Für einen Fahrer, der seinen Ruf auf ruhiger Entwicklung und stetigen Lernkurven aufgebaut hat, fühlten sich die vergangenen Monate völlig anders an.
Derek Gee stieß spät und unter einer Wolke der Ungewissheit zu seinem neuen Team, nach einer Phase fernab der gewohnten Takte von Trainingsblöcken und Rennkalendern. Das Rennen lief im Kopf weiter, doch die Zukunft wirkte nicht geregelt.
„Es war eine harte Zeit“,
gibt Gee im Gespräch mit Bici.Pro zu. „So etwas nimmt dich komplett ein, weil es dein Alltag ist.“
Diese Drucklage ist entscheidend, denn Gee wechselt nicht aus einer Komfortposition. Sein Aufstieg zum Grand-Tour-Anwärter kam später als es der moderne Weg üblicherweise zulässt, geprägt vom behutsamen Übergang von der Bahn sowie einer kurzen Lehrzeit als Rundfahrer.
Das Momentum war endlich da – und stoppte abrupt. Es folgte kein Lärm, keine Dramatik, sondern etwas Leiseres und Zersetzenderes: Ungewissheit.
Training durch das Unbekannte
Selbst als seine Zukunft offen war, ließ Gee den Prozess nicht einschlafen. „Auch als meine Zukunft ungewiss war, habe ich hart trainiert, im Wissen, dass die Verhandlungen zu einem Ergebnis führen würden“, sagt er. Diese Linie verrät weniger über Verträge als über die Haltung. Vorbereitung wurde zur Konstante, als alles andere provisorisch wirkte.
Dieser eigenbestimmte Ansatz passt zu einem Fahrer, der nie stark auf Systeme oder geerbte Führungsrollen gesetzt hat. Gees Lernkurve war verdichtet, nicht geglättet. Zwei Saisons mit ernsthaften GC-Ambitionen folgten auf einen späten Profieinstieg – mit Luft nach oben, aber wenig Spielraum fürs Abdriften. Als die Stabilität verschwand, wurde Training zu einer Form von Kontrolle.
Die Entspannung kam erst, als der Wechsel vollzogen war. „Wenn man im Trainingslager des neuen Teams ankommt, fällt die Anspannung wirklich sehr schnell ab“, sagt er. Diese Erleichterung ist ein wichtiger Kontext. Es war kein Wechsel zum Feiern, sondern ein Reset, der den Fokus wieder auf Rennen statt auf Lösungen richtete.
Ein Reset, nicht nur ein Transfer
Spät aufzuschlagen kann jede Gruppe durcheinanderbringen, doch Gee betont, dass das Umfeld bereit wirkte, nicht starr. „Trotz meines unglaublich späten Einstiegs habe ich ein sehr gut organisiertes Team vorgefunden“, sagt er. „Ich war beim Dezember-Trainingslager sehr schnell integriert.“
Dieses Passungsgefühl ist zentral für seine Einordnung des Wechsels. Er beschreibt ihn nicht als Flucht oder Rettung, sondern als Chance zur Neukalibrierung. Der Reiz war Ambition, nicht Bequemlichkeit. „Das Ziel in einem Team wie diesem kann nur sein, aufs Podium zu fahren“, sagt er. „Ich bin diesem Team im Grunde beigetreten, weil es unglaublich ehrgeizig ist.“
Diese Ambitionen decken sich mit Lidl-Treks Blick auf die Zukunft in Etappenrennen. Gee wurde mit klarer Rolle geholt. „Ich wurde verpflichtet, um mich auf die Gesamtwertung zu konzentrieren und die Balance in diese Richtung zu verschieben“, erklärt er. Diese Klarheit steht im Kontrast zu den Monaten davor.
Druck, Einordnung und was jetzt kommt
Gee spricht offen darüber, wie zehrend das Zwischenstadium wurde, betont aber ebenso, dass es nicht nachwirkt. „Es hat also keine Narben hinterlassen, und ich bin neu motiviert, bereit ins Renngeschehen zurückzukehren“, sagt er. Das ist wichtig, denn seine Ziele beschränken sich nicht auf ein Rennen oder eine Saison. Er sieht sich weiterhin als laufendes Projekt – körperlich wie taktisch.
„Nach heutigem Maßstab bin ich mit 25 sehr spät Profi geworden“, sagt er. „Ich hatte erst zwei Jahre, in denen ich es in der Gesamtwertung versucht habe.“ Die Implikation ist kein Zweifel, sondern Potenzial. Eklatante Schwächen gibt es nicht, sagt er, aber auch keine einzelne dominante Stärke – somit sind in jeder Disziplin kleine Reserven zu heben.
Der Reset bei
Lidl-Trek bedeutet daher weniger einen Neustart als das Entfernen von Reibung. Die Ungewissheit ist weg, der Druck nun vertraut statt abstrakt. Zurück bleibt ein Fahrer, der gelernt hat, wie schnell Momentum reißen kann – und wie bewusst man es wieder aufbauen muss.
Für Gee könnte genau diese Perspektive der wertvollste Ertrag sein.