsten Gründe, Del Toro an die Spitze der Favoritenliste zu setzen. Die Streckenführung und insbesondere die Anstiege in Montreal scheinen hervorragend zu seinem Profil zu passen.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Grand Prix Cycliste de Montreal. Bei der Weltmeisterschaft fährt Del Toro für Mexiko – und kann nicht auf dieselbe Mannschaftsstärke zurückgreifen wie beim kanadischen WorldTour-Rennen. Dort hatte er mit Adam Yates und Brandon McNulty zwei starke Teamkollegen an seiner Seite, die in den Schlusskilometern selbst attackierten und Del Toro dadurch ermöglichten, Kräfte für die entscheidende Phase zu sparen.
Bei der Weltmeisterschaft muss der Mexikaner mit einem deutlich unberechenbareren Rennverlauf rechnen und dürfte insbesondere auf den letzten Kilometern erheblich weniger Unterstützung aus seinem Nationalteam erhalten. Genau das könnte entscheidend werden. Deshalb sehe ich Del Toro zwar als Favoriten, keineswegs aber mit jener überwältigenden Dominanz, die Pogacar bei einem Start ausgestrahlt hätte. Diese Weltmeisterschaft ist deutlich offener als die jüngsten Austragungen.

Ein WM-Kurs, der viele Fragen offenlässt

Eine der größten Unbekannten besteht darin, welcher Fahrertyp sich in Montreal letztlich durchsetzen wird. Der Kurs kann bergfesten Klassikerspezialisten wie Del Toro, Seixas oder Remco Evenepoel entgegenkommen, bietet gleichzeitig aber auch Fahrern mit dem Profil eines Wout Van Aert oder Mathieu van der Poel Möglichkeiten.
Ein Blick auf die Siegerliste des Grand Prix Cycliste de Montreal zeigt, dass dieses Terrain keineswegs ausschließlich den Kletterern vorbehalten ist. Peter Sagan, Michael Matthews, Greg Van Avermaet, Diego Ulissi, Tim Wellens, Simon Gerrans und Rui Costa gehören zu den Fahrern, die dort bereits triumphiert haben.
Entsprechend schwierig ist es, mit absoluter Sicherheit vorherzusagen, welcher Fahrertyp bei der Weltmeisterschaft am Ende die Oberhand behalten wird. Klar scheint allerdings, dass zahlreiche Fahrer die entscheidende Rennphase mit realistischen Siegchancen erreichen können. Und genau dann rückt Del Toro erneut als einer der wichtigsten Referenzpunkte in den Mittelpunkt.
Wenn Del Toro für mich die Nummer eins ist, folgt dahinter Remco Evenepoel. Der Belgier reist mit seinem Sieg in Quebec und überzeugender Form zur Weltmeisterschaft, auch wenn sein Auftritt in Montreal einige Fragen aufwarf. Evenepoel fühlte sich auf den dortigen Anstiegen nicht vollständig wohl und erklärte anschließend, dass dieses Terrain schwereren Fahrern wie ihm, Van Aert oder Van der Poel weniger entgegenkomme.
Hinzu kam ein ungewöhnlicher Rennverlauf. Nach einer Berührung seines Vorderrads mit einem anderen Fahrer reagierte Evenepoel verärgert und folgte anschließend bestimmten Attacken nicht. Gerade deshalb wäre es jedoch falsch, aus diesem einen Auftritt zu weitreichende Schlüsse zu ziehen. Evenepoel besitzt mehr als genügend Qualitäten, um in Montreal um Gold zu kämpfen.

Van Aert und Van der Poel bleiben große Unbekannte

Wout Van Aert reist nach einer außergewöhnlichen Vuelta a Espana nach Kanada. Der Belgier suchte wiederholt den Weg in die Flucht, gewann zwei Etappen und kämpfte um die Punktewertung, während er auch in der Bergwertung weit vorne lag. An seiner Form bestehen entsprechend kaum Zweifel.
Die entscheidende Frage betrifft vielmehr die belgische Hierarchie: Wie wird die Mannschaft das Finale gestalten – und können Evenepoel und Van Aert ihre unterschiedlichen Stärken so miteinander verbinden, dass beide voneinander profitieren?
Und dann wäre da noch Mathieu van der Poel. Der Niederländer hatte über einen längeren Zeitraum kein Straßenrennen bestritten, ist inzwischen jedoch bei der Tour de Luxembourg zurückgekehrt – und unterstrich seine Form dort sofort mit einem Sieg auf der 1. Etappe. Dennoch bleibt abzuwarten, wie konkurrenzfähig er über die komplette Distanz des WM-Straßenrennens sein wird.
Von einer Favoritenliste kann man Van der Poel dennoch unmöglich streichen. Der Niederländer ist es mittlerweile gewohnt, sich in den größten Rennen mit Pogacar zu messen, und bewegte sich auch in diesem Jahr immer wieder auf einem ähnlichen Niveau. Bei Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt musste er sich dem Slowenen zwar geschlagen geben, dennoch gehört Van der Poel weiterhin zu jenen Fahrern, die gerade in den entscheidenden Momenten großer Rennen zur Stelle sein können.

Pidcock und Seixas bereit für den großen Coup

Tom Pidcock konnte bei seinen Auftritten in Quebec und Montreal nicht restlos überzeugen, doch der WM-Kurs scheint hervorragend zu seinen Qualitäten zu passen. Die Anstiege liegen dem Briten, und auch wenn ich ihn eine Stufe unter den allergrößten Favoriten einordne, wäre es ein Fehler, ihn aus dem Kreis der Siegkandidaten auszuschließen.
Ein weiterer Name, dessen Chancen nach dem Grand Prix Cycliste de Montreal noch einmal deutlich gestiegen sind, ist Paul Seixas. Der Franzose lieferte sich dort mit Del Toro das direkte Duell um den Sieg und reist in außergewöhnlicher Form zur Weltmeisterschaft. Findet er am 27. September dieselben Beine wieder, kann er um eine Medaille kämpfen – und möglicherweise sogar um Gold.
Auch Ben Healy verdient Aufmerksamkeit. Der Ire präsentierte sich in Montreal äußerst offensiv und bewies einmal mehr, dass er Attacken aus größerer Entfernung lancieren kann. Im direkten Vergleich mit einigen seiner Konkurrenten fehlt ihm der explosive Endsprint. Gerade deshalb könnte er jedoch zu den Fahrern gehören, die das Peloton wesentlich früher zu einer Reaktion zwingen, als den großen Favoriten lieb sein dürfte.

Roglic, Mas und Ayuso lauern hinter den großen Namen

Primoz Roglic führt Slowenien nach Pogacars Absage an. Seine Vuelta a Espana war keineswegs schwach, und der Routinier verfügt weiterhin über die Fähigkeit, mit Attacken aus größerer Entfernung ein Rennen aufzubrechen – auch wenn ihm inzwischen möglicherweise etwas von jenem explosiven Punch fehlt, der ihn in früheren Jahren ausgezeichnet hat.
Auch Spanien verfügt über mehrere Optionen. Enric Mas kommt nach der Vuelta a Espana in exzellenter Form nach Montreal und hat dort einmal mehr seine enorme Ausdauer unter Beweis gestellt. Möglicherweise fehlt ihm die Explosivität, um ein WM-Finale auf den allerletzten Metern für sich zu entscheiden. Genau deshalb könnte eine frühere Attacke aus größerer Entfernung eine seiner besten Möglichkeiten darstellen.
Hinzu kommt Juan Ayuso. Der LIDL-Trek-Profi stürzte in Quebec und arbeitete anschließend in Montreal für Giulio Ciccone und andere Teamkollegen. Entsprechend stellt sich die Frage, in welcher körperlichen Verfassung er zur Weltmeisterschaft antreten wird. Findet Ayuso sein bestes Niveau, verfügt er über eine Qualität, die Mas in diesem Ausmaß nicht besitzt: einen explosiven Abschluss auf den letzten Metern.
Auch Ciccone gehört in diese Betrachtung. Der Italiener musste sich in Quebec bereits Evenepoel geschlagen geben und hinterließ dort nicht ganz denselben Eindruck wie die absoluten Topfavoriten. Dennoch besitzt auch er zweifellos die Qualität, in Montreal um eine Medaille zu kämpfen.

Del Toro ist mein Favorit – doch diese WM bleibt völlig offen

Mein Fazit fällt deshalb klar aus: Ja, Isaac del Toro ist für mich der Favorit auf den WM-Titel 2026 in Montreal. Doch an der Spitze einer Favoritenliste zu stehen, bedeutet bei dieser Weltmeisterschaft keineswegs, das Regenbogentrikot bereits mit einer Hand zu greifen.
Pogacars Ausfall hat den großen Fixpunkt aus dem Rennen genommen und eine völlig offene Ausgangslage geschaffen. Belgien kann Evenepoel und Van Aert ins Spiel bringen, die Niederlande setzen auf Van der Poel, Frankreich reist mit einem Seixas in herausragender Form an. Gleichzeitig können Fahrer wie Pidcock, Roglic, Mas, Ayuso und Ciccone sowie weitere offensive Spezialisten das Rennen mit Attacken aus größerer Entfernung komplett auf den Kopf stellen.
Del Toro bringt den passenden Kurs, die positiven Eindrücke aus Montreal und den Nachweis mit, auf eine Attacke von Seixas reagieren und das anschließende direkte Duell für sich entscheiden zu können. Seine größte Herausforderung liegt jedoch an anderer Stelle: Diesmal steht ihm keine Mannschaft zur Verfügung, die ihm ermöglicht, bis zu den letzten Anstiegen möglichst viel Energie zu sparen.
Genau deshalb wird die Weltmeisterschaft für Del Toro zu einer vollkommen anderen Prüfung. Und genau das macht dieses Rennen so spannend. Schafft es der Mexikaner, mit denselben Beinen wie beim Grand Prix Cycliste de Montreal in die entscheidende Phase zu kommen, wird er jener Fahrer sein, den die Konkurrenz besonders genau im Blick behalten muss.
Für mich steht Isaac del Toro deshalb vor dem 27. September an der Spitze der Anwärter auf das Regenbogentrikot in Montreal.
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