„Viele dieser Geschichten sind nicht erfunden“ – Picnic-Profi bestätigt Teile der Vorwürfe, WorldTour-Lizenz in Gefahr

Radsport
durch Nic Gayer
Team Picnic Post NL bei der Tour de France 2026
Die Enthüllungen über die umstrittene Teamkultur bei Picnic PostNL sorgen inzwischen auch innerhalb der aktuellen Mannschaft für Diskussionen. Während mehrere Fahrer und Verantwortliche die Vorwürfe einer systematischen Angstkultur entschieden zurückweisen, schlägt Frank van den Broek differenziertere Töne an. Der Niederländer räumt ein, dass ihm zahlreiche Schilderungen ehemaliger Fahrer und Mitarbeiter durchaus bekannt vorkommen.
Insbesondere die strikten Vorgaben und der geringe Spielraum für individuelle Entscheidungen seien innerhalb der Organisation seit Jahren kein Geheimnis. Damit widerspricht Van den Broek zumindest teilweise dem Eindruck, die jüngsten Berichte würden ein völlig verzerrtes Bild der Arbeitsweise des niederländischen WorldTour-Teams zeichnen.

Frank van den Broek: „Ich verstehe, woher viele dieser Geschichten kommen“

„Ich verstehe, woher viele dieser Geschichten kommen. Sie sind nicht erfunden“, erklärte Van den Broek gegenüber Wielerflits während der Eneco Tour. „Vor allem die Protokolle sind seit Jahren bekannt. Bei vielem war ich aber nicht dabei. Dann hört man die Geschichte von zwei Seiten, und es ist für mich schwierig, genau zu beurteilen, wo die Wahrheit liegt.“
Romain Bardet und Frank van den Broek bei der Tour de France.
Frank van den Broek äußert sich zu den schweren Vorwürfen gegen Picnic PostNL. Der Niederländer bestätigt, dass ihm viele der geschilderten internen Abläufe bekannt sind, betont jedoch, dass er nicht alle Vorfälle selbst beurteilen könne.
Hintergrund seiner Aussagen ist eine umfangreiche gemeinsame Recherche von NOS Sport und In De Waaier, die sich mit den internen Strukturen und dem Umgang mit Fahrern und Mitarbeitern bei Picnic PostNL sowie dessen Vorgängermannschaften beschäftigt. Für die Untersuchung wurden mehr als 70 aktuelle und ehemalige Mitglieder der Organisation befragt.
Unter anderem hatten der frühere Profi Martijn Tusveld und Ex-Trainer Adriaan Helmantel ihre Erfahrungen öffentlich geschildert. Zuletzt meldete sich auch Nicolas Roche zu Wort, der in einem äußerst kritischen Bericht auf seine drei Jahre innerhalb der Mannschaft zurückblickte.
Van den Broek erklärte, dass ihm ein Großteil der nun öffentlich gewordenen Geschichten bereits zuvor bekannt gewesen sei. Dazu zählte auch eine frühere Auseinandersetzung zwischen Tusveld und Sportdirektor Rudi Kemna. Überrascht habe ihn allerdings, wie schwer Tusveld nach eigener Darstellung emotional unter den damaligen Ereignissen gelitten hatte.

„Es ging vor allem darum, sich an die Vorgaben zu halten“

Als Van den Broek 2024 zum WorldTour-Team wechselte, wusste er nach eigener Aussage bereits, dass ihn eine Mannschaft mit klar definierten Abläufen und strengen internen Regeln erwarten würde. Entsprechend habe er sich von Beginn an darauf eingestellt, die Arbeitsweise der Organisation zu akzeptieren.
„Als ich hierherkam, ging es vor allem darum, sich an die Vorgaben zu halten“, berichtete der Niederländer. „Ich habe mich darauf eingestellt. Das wusste ich aber auch. Mit den Experten habe ich regelmäßig Kontakt. Doch die Frage ist: Was kann sich bei den Protokollen oder im persönlichen Umgang für mich tatsächlich ändern? Oft lautet das Fazit: So machen wir es, und es ist schwierig, daran etwas anzupassen. Aber ich bin Angestellter und habe kein Problem damit, mich darauf einzustellen.“
Sein Teamkollege Tim Naberman schilderte dagegen eine deutlich positivere persönliche Erfahrung. Der Niederländer gehört der Organisation bereits seit acht Jahren an und betonte, dass er sich innerhalb der Mannschaft zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt habe. Vielmehr sei er stets gerne Teil des Teams gewesen.
„Wenn man damit nicht einverstanden ist, ist es vielleicht nicht das richtige Team für einen“, erklärte Naberman. „Dann muss man sich ein anderes Team suchen. Natürlich kann es Dinge geben, mit denen man nicht einverstanden ist. Aber es ist ihr Team und ihr Unternehmen, also bestimmen sie auch, wie sie arbeiten.“
Noch entschiedener widersprach der britische Sportdirektor Phil West der allgemeinen Darstellung einer problematischen Teamkultur. „Ich erkenne mich darin überhaupt nicht wieder, wirklich gar nicht“, sagte West. „Das Team hat mich immer unterstützt, und ich habe das Team bei bestimmten Punkten auch herausgefordert. Wir sind uns nicht immer in allem einig, aber das ist doch normal, oder?“
Auch die Schilderungen von Martijn Tusveld stellte West infrage. Dabei verwies er insbesondere auf die lange Zugehörigkeit des ehemaligen Profis zur Mannschaft. Zudem habe Tusveld nach Darstellung des Sportdirektors sogar den Wunsch geäußert, weiterhin für das Team tätig zu bleiben, als ihre berufliche Zusammenarbeit schließlich endete.

Vorwürfe könnten WorldTour-Lizenz von Picnic PostNL gefährden

Die Kontroverse beschränkt sich längst nicht mehr auf die Frage, wie innerhalb der Mannschaft mit Fahrern und Mitarbeitern umgegangen wurde. Picnic PostNL hat inzwischen eine unabhängige Untersuchung seiner Teamkultur angekündigt. Gleichzeitig steht auch die längerfristige sportliche Zukunft der Organisation auf dem Spiel.
Für die Saisons 2027 und 2028 verfügt Picnic PostNL bislang über keine bestätigte WorldTour-Lizenz. Nach Informationen von Wielerflits dürfte die durch die jüngsten Vorwürfe ausgelöste Untersuchung unmittelbare Auswirkungen auf das laufende Lizenzverfahren haben. Damit könnte die öffentliche Debatte auch für die sportlichen und wirtschaftlichen Perspektiven der Mannschaft erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Van den Broek räumte ein, dass die negative Berichterstattung insbesondere bei der Verpflichtung neuer Fahrer und der Suche nach finanziellen Partnern zum Problem werden könnte. „Das wird die Suche nach Sponsoren und Fahrern für das nächste Jahr nicht erleichtern“, sagte der Niederländer. „Aber ich habe keinen Grund, mir große Sorgen zu machen.“
Auch Naberman sprach über die Unsicherheit, mit der sich die Mannschaft bereits zuvor auseinandersetzen musste. Als Beispiel nannte er den Ausstieg des bisherigen Fahrradsponsors Lapierre. Dennoch zeigte er sich überzeugt, dass die Verantwortlichen weiterhin fest an einer Zukunft auf höchstem Niveau arbeiten. „Wir wissen, dass das Team weitermachen und auch im nächsten Jahr in der WorldTour fahren will“, betonte er.
Zur Frage, ob die laufende Untersuchung das Lizenzverfahren tatsächlich beeinflussen könnte, wollte sich Finanz- und Betriebsleiterin Marloes Poelman nicht festlegen. „Das kann ich schwer beurteilen“, erklärte sie. „Ich hoffe nicht.“

Niederländischer Radsportverband KNWU prüft mögliche Konsequenzen

Inzwischen beschäftigt die Affäre auch den niederländischen Radsportverband KNWU. Dieser hat auf die öffentlich gewordenen Vorwürfe reagiert und prüft, ob über die von Picnic PostNL angekündigte interne Aufarbeitung hinaus weitere Maßnahmen erforderlich sind.
„Die Signale aus der Berichterstattung über das Radsportteam Picnic PostNL sind sehr besorgniserregend“, erklärte Wouter Bos, Vorsitzender des Aufsichtsrats der KNWU. „Die geschilderten Erfahrungen von Fahrern und Mitarbeitern bewegen uns und müssen ernst genommen werden.“
Nach Ansicht von Bos liegt es zunächst an Picnic PostNL selbst, die Hintergründe der Vorwürfe umfassend aufzuarbeiten. Dabei müsse nicht nur geklärt werden, wie die beschriebenen Situationen entstehen konnten. Ebenso wichtig sei es, konkrete Veränderungen abzuleiten, damit sich vergleichbare Vorfälle künftig nicht wiederholen.
Die Mannschaft hatte bereits erklärt, sich in dem Gesamtbild der Recherchen von NOS Sport und In De Waaier nicht wiederzuerkennen. Zugleich betonten die Verantwortlichen jedoch, dass die unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen nichts an der Ernsthaftigkeit der geschilderten Vorwürfe änderten. Nun laufen mehrere Prozesse parallel: Während eine unabhängige Untersuchung die Teamkultur durchleuchten soll, bleibt das WorldTour-Lizenzverfahren für 2027 und 2028 weiterhin offen. Der niederländische Verband KNWU prüft unterdessen eigenständig, ob zusätzliche Schritte notwendig sind.
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