„Die UCI hat den Radsport zerstört“ – Bardiani-Chef Bruno Reverberi droht mit Teamauflösung und rechnet mit dem Weltverband ab

Radsport
durch Nic Gayer
Bardiani CSF 7 Saber
Dem italienischen ProTeam Bardiani CSF 7 Saber droht in absehbarer Zukunft das Aus. Teambesitzer Bruno Reverberi hat offen eingeräumt, dass eine Auflösung des traditionsreichen Rennstalls inzwischen ernsthaft in Betracht gezogen wird. Gleichzeitig übte er massive Kritik am Radsport-Weltverband UCI, an der Entwicklung des professionellen Radsports und insbesondere am umstrittenen Punkte- und Ranglistensystem, das seiner Ansicht nach kleinere Mannschaften zunehmend benachteiligt.
Auslöser für die düsteren Zukunftsaussichten ist vor allem das sportliche Abschneiden in der Saison 2026. Nach Platz 31 in der UCI-Mannschaftswertung sieht Reverberi sein Team für das kommende Jahr praktisch „abgeschnitten“. Bardiani erfüllt damit nicht die Voraussetzungen für eine Wildcard-Teilnahme an den Grand Tours 2027. Für den italienischen Rennstall, dessen Zukunft ohnehin auf dem Prüfstand steht, könnte diese Entwicklung weitreichende Konsequenzen haben.

„Unser Projekt ist, aufzuhören“ – Bardiani steht vor dem Aus

Seit rund vier Jahrzehnten befindet sich die Mannschaft im Besitz der Familie Reverberi. Doch die lange Tradition könnte schon bald ein Ende finden. Der Teamchef sieht nicht nur für seinen eigenen Rennstall kaum noch Perspektiven, sondern stellt auch die Zukunft des professionellen Radsports insgesamt infrage.
„Unser Projekt ist, aufzuhören. Wie kann man fünf Millionen Euro ausgeben und dann kein Startrecht haben? Es gibt keine Zukunft, und auch der Radsport hat keine Zukunft“, erklärte Reverberi im TriCiclo-Podcast.
Die Überlegungen zu einem möglichen Rückzug sind offenbar keineswegs neu. Vielmehr hat die Mannschaft ihre Personalplanung bereits auf ein denkbares Ende des Projekts ausgerichtet. „Wir haben bereits überlegt, in zwei Jahren Schluss zu machen. Deshalb haben wir vier oder fünf neue Fahrer verpflichtet und ihre Verträge auf jeweils ein Jahr beschränkt.“

UCI-Punkte statt Ausreißversuche: Reverberi beklagt grundlegenden Wandel

Neben den sportlichen Problemen bereitet Reverberi vor allem die wirtschaftliche Situation Sorgen. Neue Sponsoren für das Projekt zu gewinnen, sei unter den aktuellen Bedingungen zunehmend schwierig. Ein wesentlicher Grund dafür liege im stetig wachsenden Druck, möglichst viele UCI-Punkte zu sammeln. Dadurch würden andere Aspekte, die gerade für kleinere Teams und ihre Geldgeber von großer Bedeutung seien, immer stärker vernachlässigt. Dazu zählt insbesondere die Fernsehpräsenz durch offensive Fahrweise und lange Ausreißversuche.
„Man traut sich nicht einmal mehr, zum Sponsor zu gehen und um Geld zu bitten. Wir hatten ein Projekt mit jungen Fahrern, und das wurde einfach gestrichen.“
Aus Sicht des Italieners hat das Ranglistensystem die taktische Ausrichtung vieler Mannschaften grundlegend verändert. Während kleinere Teams früher gezielt die Flucht nach vorne suchten, um sich und ihre Sponsoren im Fernsehen zu präsentieren, stehe heute häufig das Sammeln von Punkten im Vordergrund. Selbst ein zehnter Platz könne dadurch wichtiger werden als ein mutiger Angriff.
„Früher war unsere Art zu fahren, in die Ausreißergruppe zu gehen. Jetzt geht man nicht einmal mehr in die Fluchtgruppe, weil man den Fahrer zurückhalten will, damit er für Platz zehn sprintet und diese verdammten UCI-Punkte holt.“
Reverberi brachte deshalb sogar eine grundlegende Neuordnung der Mannschaftsstruktur ins Gespräch. Seiner Vorstellung nach könnte die vollständige Abschaffung der ProTeams dazu beitragen, die sportlichen Chancen gerechter zu verteilen. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass eine derart radikale Reform unter den gegenwärtigen Umständen kaum realistisch erscheint.

„Die UCI ist inkompetent“ – Harte Abrechnung mit dem Radsport-Weltverband

Besonders scharf fiel Reverberis Kritik an der Führung des internationalen Radsports aus. Während die Sportart dank ihrer größten Stars an der Spitze eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit genieße, verschlechterten sich die Bedingungen in den darunterliegenden Leistungsklassen seiner Ansicht nach dramatisch. Gerade für kleinere Rennställe werde es immer schwieriger, wirtschaftlich zu überleben und sich sportlich zu behaupten.
„Ich würde sofort alle Profiteams abschaffen, denn das ergibt keinen Sinn, und den Continental-Teams die Chance geben, das zu tun, was wir jetzt machen. Dann könnte man sich nach sportlichem Verdienst für den Giro d'Italia qualifizieren.“
Doch damit nicht genug: Reverberi stellte auch die Prioritäten des Weltverbandes grundsätzlich infrage. Statt sich auf die strukturellen Probleme des Radsports zu konzentrieren, beschäftige sich die UCI seiner Ansicht nach mit fragwürdigen Detailvorschriften und technischen Regulierungen.
„Die UCI ist inkompetent. Sie hat den Radsport zerstört. Aber seht ihr, dass die UCI vorschreiben muss, mit welchem Rad man fahren darf? Muss sie die Größe der Socken kontrollieren? Kann man bei der Radsport-WM ohne Funk fahren?“
Zum Abschluss zeichnete der langjährige Teamchef ein besonders düsteres Bild von der Entwicklung seiner Sportart. Zwar habe der Radsport durch die außergewöhnlichen Leistungen von Tadej Pogacar ein neues sportliches Niveau erreicht, doch dieser Erfolg an der Spitze könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Strukturen darunter zunehmend zerfielen.
„Mit Pogacar haben wir in gewisser Weise einen Höhepunkt erreicht, aber darunter bricht alles auseinander. Der Radsport verschwindet, und niemand schaut hin.“
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