„Gott hatte mir eine zweite Chance geschenkt“ – Richard Carapaz über seinen schweren Unfall und den langen Weg zu Olympia-Gold

Radsport
durch Nic Gayer
Richard Carapaz
Richard Carapaz hat sich mit unerschütterlicher Entschlossenheit an die Spitze des internationalen Radsports gekämpft. Doch der Weg zu seinem Olympiasieg bei den Spielen von Tokio 2020 war von schweren Rückschlägen, persönlichen Opfern und jahrelanger harter Arbeit geprägt. Besonders ein folgenschwerer Trainingsunfall hätte die Karriere des Ecuadorianers beinahe beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Zeitweise war völlig ungewiss, ob er jemals wieder auf einem Fahrrad sitzen könnte.
Bei einer Konferenz zum Abschluss der Banana Time Guayaquil 2026, der größten Veranstaltung der Bananenindustrie in Lateinamerika, gewährte Carapaz nun bewegende Einblicke in seine persönliche Geschichte. Dabei nutzte er die Erfahrungen aus seiner Profikarriere, um Parallelen zwischen einem erfolgreichen Radsportteam und einem Unternehmen aufzuzeigen. Im Mittelpunkt standen für ihn die Bedeutung gemeinsamer Ziele sowie eine konsequente kurz-, mittel- und langfristige Planung.

Schwerer Trainingsunfall mit 20 Jahren: Carapaz kämpfte um seine Karriere

Einen der einschneidendsten Momente seines Lebens erlebte Carapaz im Jahr 2014. Während einer Trainingsfahrt wurde der damals erst 20-Jährige von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Die Folgen waren derart gravierend, dass ihm die behandelnden Ärzte keine Garantie geben konnten, jemals wieder Rad fahren zu können. Der Unfall stellte nicht nur seine sportliche Zukunft infrage, sondern veränderte auch seine gesamte Lebenseinstellung. Erst nach einer langen und beschwerlichen Genesungsphase war an eine Rückkehr in den Wettkampfsport zu denken.
Richard Carapaz jubelt mit Pokal.
Richard Carapaz kämpfte sich nach einem schweren Trainingsunfall zurück an die Weltspitze. Mit dem Giro-Gesamtsieg 2019 und Olympia-Gold in Tokio erfüllte sich der Ecuadorianer zwei seiner größten sportlichen Träume.
Wie aus einem Bericht der Nachrichtenagentur EFE hervorgeht, blickte der Ecuadorianer bei seinem Auftritt auf die wichtigsten Stationen seines außergewöhnlichen Werdegangs zurück. Vom schweren Unfall über die ersten Schritte im europäischen Profiradsport bis hin zum Gesamtsieg beim Giro d'Italia und dem olympischen Triumph schilderte er, welche Entbehrungen und persönlichen Opfer notwendig waren, um seine größten Träume zu verwirklichen.

„Ich fühlte mich frei, als wäre ich neu geboren“

Besonders eindringlich erinnerte sich Carapaz an jenen Augenblick, in dem er nach seinem schweren Unfall erstmals wieder auf dem Fahrrad saß. Für ihn bedeutete dieser Moment weit mehr als nur die Rückkehr zum Training. Er wurde zum Ausgangspunkt einer neuen Lebensphase, in der er sich drei große sportliche Ziele setzte: den Sprung in den europäischen Profiradsport, den Gesamtsieg beim Giro d'Italia und den Gewinn einer olympischen Goldmedaille.
„Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich wieder aufs Rad stieg. Ich fühlte mich frei, als wäre ich neu geboren, und hatte ein neues Ziel vor Augen. Damals beschloss ich, der Beste werden zu wollen, denn Gott hatte mir eine zweite Chance auf dem Rad geschenkt“, erzählte Carapaz.
Die erste große Bewährungsprobe auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Träume folgte 2016. Ein spanisches Team bot dem Ecuadorianer die Möglichkeit, sich während einer dreimonatigen Probezeit zu beweisen. Carapaz nahm das Angebot an, obwohl er in dieser Zeit keinerlei Gehalt erhielt und auch keine Gewissheit hatte, anschließend einen Profivertrag zu bekommen.
„Der schwierigste Teil war, überhaupt anzufangen“, gestand der Ecuadorianer rückblickend. Doch sein Einsatz, seine Entschlossenheit und vor allem seine sportlichen Leistungen hinterließen bei den Verantwortlichen einen bleibenden Eindruck. Schließlich erhielt er die erhoffte Chance, seine Karriere im professionellen Radsport fortzusetzen.
In den folgenden Jahren entwickelte sich Carapaz kontinuierlich weiter und lernte, innerhalb einer Mannschaft unterschiedliche Aufgaben zu übernehmen. Anfangs stellte er seine eigenen Ambitionen zurück und arbeitete als Helfer für die jeweiligen Kapitäne. Beim Giro d'Italia 2019 bot sich ihm schließlich die Gelegenheit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Nachdem er auf der dritten Etappe Zeit eingebüßt hatte, ergriff er die Initiative und erläuterte seinen Teamkollegen, wie sie sich neu organisieren und auf der vierten Etappe zurückschlagen könnten. Der anschließende Etappensieg wurde zu einem entscheidenden Baustein seines späteren Gesamterfolgs.

Giro-Triumph in Verona: Der Lohn für jahrelange persönliche Opfer

Als Carapaz schließlich in Verona als Gesamtsieger des Giro d'Italia auf dem Podium stand, erfüllte sich einer seiner größten Kindheitsträume. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie viel er und seine Familie für diesen Moment hatten opfern müssen. Unzählige Stunden im Training, lange Abwesenheiten und verpasste Familienfeiern hatten seinen Weg an die Weltspitze begleitet.
„Das Podium in Verona war etwas ganz Besonderes. Denn mir wurde klar, dass sich all die besonderen Momente gelohnt hatten, die ich mit meiner Familie verpasst hatte – etwa Geburtstage und Jahrestage“, erklärte der Ecuadorianer.
Nach seinem Triumph bei der Italien-Rundfahrt richtete Carapaz den Blick auf das nächste große Ziel: die Olympischen Spiele in Tokio. Doch die Covid-19-Pandemie brachte seine sorgfältige Planung durcheinander. Während des Lockdowns blieb ihm nichts anderes übrig, als zu Hause weiterzutrainieren, ohne zu wissen, wann der internationale Rennbetrieb wieder aufgenommen werden würde.
Als schließlich das olympische Straßenrennen bevorstand, war Carapaz von seinen Fähigkeiten überzeugt. Er wusste, dass er um die Goldmedaille kämpfen konnte, war sich aber ebenso bewusst, dass selbst die beste Vorbereitung keinen Sieg garantierte. Auf die Frage, ob er bereits vor dem Rennen an einen möglichen Triumph gedacht habe, antwortete er: „Auch mir kam dieser Gedanke.“ Am Ende gelang ihm tatsächlich der große Coup. Die olympische Goldmedaille wurde zur Krönung eines Weges, den er selbst als 16 Jahre voller Entbehrungen und unermüdlicher Arbeit beschreibt.
Zum Abschluss seiner Rede machte Carapaz noch einmal deutlich, dass hinter seinem außergewöhnlichen Erfolg weit mehr steckte als Talent oder ein einzelner herausragender Renntag. „Carapaz wurde nicht über Nacht Olympiasieger. Es brauchte 16 Jahre mit frühem Aufstehen, Training, einer möglichst guten Ernährung und dem täglichen Streben danach, die beste Version meiner selbst zu sein“, betonte er.
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