Der Radsport erlebte vor nur einer Woche eine
enorme Tragödie, doch das Peloton fährt weiter, als sei nichts geschehen. So sieht es zumindest Visma - Lease a Bike-Manager
Richard Plugge, den die ausbleibende Reaktion des Pelotons deutlich enttäuscht.
„Wir müssen aufhören, nach Ausreden zu suchen“
„Wir machen einfach weiter. Was mich enorm enttäuscht, ist, dass alle sagen, es sei schrecklich, und dann sofort ein ‚aber‘ folgt. Ich sage: Alles nach dem ‚aber‘ muss weg. So etwas darf einfach nicht passieren. Diese Haltung müssen wir als Radsportgemeinschaft einnehmen“, sagt Plugge entschlossen im Gespräch mit
WielerFlits.
Plugge betont, dass es zwar für Zuschauer weniger attraktiv sein mag, aber nötig werden könnte, vom „A-nach-B“-Format auf Rundstrecken zu wechseln. In den Niederlanden ist das bereits üblich, selbst die Amstel Gold Race fährt ihre Schlussphase auf einem (recht großen) Rundkurs.
„Wir haben den Behörden, Organisatoren und Teams bereits signalisiert: Wenn 200 Kilometer von A nach B über öffentliche Straßen nicht mehr machbar sind, müssen wir 15-, 20- oder 25-Kilometer-Runden fahren. Vorausgesetzt, diese Strecken lassen sich zu hundert Prozent absichern. Am Ende geht es schlicht um unsere Fahrer. Sie müssen sicher sein können, dass sie auf einem sicheren Kurs Rennen fahren.“
So etwas könnte in der Formel 1 nicht passieren
Besonders wütend macht Plugge, dass ein Zivilfahrzeug auf die Strecke gelassen wurde, obwohl noch Fahrer unterwegs waren. Er zieht den Vergleich zu einer Sportart mit noch höheren Geschwindigkeiten.
„Dieser Junge trifft in einer Abfahrt auf ein Auto. Können Sie sich vorstellen, dass so etwas bei der Formel 1 in Zandvoort passiert? Dass plötzlich ein Auto in Gegenrichtung auf der Strecke fährt? Natürlich sagt jeder, dass das in Zandvoort nicht vorkommt. Aber im Radrennen passiert es tatsächlich.“
Tadej Pogacar in den Straßen von Monaco
Fehlende Empörung
Plugge hätte sich eine klare Reaktion – ein scharfes Statement – von den Verantwortlichen des Radsports gewünscht. Stattdessen gab es kurze Worte des Respekts, dann ging man zur Tagesordnung über. Sichtbare Maßnahmen, um eine Wiederholung zu verhindern, fehlen.
„Dass weder UCI-Präsident David Lappartient noch jemand anderes aus den Dachorganisationen aufsteht und sagt: ‚Moment mal, wir müssen uns jetzt wirklich zusammensetzen und überlegen, wie wir das künftig verhindern‘? Wir hatten mit SafeR eine fantastische Initiative, aber davon höre ich auch kaum noch etwas.“
„Vielleicht müssen wir Teams wieder selbst Verantwortung für die Sicherheit in den Rennen übernehmen. Ich weiß es nicht, aber die fehlende Wut über das, was schon wieder passiert ist, enttäuscht mich sehr.“
Der Radsport hat zwar eine eigene Stelle, die für die Sicherheit der Fahrer im Rennen zuständig ist; Sicherheitsnetze wie am Col de Sarenne, die Sepp Kuss schützten, oder Anpassungen am Zeitfahrkurs in Monaco gehen darauf zurück. Doch Ergebnisse sind selten und betreffen vor allem die aufmerksamkeitsstärksten Events. Kleinere Rennen leiden weiterhin unter gravierenden Mängeln.
„Ich habe es schon gesagt: SafeR ist zu einem politischen Konstrukt geworden, in dem Kompromisse gemacht werden, nur damit alle befriedet sind. Es geht aber darum, dass Fahrer ihren Job sicher ausüben können. Es geht um Sicherheit. Es geht darum, den Beruf sicher auszuüben. Und das duldet keine Kompromisse! Entweder es ist sicher, oder es ist nicht sicher. Wir haben bei der Gründung von SafeR eine fantastische Grundlage geschaffen, aber darauf wird nicht mehr aufgebaut. Es ist inzwischen ein völlig anderes Konstrukt geworden.“
„Wir stehen hier am Start der Vuelta a España in Monaco. Der Raum Nizza/Monaco ist voll mit Verkehr. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir hier in fünf Jahren noch ein Radrennen organisieren können. Wie sieht unser Sport in fünf Jahren aus? Können wir dann noch 200 Kilometer von A nach B fahren? Wahrscheinlich nicht, denn dafür bräuchte man tausend Streckenposten. Fährt man hingegen 20-Kilometer-Runden… Alle sind begeistert, wenn die Straßen-WM auf einem lokalen Rundkurs stattfindet. Zu Recht! Denn das ist wenigstens beherrschbar“, schließt Plugge.