INEOS Grenadiers haben mit der Verpflichtung von
Oscar Onley, frisch nach Platz vier bei der
Tour de France, eines der deutlichsten Zeichen dieses Transferfensters gesetzt. Der Schritt basiert auf Vertrauen, Timing und Ambition. Doch außerhalb des Teams sind nicht alle überzeugt, dass der nächste Schritt so nah ist, wie er scheint.
INEOS, Onley und der Tour-Traum – zwischen Glaube und Realität
Im Podcast Kop over Kop stellten Analysten infrage, ob INEOS, selbst mit Onley und
Kevin Vauquelin im Kader, in der Ära von
Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard überhaupt gerüstet ist, um die Tour anzugreifen. Ihre Botschaft war unmissverständlich. Der Traum ist groß, aber die Realität könnte hart sein.
Innerhalb von INEOS ist die Geschichte die eines Neuaufbaus und neuer Entschlossenheit nach dem Abrutschen auf Rang acht der UCI-Teamwertung 2024. 2025 schlugen sie mit aggressivem Racing und Etappensiegen bei allen drei Grand Tours zurück. Doch Etappensiege definieren dieses Team nicht. Die
Tour de France tut es.
Und genau dort beginnen die Zweifel.
Druck an der Spitze
Bobbie Traksel sagte, die Stimmung bei INEOS werde ebenso sehr von Sponsoren wie von Ergebnissen geprägt. „Wir sind top, und wenn wir nicht top sind, wollen wir nicht mehr dabei sein.“
Dieser Druck schlägt direkt in sportliche Ambitionen um. „An eurer Stelle würde ich sehr schnell zeigen, dass ihr die
Tour de France gewinnen könnt, sonst ziehen sie den Stecker.“
Für ein Team im Wiederaufbau nach einer schwierigen Phase ist das ein gefährliches Umfeld. Es bedeutet, jeder Transfer wird nicht nach Entwicklung oder Kurve bewertet, sondern danach, ob er wie ein unmittelbarer Toursieger aussieht.
Durch diese Linse wird Onley nun betrachtet.
Onley mischte sich auf dem Weg zu Platz vier der Tour de France 2025 unter Größen wie Vingegaard und Pogacar
Was Platz vier wirklich bedeutet
Onleys vierter Platz bei der Tour war für ihn historisch und für Picnic PostNL riesig. Er war auch das Resultat, das ihn in die Langfristpläne von INEOS schob. Doch diese Fahrt wurde weniger als Anfang, sondern eher als Decke interpretiert.
Jeroen Vanbelleghem wurde deutlich: „Onley wurde dieses Jahr Vierter bei der Tour. Meiner Meinung nach kann er mit dieser Startliste nicht besser abschneiden.“
Er legte nach: „Ich sehe ihn in diesem Feld nicht auf Platz drei.“
Das Argument lautet nicht, dass Onley schwach ist. Es lautet, dass die Spitze des Sports von zwei Fahrern verzerrt wird, die den Begriff ‚Fortschritt‘ verschieben. Platz vier wird zum Misserfolg, wenn stets dieselben zwei Namen gewinnen.
Diese Einordnung liegt unangenehm nah an dem, was Onley selbst über seine Position gesagt hat. Er sprach im Winter von einer großen Lücke vor ihm und räumte ein: „Ich fühle mich noch sehr weit weg.“
Das ist keine Resignation. Es ist Realismus. Aber Realismus passt nicht immer zu Tour-Sieger-Erwartungen.
Träume, Täuschungen und alternative Wege
Vanbelleghems Fazit kam in einem Satz, der schnell zum prägenden Zitat der Debatte wurde: „Man kann immer träumen, aber die meisten Träume sind Täuschung.“
Es geht dabei nicht nur um Onley. Es geht um das Umfeld, in das er hineinwechselt.
In derselben Diskussion stellte er infrage, ob die Tour für einen Fahrer wie Onley derzeit überhaupt das Hauptziel sein sollte: „Wäre es nicht angenehmer, zunächst ein Podium bei einer anderen Grand Tour anzupeilen?“
Die Implikation ist klar. Erst Giro oder Vuelta. Selbstvertrauen und Führungsrolle aufbauen. Dann zur Tour zurückkehren, wenn sich das Kräfteverhältnis verändert.
Diese Denke spiegelt tatsächlich Onleys eigene Worte aus dem Winter, als er offen über andere Grand Tours als realistische Ziele in den kommenden Jahren sprach. Der Unterschied liegt im Ton. Onley rahmt es als Chance. Die Experten als Limit.
INEOS zwischen Glaube und Realität
INEOS hat Onley nicht für Platz vier verpflichtet. Sie holten ihn, weil er wie jemand wirkt, der mehr werden kann. Doch die Analyse zeigt, wie eng die Definition von „mehr“ geworden ist.
Vanbelleghem fasste seine Sicht auf den aktuellen Kader in eine einfache Herausforderung: „Das sollten sie mit dieser Auswahl vergessen.“ Mit „das“ meinte er klar: Die Tour gewinnen.
Die Gefahr ist nicht, dass Onley nicht gut genug ist. Die Gefahr ist, dass er in eine Erzählung gesetzt wird, in der nur ein einziges Ende als Erfolg gilt.
Platz vier bei der Tour war früher ein Triumph. Jetzt wird er als Beleg einer Grenze gerahmt.
Für INEOS werden die kommenden Saisons zeigen, ob sie geduldig um Onley herum aufbauen können oder ob der Druck, Pogacar und Vingegaard sofort zu schlagen, Glauben in Bürde verwandelt.
Und für Onley selbst besteht die Herausforderung nicht nur darin, schneller Berge zu fahren. Es geht darum, in einem Traum zu bestehen, der – in den Worten seiner Kritiker – zur Täuschung zu werden droht, wenn er zu früh erfüllt werden muss.