Mikel Landa zeigte am vorletzten Tag der
Vuelta a Espana 2026 noch einmal seine Kletterqualitäten aus besten Zeiten und gewann die 20. Etappe. Nach einer unerbittlichen Königsetappe durch die Sierra Nevada setzte sich der Baske mit einer Solo-Attacke am Collado del Alguacil entscheidend von seinen Konkurrenten ab.
Vom Start weg entwickelte sich ein offensives Rennen. Wout van Aert und Ivo Oliveira eröffneten mit einer frühen Attacke die Flucht des Tages. Schließlich formierte sich eine 14 Fahrer starke Ausreißergruppe, in der Uno-X Mobility gleich mit sechs Profis vertreten war und die sich einen Vorsprung von mehr als elf Minuten erarbeitete. Van Aert sammelte unterwegs wichtige Punkte an den Anstiegen und entschied zudem den Zwischensprint in Guejar Sierra für sich. Damit hatte er das grüne Trikot rechnerisch sicher.
Kuss eröffnet früh den Kampf um die Gesamtwertung
Im Feld der Favoriten eröffnete Sepp Kuss frühzeitig den Kampf um die entscheidenden Positionen in der Gesamtwertung. Richard Carapaz schaffte zunächst den Sprung zu ihm, ehe Felix Gall die Verfolgung forcierte und damit auch
Enric Mas und Primoz Roglic wieder heranführte. Am zweiten Anstieg des El Purche griff Kuss erneut an. Diesmal konnte er sich dauerhaft absetzen und einen Vorsprung herausfahren, der ihn in der virtuellen Gesamtwertung an Oscar Onley vorbei auf den fünften Platz brachte.
An der Spitze des Rennens erreichten Mikel Landa, Ramses Debruyne und Tobias Halland Johannessen gemeinsam den Schlussanstieg. Auf den ersten Rampen, die Steigungsprozente von bis zu 22 Prozent aufwiesen, übernahm Debruyne die Tempoarbeit. Doch schon bald zeigte sich, dass Landa an diesem Tag der stärkste Fahrer des Trios war. Sieben Kilometer vor dem Ziel distanzierte der Baske seine beiden Begleiter und vergrößerte seinen Vorsprung auf dem Weg zum Gipfel kontinuierlich.
1,2 Kilometer vor dem Ziel ging schließlich Gall aus der Favoritengruppe in die Offensive. Mas reagierte zunächst auf die Attacke des Österreichers, ehe sich Gall leicht von ihm lösen konnte. Roglic und Carapaz büßten derweil Zeit ein. Das rote Trikot von Mas geriet dennoch nicht mehr ernsthaft in Gefahr. Vorne vollendete Landa unterdessen seinen Triumph und feierte damit seinen ersten Sieg in einer für ihn schwierigen Saison 2026.
Mikel Landa greift 7 Kilometer vor dem Ziel an und gewinnt die 20. Etappe der Vuelta.
Rúben Silva von CyclingUpToDate verfolgte die 20. Etappe der Vuelta a Espana aus nächster Nähe. Nachdem Mikel Landa die Königsetappe für sich entschieden und Enric Mas den Gesamtsieg praktisch perfekt gemacht hatte, blickte Rúben auf einen denkwürdigen Tag in der Sierra Nevada zurück. Im Mittelpunkt standen der aggressive Schlagabtausch der Klassementfahrer und ein Rennen, das zwei Profis belohnte, deren Karrieren zuletzt wie festgefahren gewirkt hatten.
„Heute war Radsport wie Poesie in Bewegung. Normalerweise ist dieser Sport brutal und kennt keine Gerechtigkeit. Er wirft dich zu Boden, kaut dich durch und spuckt dich wieder aus. Fahrer stürzen, erleiden Defekte und opfern alles für eine Chance auf Erfolg – und häufig bleibt die Belohnung trotzdem aus, selbst wenn sie in herausragender Form sind.“
Gerechtigkeit für Mikel Landa
Landa war nach einer schwierigen Saison zur Vuelta a Espana gereist, doch seine beste Vorstellung hatte er sich ausgerechnet für die letzte Bergetappe aufgehoben.
„Heute wirkte es, als hätten die Radsportgötter zwei Fahrern etwas zurückgegeben, deren Karrieren meiner Meinung nach kaum noch zu retten schienen. Mikel Landa wurde im April in seiner baskischen Heimat von einem Fahrzeug der Organisatoren angefahren und musste deshalb sowohl den Giro als auch die Tour auslassen. Durch die Vuelta quälte er sich ohne die nötige Form und ohne die Beine, um Großes zu erreichen.“
Doch ausgerechnet auf der letzten großen Bergetappe änderte sich alles. „Im allerletzten Moment war es, als hätte er plötzlich Flügel bekommen. Er flog die Berge der Sierra Nevada hinauf wie seit Jahren nicht mehr. Ein hochverdienter Sieg – entstanden aus Durchhaltevermögen und Geduld und aus der Fähigkeit, weiterzumachen, wenn alles gegen dich spricht und die Erfolgsaussichten bei null zu liegen scheinen. Für Landa ist das eine wunderbare Form der Gerechtigkeit – aber auch für Enric Mas.“
„Eine echte GC-Schlacht hat mir jeden Wunsch erfüllt“
Rúben ist zudem überzeugt, dass die Abwesenheit von Tadej Pogacar den Kampf um das rote Trikot offener und unterhaltsamer gemacht hat.
„Ich sage es ganz offen: Ohne Tadej Pogacar im Kampf um die Gesamtwertung war dieses Rennen deutlich spannender. Heute hat mir eine echte GC-Schlacht jeden Wunsch erfüllt. Und zwar eine Schlacht, die mit Vollgas geführt wurde.“
Gerade auf diese Etappe hatte er bereits seit Monaten gewartet. „Die 20. Etappe hatte ich mir schon seit der Streckenpräsentation Ende vergangenen Jahres angestrichen. Vier lange Anstiege, alle mit Steigungen um die zehn Prozent. Wie geht man so etwas an? Was passiert, wenn jemand schon am ersten Berg Vollgas fährt und alle anderen reagieren müssen? Heute haben wir die Antworten bekommen.“
Eine entscheidende Rolle spielte dabei Richard Carapaz. Der Ecuadorianer attackierte wiederholt und setzte seine Konkurrenten im Kampf um die Podiumsplätze mit ständigen Vorstößen unter Druck.
„Richard Carapaz, Gott segne ihn, war schon bei der Tour de France und jetzt auch hier bei der Vuelta ein echter Funkengeber. Seine Angriffslust, seine Fähigkeit, die anderen Podiumsanwärter unter Druck zu setzen, und die bis heute entstandene Konstellation in der Gesamtwertung waren die perfekte Mischung für einen Angriff aus großer Distanz.“
Carapaz beließ es dabei nicht bei einzelnen Versuchen. „Der Ecuadorianer hat geliefert. Er attackierte an jedem einzelnen Anstieg und zwang Enric Mas, Primoz Roglic und Felix Gall jedes Mal an ihre Grenzen.“
Das Chaos kehrt in die Grand Tour zurück
Weil sich zahlreiche Fahrer vor der Favoritengruppe befanden, konnten die Teams der Klassementfahrer ihre Helfer je nach Rennsituation zurückfallen lassen und taktisch einsetzen. Daraus entwickelte sich ein unberechenbares Rennen, wie man es auf diesem Niveau nur noch selten erlebt.
„Mit Dutzenden Fahrern vor der Favoritengruppe konnten die verschiedenen Leader zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf zurückfallende Helfer zurückgreifen. Dadurch entstand eine Art Chaos, die auf diesem Niveau selten geworden ist. Grand Tours und generell viele WorldTour-Rennen sind häufig vorhersehbar, weil einige wenige überragende Fahrer die Rennen oftmals souverän gewinnen.“
Bei dieser Vuelta stellte sich die Situation für Rúben völlig anders dar. „Hier haben wir einen ausgeglichenen Schlagabtausch zwischen Fahrern mit unterschiedlichen Profilen erlebt. Jeder Anwärter hatte seine eigenen Schwächen und Besonderheiten. Dadurch fühlte sich jede Bergetappe anders an und hatte ihre eigene Bedeutung.“
All diese Faktoren kulminierten schließlich in der Königsetappe. „Das alles steigerte sich bis zur heutigen Etappe immer weiter. Vom Start bis ins Ziel wurde Vollgas gefahren – mit der härtesten Kombination von Anstiegen seit Jahren und allem, was dazwischen passiert ist.“
„Enric Mas hat es verdient, ganz einfach“
Nach vier bisherigen Podiumsplatzierungen bei seiner Heim-Grand-Tour hat Mas nun endlich den Gesamtsieg geholt. Für Rúben ist dieser Erfolg ein passender Abschluss einer jahrelangen Geschichte, die von großen Erwartungen und ebenso heftiger Kritik geprägt war.
„Enric Mas hat es verdient, ganz einfach. Jahrelang musste er Kritik einstecken, vieles davon war unbegründet. Er ist ein Fahrer, der bei fast jeder Gelegenheit angegangen wird und dessen eigentliches ‚Problem‘ darin besteht, dass er nicht so erfolgreich ist wie Alberto Contador, Alejandro Valverde und Joaquim Rodriguez zu ihren besten Zeiten.“
Rúben selbst hatte bereits daran gezweifelt, dass Mas noch einmal die Gelegenheit bekommen würde, eine dreiwöchige Landesrundfahrt zu gewinnen. „Ich dachte, Mas’ Chancen auf einen Grand-Tour-Sieg seien mit der Vuelta 2024 vorbei gewesen. Damals hatte er die Beine dafür, aber Roglic war schlicht der stärkere Fahrer.“
Umso größer ist nun die Bedeutung dieses Erfolgs. „Es ist ein wirklich schönes Ende für die Geschichte von Mas. Ein Fahrer, der bei diesem Rennen viermal auf dem Podium stand, hier immer wieder sein bestes Niveau erreicht hat, jahrelang heftig kritisiert wurde und nun endlich die Erwartungen erfüllt, die man – vielleicht auf unfaire Weise – schon vor fast einem Jahrzehnt an ihn gestellt hat.“
Für Rúben verändert der Triumph sogar den Blick auf die gesamte Laufbahn des Spaniers. „Mit diesem Sieg fühlt sich die Karriere von Mas vollständig an – ähnlich wie bei Wout van Aert nach Paris-Roubaix und bei Simon Yates nach dem Giro d’Italia.“
Vor allem aber bot die Vuelta a Espana 2026 aus seiner Sicht eine Art von Renndynamik, die im modernen Profiradsport nur noch selten zu beobachten ist.
„Ich bin glücklich, eine Grand Tour mit einer solchen Dynamik erlebt zu haben. So etwas habe ich seit der Tour de France 2019 nicht mehr gesehen – es fühlte sich wie ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten an.“
Auch
Carlos Silva von CyclingUpToDate verfolgte das Geschehen auf der 20. Etappe der Vuelta a Espana genau. Nach Landas Triumph auf der Königsetappe und dem praktisch gesicherten Gesamtsieg von Mas analysierte Silva insbesondere den offensiven Auftritt von Uno-X Mobility, den aus seiner Sicht fehlenden Ehrgeiz einiger Klassementfahrer und den bemerkenswerten Vorstoß von Sepp Kuss in die Top Fünf.
„Die Königsetappe der Vuelta a Espana hat nicht enttäuscht“, bilanzierte Silva. „Es war vom ersten Kilometer bis ins Ziel ein großartiger Tag für den Radsport.“
Früh im Rennen bildete sich eine 14 Fahrer starke Ausreißergruppe, in der Uno-X Mobility gleich mit sechs Profis vertreten war. Gerade dieser offensive Ansatz beeindruckte Silva. Er lobte
Richard Carapaz neben Sepp Kuss auf der 20. Etappe der Vuelta a Espana.
Auch
Juan Lopez von CiclismoAlDia nahm die Geschehnisse auf der 20. Etappe der Vuelta a Espana genau unter die Lupe. Nach Mikel Landas Triumph auf der Königsetappe richtete Lopez seinen Blick vor allem auf die offensive Vorstellung von Uno-X Mobility, den Kampf um den zweiten Platz der Gesamtwertung und die komfortable Ausgangslage von Enric Mas an der Spitze des Klassements.
Uno-X scheitert an einem überragenden Landa
„Das war eine spektakuläre Königsetappe der Vuelta a Espana, die ehrlich gesagt deutlich mehr geboten hat, als ich vor dem Start erwartet hatte.“
Einen erheblichen Anteil daran hatte Uno-X Mobility. Gleich sechs Fahrer der Mannschaft schafften den Sprung in die Ausreißergruppe und prägten damit das Renngeschehen. Für den enormen Aufwand belohnte sich das Team am Ende allerdings nicht mit dem erhofften Etappensieg.
„Uno-X hat eine außergewöhnliche Leistung gezeigt, sechs Fahrer in die Flucht gebracht und sich damit eigentlich einen Etappensieg verdient. Nur ein überragender Mikel Landa konnte ihnen diesen Erfolg noch entreißen.“
Vor allem die Vorstellung des späteren Siegers beeindruckte Lopez. „Der Baske war unglaublich. Er schien beinahe aus dem Nichts zu kommen und gewann eine extrem harte Etappe.“
„Ein weiterer taktisch desaströser Tag für Decathlon“
Auch im Kampf um die Spitzenpositionen der Gesamtwertung wurde noch einmal attackiert. Richard Carapaz versuchte erneut, Bewegung in das Klassement zu bringen, während Felix Gall darauf aus war, Primoz Roglic im Duell um den zweiten Gesamtrang noch abzufangen.
„Was die Gesamtwertung betrifft, hat Richard Carapaz erneut für reichlich Unterhaltung gesorgt. Allerdings zeigte er – wie schon während dieser gesamten Vuelta a Espana – nicht die Beine, die er noch bei der Tour de France hatte.“
Gall wiederum wartete aus Sicht von Lopez zu lange mit seiner entscheidenden Offensive. „Felix Gall hat zu spät attackiert und konnte deshalb im Kampf um den zweiten Platz nicht genügend Zeit auf Primoz Roglic gutmachen. Für Decathlon war es ein weiterer taktisch desaströser Tag.“
Mas steht unmittelbar vor dem Vuelta-Triumph
Enric Mas ließ sich dagegen auch auf der letzten Bergetappe nicht mehr entscheidend unter Druck setzen. Der Spanier verteidigte seinen Vorsprung souverän und muss die Vuelta a Espana nun lediglich noch auf der Schlussetappe sicher zu Ende bringen.
„Für Enric Mas war es ein Kinderspiel. Er musste sich einfach festbeißen, dranbleiben und dafür sorgen, diesen unglaublichen Vuelta-Sieg abzusichern. Diesen Triumph kann er eigentlich nur noch verlieren, wenn er am letzten Tag in Granada stürzt.“
Fazit
Die 20. Etappe bot alles, was man sich von einer Königsetappe der Vuelta a Espana erhoffen durfte – und sogar noch etwas mehr. Uno-X Mobility fuhr mutig, brachte gleich sechs Fahrer in die Ausreißergruppe und verfolgte kompromisslos einen ambitionierten Plan. Eine Belohnung für diesen enormen Aufwand wäre verdient gewesen, doch ein entfesselter Mikel Landa machte dem Team mit einer herausragenden Vorstellung einen Strich durch die Rechnung. Nach einer schwierigen Saison war dieser Sieg der passende Lohn für die Beharrlichkeit des Basken.
Auch der Kampf um die Gesamtwertung bot reichlich Action, wofür vor allem Richard Carapaz verantwortlich war. Der Ecuadorianer attackierte immer wieder und zwang Enric Mas, Primoz Roglic und Felix Gall mehrfach an ihre Grenzen. Gall präsentierte sich letztlich stärker als Mas, doch Decathlon wartete mit dem entscheidenden Angriff zu lange. So gelang es dem Österreicher nicht mehr, genügend Zeit auf Roglic gutzumachen.
Über die Qualität des Kampfes um die Gesamtwertung lässt sich dennoch diskutieren. Einerseits war diese Vuelta ausgeglichen und unberechenbar, weil kein dominanter Fahrer das Geschehen kontrollierte und die Bergetappen nach Belieben bestimmte. Andererseits entstand bei mehreren Anwärtern der Eindruck, dass sie entweder nicht bereit oder nicht in der Lage waren, jenes Risiko einzugehen, das für einen Gesamtsieg bei der Vuelta a Espana erforderlich gewesen wäre.
Mas wiederum tat genau das, was nötig war. Er verteidigte seine Führung, überstand sämtliche Angriffe seiner Konkurrenten und steht nun unmittelbar vor dem lange ersehnten Grand-Tour-Triumph. Nach Jahren voller Kritik und vier bisherigen Podiumsplatzierungen bei der Vuelta hat er diesen Moment verdient. Ob Mas in Spanien eindeutig der stärkste Fahrer war, darüber lässt sich streiten. Über die gesamte Rundfahrt hinweg war er jedoch der schnellste und konstanteste Fahrer – und am Ende ist es genau das, was bei einer Grand Tour den Unterschied macht.
Was halten Sie von der 20. Etappe der Vuelta a Espana 2026? Welche Schlüsselmomente, Leistungen und Zwischenfälle haben das Rennen für Sie geprägt? Entsprach der Verlauf der Königsetappe Ihren Erwartungen, welche Fahrer konnten überzeugen und wer hat Sie enttäuscht? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare und diskutieren Sie mit.