„Wie sollen wir glauben, dass diese Welt sauber ist?“ – Von Armstrong ausgegrenzter Ex-Profi hinterfragt das UAE-Umfeld von Tadej Pogacar

Radsport
durch Nic Gayer
Mauro Gianetti und Tadej Pogacar
Christophe Bassons zweifelt daran, dass der professionelle Radsport seine Dopingvergangenheit tatsächlich vollständig hinter sich gelassen hat. Der ehemalige französische Radprofi richtet seinen kritischen Blick insbesondere auf das Umfeld von Tadej Pogacar bei UAE Team Emirates - XRG. Dabei warnt er eindringlich davor, die tief verwurzelte Kultur des Schweigens, die sogenannte Omertà, als überwunden zu betrachten.
Bassons weiß aus eigener Erfahrung, welche Konsequenzen es haben kann, die ungeschriebenen Gesetze des Pelotons zu brechen. Während der Ära von Lance Armstrong wurde der Franzose massiv ausgegrenzt, nachdem er öffentlich über Doping gesprochen hatte. Nun äußerte sich der inzwischen 52-Jährige in einem ausführlichen Interview mit der Winamax-Sendung L'Echappee erneut kritisch über die Strukturen des Radsports.

Bassons äußert Zweifel am Umfeld von Tadej Pogacar

„Es fällt mir schwer einzuschätzen, wie stark sich die Ausrüstung weiterentwickelt hat. Aber die Wattwerte steigen immer weiter“, erklärte Bassons. Besonders aufmerksam verfolge er allerdings nicht nur die sportlichen Leistungen, sondern auch die personellen Strukturen einzelner Mannschaften. „Was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das Umfeld bestimmter Teams. Die Leute um Pogacar wirken nicht gerade vertrauenerweckend.“
Mauro Gianetti auf der 19. Etappe der Vuelta a Espana 2026.
Mauro Gianetti, Teamchef von UAE Team Emirates - XRG, steht im Mittelpunkt der Kritik von Christophe Bassons. Der ehemalige französische Radprofi hinterfragt die Strukturen im Umfeld von Tadej Pogacar und warnt vor einer weiterhin bestehenden Kultur des Schweigens im Radsport.

Ex-Profi nimmt UAE-Teamchef Mauro Gianetti ins Visier

Im Mittelpunkt seiner Kritik steht insbesondere Mauro Gianetti, der als Team Principal und CEO die Geschicke von UAE Team Emirates - XRG verantwortet.
Der Schweizer war zuvor bereits in leitender Funktion beim Team Saunier Duval tätig. Während der Tour de France 2008 wurde dessen Fahrer Riccardo Ricco positiv auf das EPO-Derivat CERA getestet. Die Mannschaft zog sich daraufhin aus dem Rennen zurück. Gianetti bestritt seinerzeit, von Dopingpraktiken innerhalb des Teams gewusst zu haben.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung, dass Bassons Tadej Pogacar selbst keinen Dopingvorwurf macht. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen bestimmte personelle Verflechtungen und Strukturen, die seiner Ansicht nach auch im modernen Profiradsport fortbestehen. „Die alte Garde pflegt eine Kultur der Omertà, die in diesem Umfeld noch immer fortbesteht“, sagte der Franzose. „Wie sollen wir glauben, dass diese Welt sauber ist? Wenn sie es wäre, würde sie sich der Außenwelt öffnen. Jeder schützt jeden. Warum sollte es heute keine Mittel geben, die genauso wirksam sind wie EPO, die wir aber noch nicht kennen und deshalb auch nicht verbieten können?“

„Niemand sprach mehr mit mir. Nicht einmal meine Teamkollegen“

Dass Bassons derartige Fragen auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Karriereende öffentlich stellt, hängt eng mit seinen eigenen Erfahrungen zusammen. In den 1990er-Jahren fuhr er für Festina und gehörte zu jenen Fahrern, die sich dem systematischen Dopingprogramm der Mannschaft verweigerten. Als er 1999 inzwischen im Trikot von La Francaise des Jeux bei der Tour de France antrat und offen über die Dopingproblematik sprach, geriet er innerhalb des Pelotons zunehmend unter Druck.
„Als ich sah, wie sie fuhren, sagte ich mir, dass man die Tour ohne Doping unmöglich gewinnen konnte“, erinnerte sich Bassons. „Ich brachte alle gegen mich auf. Was mir blieb, war meine Stimme. Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen. Niemand sprach mehr mit mir. Nicht einmal meine Teamkollegen.“
Während jener Tour de France 1999 kam es schließlich auch zu einer direkten Konfrontation mit Lance Armstrong, der damals zu den einflussreichsten Fahrern des Pelotons gehörte.
Vor einer Etappe hatte Bassons erfahren, dass sich die Fahrer darauf verständigt hatten, die ersten 100 Kilometer in vergleichsweise gemäßigtem Tempo zurückzulegen. Der Franzose hielt sich jedoch nicht an diese Absprache und attackierte unmittelbar nach dem Start. „Ich fuhr die Abfahrt mit Vollgas hinunter“, schilderte er. „Dann sah ich aber, wie mein Team und Armstrongs Team mich jagten. Plötzlich bekam ich einen heftigen Schlag auf die Schulter. Es war Armstrong. Er sagte, ich schade dem Radsport, hätte hier nichts zu suchen, und beendete das Ganze mit einem ‚Fuck you‘. Ich sah ihn einfach an und lächelte.“
Wenig später verließ Bassons die Tour de France. Seine Profikarriere setzte er zunächst dennoch fort und blieb bis 2001 im Peloton aktiv.

„Heute Abend wirst du Teil der Familie“ – erschütternde Erinnerung an eine Silvesterfeier

Die Ausgrenzung und der Druck, denen Bassons ausgesetzt war, hatten allerdings schon lange vor seiner Auseinandersetzung mit Armstrong begonnen. Bereits während seiner Zeit bei Festina sei er mit einer Dopingkultur konfrontiert worden, die weit über den unmittelbaren Rennbetrieb hinausreichte.
Besonders eindrücklich schilderte der ehemalige Profi eine Silvesterfeier Ende 1996 im Haus eines führenden französischen Radrennfahrers. An der Feier nahmen mehrere Profis aus dem Südwesten Frankreichs teil. Nach Mitternacht habe der Gastgeber die Gruppe in den Keller geführt, wo eine Spritze unter den Anwesenden herumgereicht worden sei.
„Er gab es dem ersten Fahrer, der eine Insulinspritze auspackte, gefüllt mit dem ‚pot belge‘: Amphetaminen, allem, was man zum Feiern brauchte“, berichtete Bassons. „Dann sagte er zu mir: ‚Heute Abend wirst du Teil der Familie.‘ Er hielt mir die Spritze hin. Ich war schockiert, hatte wirklich Angst und sagte: ‚Auf keinen Fall.‘ Das nahm er schlecht auf und sagte: ‚Du hältst den Mund. Du sagst nichts.‘ Ich war völlig erschüttert.“
Nach Darstellung des Franzosen beschränkten sich die Konflikte jedoch nicht allein auf seine grundsätzliche Weigerung, leistungssteigernde Substanzen einzunehmen. Vielmehr sei auch seine Rolle als Helfer innerhalb der Mannschaft immer wieder infrage gestellt worden. Von ihm sei erwartet worden, für seine Kapitäne unter allen Umständen die bestmögliche Unterstützung zu leisten.
„Ich wurde oft verspottet. Einige Kapitäne wollten unbedingt, dass ich anfange, Mittel zu nehmen“, erklärte Bassons. „Sie kritisierten mich nicht dafür, dass ich nicht dopte, sondern dafür, dass ich meine Aufgabe nicht richtig erfüllte. Sie sagten, ich müsse alles tun, was für meinen Kapitän möglich sei. Damals hatte ich das Gefühl, der einzige saubere Fahrer zu sein. Der einzige saubere Fahrer bei Festina, unter 28 Fahrern. In den anderen Teams war es genauso.“

„Sie drängten mich in den Graben“ – Bassons berichtet von körperlichen Übergriffen

In seinen letzten beiden Jahren als Radprofi habe die Ablehnung schließlich ein Ausmaß erreicht, das über verbale Anfeindungen und soziale Ausgrenzung hinausging. Bassons zufolge wurde er während der Saisons 2000 und 2001 sogar gezielt körperlich attackiert.
„2000 und 2001 wurde ich körperlich schikaniert“, behauptete der ehemalige Profi. „Französische Fahrer, die heute Sportliche Leiter sind, drängten mich in den Graben. Zwei- oder dreimal brachten sie mich zu Fall.“
Welche Fahrer an diesen mutmaßlichen Übergriffen beteiligt gewesen sein sollen, ließ Bassons offen. Konkrete Namen nannte er nicht.
2001 zog der Franzose im Alter von gerade einmal 27 Jahren schließlich einen Schlussstrich unter seine Profikarriere. Dem Sport blieb er allerdings erhalten und verlagerte seinen beruflichen Schwerpunkt auf den Sport- und Anti-Doping-Bereich. Später arbeitete er unter anderem für die französische Anti-Doping-Agentur. Bis heute engagiert er sich im Kampf gegen Doping und ist inzwischen als interregionaler Berater in Nouvelle-Aquitaine tätig.
Die Geschichte seines damaligen Gegenspielers Lance Armstrong nahm unterdessen einen anderen Verlauf. 2012 wurden dem US-Amerikaner seine sieben Tour-de-France-Titel aberkannt. Ein Jahr später gestand Armstrong öffentlich, während seiner Karriere gedopt zu haben. Mehr als 25 Jahre nachdem Armstrong ihm bei der Tour de France 1999 erklärt hatte, er habe im Radsport nichts zu suchen, setzt sich Bassons weiterhin beruflich für einen sauberen Sport ein – und scheut sich auch heute nicht, unbequeme Fragen über die Strukturen des Pelotons zu stellen.
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