Das zweite Monument der Saison steht am 05.04. mit der
Flandern-Rundfahrt auf dem Programm. Die Königin der Flandern-Klassiker führt über die wichtigsten Kopfsteinpflaster-Anstiege der Region und zählt zu den prestigeträchtigsten Eintagesrennen im Kalender. Der Start erfolgt um 09:20 Uhr, die Zielankunft wird gegen 15:20 Uhr CET erwartet. Hier finden Sie unsere
Vorschau auf das Rennen.
Die „Ronde van Vlaanderen“ wurde 1913 erstmals ausgetragen, Sieger der Premiere war Paul Deman. Sie gilt bis heute als das bedeutendste Rennen einer Region, in der der Radsport tief verwurzelt ist, geprägt von steilen Kopfsteinpflaster-Anstiegen und traditionsreicher Landschaft. Sieben Fahrer teilen sich den Rekord von jeweils drei Erfolgen, darunter Ikonen mehrerer Generationen wie Johan Museeuw, Tom Boonen, Fabian Cancellara und
Mathieu van der Poel. Doch auch zahlreiche weitere Spitzenfahrer haben hier Geschichte geschrieben.
Rik van Steenbergen, Rik van Looy, Tom Simpson, Eddy Merckx, Roger de Vlaeminck, Jan Raas, Adrie van der Poel, Eddy Planckaert und Michele Bartoli gehören ebenso zu den Siegern wie Peter van Petegem - um nur einige Namen zu nennen. In der moderneren Ära feierten Tom Boonen (2005, 2006 und 2012), Fabian Cancellara (2010, 2013 und 2014) und Mathieu van der Poel (2020, 2022 und 2024) jeweils drei Siege. Dazwischen finden sich weitere große Namen im Palmarès, darunter Stijn Devolder, Alexander Kristoff, Peter Sagan, Philippe Gilbert, Niki Terpstra, Alberto Bettiol und Kasper Asgreen. Der jüngste Sieger in dieser Reihe ist
Tadej Pogacar: 2023 gewann der Slowene mit einem Soloritt vor Mathieu van der Poel, und 2025 wiederholte er dieses Kunststück in einem Rennen mit spektakulärem Finale.
Streckenprofil: Antwerpen - Oudenaarde
Antwerpen - Oudenaarde, 278,5 Kilometer
278,5 Kilometer stehen in diesem Jahr auf dem Programm. Diese Distanz macht die Flandern-Rundfahrt besonders brutal. Seit jeher gilt das Rennen als Prüfstein für Fahrer, die über viele Stunden am Limit bestehen können - und diesmal wird genau diese Fähigkeit stärker denn je gefordert. Nach dem Start in Antwerpen folgen zunächst etwas mehr als 135 überwiegend ruhige Kilometer und damit etwa die Hälfte der Gesamtdistanz. Doch in der zweiten Rennhälfte verändert sich das Bild schlagartig, wenn der Oude Kwaremont bei noch 136 Kilometern vor dem Ziel das Rennen eröffnet.
Zwischen 130 und 80 Kilometern vor dem Ziel reiht sich eine lange Serie von „Bergen“ und Kopfsteinpflaster-Sektoren aneinander, die das Feld Schritt für Schritt ausdünnt. In diesem Abschnitt sehen wir häufig taktische Attacken, weil Teams versuchen, den Hauptfavoriten im entscheidenden Kwaremont-Paterberg-Koppenberg-Komplex zuvorzukommen, wo das Rennen traditionell auseinanderfällt. Gleichzeitig bleiben im Peloton viele flache Passagen erhalten, sodass Helfer das Tempo weiterhin hochhalten können.
Die entscheidende Phase beginnt mit der zweiten Passage über den Oude Kwaremont. Kwaremont, Koppenberg und Paterberg folgen anschließend in schneller Abfolge. Dieses Trio zerlegt nicht nur das Feld, sondern eröffnet auch die Möglichkeit zu vorentscheidenden Angriffen. Die drei Schlüsselstellen liegen bei 55,5, 51,5 und 45,5 Kilometern vor dem Ziel. Danach verbleiben meist nur noch wenige Fahrer an der Spitze, und mit reduziertem Feld steigen auch später die Erfolgschancen weiterer Attacken, weil die Nachführarbeit deutlich schwieriger wird.
Vor allem der Koppenberg gilt als härtester Anstieg des Rennens und als einer jener Punkte, an denen auch klassische Kletterer entscheidenden Einfluss nehmen können, da hier nicht nur Explosivität gefragt ist. Die 600 Meter lange Kopfsteinpflaster-Rampe weist im Schnitt 13 % und maximal 21 % Steigung auf - ein brutaler anaerober Kraftakt mit den steilsten Passagen bereits im unteren Abschnitt.
Koppenberg: 600 Meter; 13,3%; 45,5 km vor dem Ziel
Es folgen die Mariaborrestraat (40 Kilometer vor dem Ziel), der Taaienberg (38,5 Kilometer) und der Oude Kruisberg (26,5 Kilometer) als weitere ideale Ausgangspunkte für gefährliche Attacken. Nach einer kurzen Abfahrt führt die Strecke anschließend in die entscheidenden Schlusssektoren der Flandern-Rundfahrt.
Zum dritten und letzten Mal geht es über den Oude Kwaremont. Dieser zermürbende „Berg“ mit seinen ungleichmäßigen Steigungswechseln zählt zu den Schlüsselpunkten des Rennens. Die Kuppe liegt 16,5 Kilometer vor dem Ziel und markiert häufig den Moment, in dem die endgültige Vorentscheidung fällt.
Oude Kwaremont: 2,5 km; 3,7%; 16,5 km
Nach einem kurzen Übergang folgt traditionell der letzte „Berg“ der Flandern-Rundfahrt, der häufig die Entscheidung bringt: der Paterberg. Kurz, aber extrem giftig, verlangt er nach rund 6:30 Stunden harter Rennzeit einen einminütigen Vollgas-Effort, bei dem Windschatten kaum noch eine Rolle spielt. Ein Anstieg, den die meisten Fahrer im Schlaf kennen, an dem jedoch niemand gute Beine vortäuschen kann. Die Kuppe liegt 13 Kilometer vor dem Ziel.
Paterberg: 400 Meter; 13,5%; 13 km vor dem Ziel
Wie in jedem Jahr ist auch der anschließende Abschnitt Richtung Oudenaarde äußerst kräftezehrend. Nach der kurzen Abfahrt vom Paterberg verläuft die Strecke komplett flach - ein Terrain, auf dem weiterhin Attacken möglich sind, deren Erfolg jedoch maßgeblich davon abhängt, was zuvor an den Anstiegen passiert ist.
Das Wetter
Die Fahrer müssen im Tagesverlauf mit einem leichten Regenrisiko sowie einem spürbar auffrischenden Westwind rechnen. Zu Beginn des Rennens wird dieser überwiegend als Gegenwind wirken, allerdings sind auch einige exponierte Passagen mit Seitenwind zu erwarten, die bereits vor dem entscheidenden Rennabschnitt erhöhte Aufmerksamkeit im Feld erfordern.
Auf der Anfahrt ins Ziel nach Oudenaarde dürfte der Wind hingegen von hinten kommen – ein Szenario, das vor allem Angreifern sowie jenen Fahrern entgegenkommt, die an den Schlüsselanstiegen des Tages entscheidende Unterschiede herausfahren können.
Die Favoriten
Tadej Pogacar – Der Titelverteidiger ist aus meiner Sicht erneut der klare Mann, den es zu schlagen gilt. Die Flandern-Rundfahrt ist längst kein ausgeprägt taktisches Rennen mehr, und Pogacars Demonstration im vergangenen Jahr war dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Ab dem Koppenberg griff er praktisch jeden Anstieg an, bis keiner seiner Rivalen mehr folgen konnte. Der Vorteil dieser Strategie – zumindest aus Sicht seines Teams UAE – liegt darin, dass das Rennen im Grunde nur bis zum Koppenberg kontrolliert werden muss. Mit Helfern wie Florian Vermeersch und, sofern er sich gut positioniert, António Morgado sollte das durchaus machbar sein.
Es fällt schwer, Argumente gegen seine Siegchancen zu finden. Seine Kletterstärke entwickelt sich weiter auf höchstem Niveau, und selbst ein Mathieu van der Poel in Bestform dürfte bei langen Anstiegen im Sitzen wie am Koppenberg oder Oude Kwaremont Schwierigkeiten haben, ihm zu folgen. Diese Anstiege sind nicht explosiv genug – und genau darin liegt Pogačars Vorteil.
Mathieu van der Poel – Das bedeutet jedoch keineswegs, dass van der Poel nicht in Topform wäre. Im Gegenteil: Er hat zuletzt sogar Rekordwerte bei den Leistungsdaten erreicht, und bei Middelkerke–Wevelgem wirkte es nicht so, als wäre er bereits am Limit gefahren. Seine beinahe Niederlage bei E3 war zwar ein Warnsignal, wurde jedoch stark vom Wind beeinflusst. Als er attackierte, war er letztlich nie wirklich ernsthaft gefährdet.
Allerdings verfügt Alpecin derzeit nicht über ein besonders starkes Team. Deshalb ist van der Poel darauf angewiesen, dass UAE das Rennen kontrolliert. Sollte es taktisch werden, müsste er deutlich mehr Nachführarbeit leisten als seine direkten Konkurrenten.
Wout Van Aert – Realistisch betrachtet erreicht der Visma-Fahrer nicht ganz das Kletterniveau der beiden anderen Topfavoriten, auch wenn seine Form offenbar punktgenau aufgebaut wurde. Seine starken Auftritte in Wevelgem und Dwars door Vlaanderen machen ihn klar zum dritten Favoriten. Dennoch basiert sein Erfolgsmodell eher auf Ausdauerqualitäten und möglicherweise auf einem Sprint aus einer kleinen Gruppe – selbst wenn ihm ein solcher Ausgang nicht zwingend entgegenkäme.
Die „großen Zwei“ am Berg abzuschütteln, erscheint kaum realistisch. Zwar kann van Aert zwischen den Anstiegen taktisch agieren, doch weder Pogačar noch van der Poel sind dafür bekannt, Schwächen zu zeigen oder Attacken unbeantwortet zu lassen. Dadurch wird sein Handlungsspielraum im Kampf um den Sieg deutlich eingeschränkt. Seine beste Chance könnte darin liegen, erneut den stärksten Fahrern zu folgen, dann jedoch bewusst nicht mitzuarbeiten und ein chaotisches Rennszenario zu provozieren – auch wenn er sich damit möglicherweise nicht nur Freunde macht. Mit Per Strand Hagenes und Christophe Laporte verfügt Visma über Fahrer, die früh im Rennen Akzente setzen und es taktisch gestalten können. Diese Optionen muss das Team nutzen und möglicherweise Allianzen schmieden.
Remco Evenepoel – Die große Unbekannte im Rennen, wie bereits zuvor beschrieben. Natürlich handelt es sich um sein Debüt, doch wir schreiben das Jahr 2026. Wir haben gesehen, dass Pogačar bei seiner ersten Teilnahme beinahe gewann – und sogar bei seinem Debüt in Paris–Roubaix sofort um den Sieg mitfuhr. Wenn man zur Kategorie der „Außergewöhnlichen“ gehört, spielt Erfahrung auf dieser Strecke eine deutlich geringere Rolle. Diese Fahrer sind schlicht insgesamt die besseren Radfahrer.
Evenepoel bringt dafür ideale Voraussetzungen mit: Er ist stark an kurzen, steilen Anstiegen, überzeugt über lange Distanzen und ist extrem gefährlich bei Solovorstößen. Zudem ist er durchaus in der Lage, sich taktisch mit einem der anderen Favoriten zu verbünden, um etwa Pogačar oder van der Poel zurückzuholen. Das könnte zu einem völlig anderen Rennfinale führen als im vergangenen Jahr.
Evenepoel ist jedoch nicht nur ein Kandidat für das Podium. Seine Form bei der Katalonien-Rundfahrt wirkte sehr überzeugend, zudem ist seine Motivation groß, vor heimischem Publikum zu glänzen. Gerade seine Stärke bei Attacken aus der Ebene macht ihn besonders gefährlich, denn sowohl van der Poel als auch Pogačar sind gezwungen, auf jede seiner Bewegungen zu reagieren. Damit kann er die bislang typische Dominanz der beiden an den Anstiegen entscheidend stören. Hinzu kommt ein sehr stark besetztes Team von Red Bull–BORA–hansgrohe. Sollte er insbesondere von Gianni Vermeersch gut unterstützt werden, dürfte auch die Positionsarbeit kein entscheidender Schwachpunkt sein.
Unterstützung kommt zudem von weiteren starken Mannschaften: Soudal–Quick-Step setzt auf Dylan van Baarle und Jasper Stuyven, zwei Fahrer, die traditionell besonders in ausdauerbetonten Rennen überzeugen. Lidl–Trek bringt mit Mads Pedersen einen Fahrer ins Rennen, der aktuell zwar nicht in absoluter Topform ist, aber dennoch immer ein Faktor bleibt – möglicherweise mit zusätzlicher taktischer Freiheit für Mathias Vacek. Bahrain–Victorious vertraut auf die Kombination aus Alec Segaert und Matej Mohorič, während Uno-X mit Jonas Abrahamsen und Rasmus Tiller ein ähnlich starkes Duo aufbietet.
Auch Magnus Sheffield und Romain Grégoire präsentierten sich zuletzt bei Dwars door Vlaanderen in guter Verfassung und könnten an den flämischen Anstiegen eine Rolle spielen. Darüber hinaus zählen Fahrer wie Aimé De Gendt, Michael Valgren und möglicherweise auch Toon Aerts zu den interessanten Außenseitern.
Einige Fahrer könnten zudem auf ein Rennszenario wie 2024 hoffen, um ihre Chancen auf eine Top-10-Platzierung zu verbessern. Die aktuellen Bedingungen sprechen zwar nicht unbedingt dafür, doch sollte eine größere Gruppe gemeinsam Oudenaarde erreichen, könnten mehrere dieser Fahrer im Sprint um den Sieg eingreifen. Dazu gehören schnelle Klassikerfahrer wie Søren Wærenskjold und Paul Magnier, die zwar eher Schwierigkeiten erwartet werden, aber dennoch überraschen können. Ebenso erfahrene Spezialisten wie Biniam Girmay, Matteo Trentin, Ben Turner, Davide Ballerini und Iván García Cortina sind in solchen Konstellationen jederzeit gefährlich. Arnaud De Lie bleibt grundsätzlich ebenfalls ein Faktor – auch wenn seine aktuelle Form Zweifel an einer entscheidenden Rolle aufkommen lässt.
Prognose Flandern-Rundfahrt 2026:
*** Tadej Pogacar
** Mathieu van der Poel, Remco Evenepoel, Wout Van Aert
* Florian Vermeersch, Gianni Vermeersch, Per Strand Hagenes, Mads Pedersen, Jasper Stuyven, Jonas Abrahamsen, Alec Segaert, Magnus Sheffield
Unser Tipp: Tadej Pogacar
Wie: Solo win, and I will say perhaps the winning attack will be on the Koppenberg this time around.
Original: Rúben Silva