Der Schock-Rücktritt von
Simon Yates hallt weiter durch das Profi-Peloton, und nun nutzt einer seiner langjährigen Weggefährten aus dem Teamumfeld ihn als Warnsignal für den gesamten Sport.
Im Gespräch mit Tutto Bici Web beim AlUla Tour sprach
Brent Copeland weder emotional über Yates noch spekulierte er privat. Stattdessen analysierte der Team-Jayco AlUla-Manager und AIGCP-Präsident Strukturen, Druck, Arbeitsbelastung und ein Umfeld, das seiner Ansicht nach Fahrer leiser denn je in Richtung Burnout schiebt.
Yates fuhr jahrelang unter Copelands Leitung bei
Team Jayco AlUla, bevor er zur Saison 2025 zu
Team Visma | Lease a Bike wechselte. Diese lange Zusammenarbeit verleiht Copelands Worten zusätzliches Gewicht, wenn er das aktuelle Klima im Radsport mit der Situation verknüpft, die den amtierenden Giro d’Italia-Sieger im Januar ohne Vorwarnung zum Rückzug bewog.
„Der Radsport muss so schnell wie möglich reagieren, sonst sehen wir immer jüngere Fahrer ausbrennen.“
Copeland vermied es, die genauen Gründe hinter Yates’ Entscheidung zu kennen, machte aber klar, dass die Bedingungen für so etwas im modernen Profiradsport angelegt sind. „Ich weiß nicht, ob das bei
Simon Yates der Fall war, aber es stimmt, dass Radsport enorm viel abverlangt. Man ist weg von der Familie, ständig unterwegs, opfert viel, und das Umfeld ist zunehmend stressig.“
Druck entsteht längst nicht mehr nur im Rennen
Für Copeland geht es nicht allein um Renntage oder Trainingsumfang. Es ist die konstante Erwartungsschicht, die über allem liegt, was Fahrer tun.
Sponsorenerwartungen. Anteilseigner. Der Kampf um WorldTour-Punkte. Lange Höhentrainingslager. Dauerndes Reisen. Soziale Medien. Medienpflichten. Leistungserwartungen, die kaum Spielraum für körperliche oder mentale Schwankungen lassen.
„Jedes Jahr wird es schwieriger wegen der Anforderungen von Sponsoren und Anteilseignern, man braucht Punkte für den Verbleib in der WorldTour, und der Druck steigt. Also muss man ein Gleichgewicht schaffen zwischen angemessenem Druck und einem Umfeld, in dem Menschen gut arbeiten können.“
Er berichtete, Fahrer erzählten ihm regelmäßig von 70 Tagen in der Höhe pro Saison, gefolgt von weiteren 70 bis 80 Renntagen. „Im Camp steht man ständig unter Druck – Ernährung, Training, alles.“
Dieses Umfeld, so Copeland, unterscheidet sich grundlegend von der Arbeitsweise vor zehn Jahren. Fahrer trainieren und fahren nicht mehr nur Rennen. Sie leben über weite Teile des Jahres in einer Performance-Blase. „Bevor man Familien in Trainingslager holt, ist es vielleicht wichtiger, ein vernünftigeres Arbeitsumfeld zu schaffen.“
Yates’ Rücktritt erzwingt unbequeme Debatten
Seit Yates’ Entscheidung sprechen viele Stimmen im Sport offener über Burnout, Termindruck und die mentale Last für Fahrer. Copelands Aussagen fügen sich in diesen wachsenden Chor – mit der Autorität eines Managers, der Yates jahrelang betreute und heute als AIGCP-Präsident alle Profiteams repräsentiert.
„Das muss so schnell wie möglich angegangen werden. Wir brauchen ein Projekt, das Fahrern nicht nur beim Karriereende hilft, sondern während ihrer Laufbahn.“
Dieser Unterschied ist entscheidend. Copeland spricht nicht über Ausstiegsbegleitung. Er spricht über Prävention, solange Fahrer aktiv sind.
Dass die Debatte erst nach einem prominenten Rücktritt Fahrt aufnimmt, entgeht ihm nicht. „Der Radsport muss so schnell wie möglich reagieren.“
Arbeitsumfeld statt Druckkammer
Copeland verwies auf die interne Philosophie bei Jayco AlUla als bewussten Versuch, das Teamumfeld nicht zu einer, indirekt so beschriebenen, Druckkammer werden zu lassen. „Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem Fahrer Ergebnisse liefern, weil sie es wollen.“
Er räumte ein, dass ein solcher Ansatz bisweilen bedeutet, Ergebnisse nicht maximal so auszureizen wie in intensiveren Settings, sieht darin aber einen bewussten Tausch. „Manchmal kann das ein zu entspanntes Umfeld schaffen und Ergebnisse können leiden, weil wir nicht mit übermäßigem Druck arbeiten.“
Diese Aussage steht im scharfen Kontrast zum Kurs vieler Teams der letzten Jahre, in denen Performance-Optimierung unerbittlich und ganzjährig wurde. „Manche werden kritisieren, Fahrer seien gut bezahlt und das sei ihr Job. Einverstanden, aber lasst uns einen Mittelweg finden.“
Der Sport am Scheideweg
Copelands übergeordnete Botschaft zielte nicht auf einen Fahrer, ein Team oder einen Einzelfall. Es ging um die Richtung.
Die Richtung der Budgets. Die Richtung der Erwartungen. Die Richtung der Arbeitsbelastung. Und die Richtung der Frage, wie lange Fahrer ein Leben in diesem System realistisch durchhalten können. „Sonst sehen wir immer jüngere Fahrer ausbrennen.“
In den Wochen seit Yates’ Rückzug klingt diese Warnung weniger wie eine Meinung und mehr wie eine Diagnose aus der Führungsebene des Sports.