Der Sturz von Tadej Pogacar hat das Szenario des UAE Team Emirates XRG bei
der Vuelta a España komplett verändert. Das Team, das die Rundfahrt als dominierender Block begonnen hatte, ist nun auf vier Fahrer geschrumpft. Doch statt sich in die zweite Reihe zu fügen, sucht die Mannschaft weiter in jeder Etappe nach Chancen. Joxean Fernández Matxin, Sportdirektor der Emiratis, verteidigt genau diese wettbewerbsorientierte Haltung.
In
Gesprächen mit dem Diario As betont der Teamchef, dass seine vier verbliebenen Fahrer — João Almeida, Jay Vine Novak, Ivo Oliveira und Kevin Vermaerke — die Etappen zudem aus Wagen Nummer 23 bestreiten, dem letzten der Karawane. Ein deutlicher Kontrast zum ersten Drittel des Rennens, als Pogacar im roten Trikot fuhr.
Doch der Kurswechsel hat den Ehrgeiz nicht gedämpft. Auf dem Weg nach La Pandera gingen drei der vier UAE-Fahrer mit in die Flucht, und Vermaerke durfte sogar vom Tagessieg träumen. Dieses Bild steht für die Philosophie, die Matxin bis zum Schluss bewahren will: angreifen, Chancen suchen und den Verlust des großen Leaders nicht zum Rückzug in die Zuschauerrolle werden lassen.
„Alle, die mir immer sagen, warum wir Rennen nicht anderen überlassen, sollen jetzt mal schauen, welche Wagennummer wir fahren. Die 23“, erklärt Matxin. Der Baske verweist damit auf den Gegensatz zwischen den Erwartungen an eine von Pogacar angeführte Mannschaft und der Realität eines Teams, das sich nach dem Ausfall seines wichtigsten Bezugs punkts neu erfinden muss.
Bei UAE werden die Köpfe nicht hängen gelassen: Eine Etappe ohne Tadej Pogacar soll her
Das Fehlen von Pogačar ist sportlich ein schwerer Schlag, zeigt aber auch eine andere Seite von UAE. Ohne ihren Leader übernehmen die Verbliebenen neue Verantwortung und suchen weiter Präsenz in Ausreißergruppen. „Wir werden weiter Etappen über Fluchten bestreiten“, versichert Matxin, überzeugt, dass auch diese Phase Teil des Lernprozesses für ein Team ist, das gewohnt ist, um alles zu kämpfen.
Der Sportdirektor betont, dass gute wie schlechte Momente zum Sport gehören. „Man muss in den schlechten Momenten genauso da sein wie in den guten“, sagt er. Für UAE ist die Vuelta zur Durchhalteprüfung geworden, mit vier Fahrern, die die Teamfarben vorne zeigen und jede sich bietende Chance nutzen wollen.
Unvermeidlich rückt auch Pogacar in den Fokus. Der Slowene stürzte schwer, erlitt einen Schlüsselbeinbruch, eine stabile Verletzung an der Halswirbel C7 sowie eine Gehirnerschütterung. Nach der Operation in Barcelona entschied das Team, dass er 2026 nicht mehr ins Rennen zurückkehrt. Für Matxin war das Akzeptieren dieser Realität einer der härtesten Momente des gesamten Prozesses.
„Wahrscheinlich war die Akzeptanz der Situation härter als der Sturz“, räumt er ein. Pogacar erkannte im Krankenhaus, dass er sieben bis acht Wochen zur Genesung braucht und ein Forcieren für die WM keinen Sinn ergibt. Vorrang hat nun anderes: den Fahrer ohne Druck ruhen zu lassen und die Reha vollständig abzuschließen.
Pogacar, eine Verlängerung als Basis für die Zukunft
UAE hat auch nicht vor, die Rückkehr seines Superstars zu überstürzen. Die Verlängerung von Pogacar bis 2032 war bereits vor dem Sturz vereinbart, daher sieht das Team keinen Grund, am Zeitplan zu drehen. „Warum den Prozess beschleunigen?“, fragt Matxin, der langfristig denkt und den Slowenen in bestmöglichem Zustand zurückhaben will.
Ein erster Blick auf das Comeback könnte sich im Winter-Trainingslager zwischen November und Dezember zeigen, stets mit größter Vorsicht. Ziel ist nicht eine möglichst frühe Rückkehr des Champions, sondern ein vollständiger Wiederaufbau für eine neue Saison nach einem 2026, das bis zum Unfall herausragend verlaufen war.
Tatsächlich bewertet Matxin Pogacars Jahr nicht nur wegen der Ergebnisse als außergewöhnlich. Der UAE-Direktor hebt besonders sein Auftreten abseits der Straße und den Umgang mit dem Umfeld hervor. „Ich glaube, es war das beste Jahr von Pogacar auf menschlicher Ebene, seit ich ihn kenne“, sagt er und betont seine Haltung gegenüber Teamkollegen, Staff, Sponsoren und Medien.
Die Vuelta hat so die zwei Gesichter von UAE gezeigt: jenes eines Teams, das mit Pogacar dominierte und nun mit vier Fahrern durchhält, und jenes einer Struktur, die sich weigert, auf Wettbewerb zu verzichten. Während die Fahrer weiter nach Fluchtchancen greifen, blickt Matxin über diese Rundfahrt hinaus. Der Unfall hat Pogacars Weg gebremst, nicht aber das Projekt. Mit dem Slowenen bis 2032 an Bord und einer entschleunigten Reha als Priorität bereitet UAE bereits die Zukunft seines großen Leaders vor.