„Ich hole mir stets Inspiration bei ihm“ – Giulio Ciccone enthüllt Streit um Pantani-Aufkleber bei LIDL-Trek vor seinem Abschied

Radsport
durch Nic Gayer
Giulio Ciccone, Marco Pantani collage
Giulio Ciccone hat überraschende Einblicke in seine letzten Monate bei LIDL-Trek gegeben. Dabei verriet der Italiener, dass sogar seine tiefe Bewunderung für Radsportlegende Marco Pantani innerhalb der Mannschaft zum Diskussionsthema geworden war. Ein kleiner Aufkleber an seinem Fahrrad sorgte hinter den Kulissen für Meinungsverschiedenheiten – und wurde für den 31-Jährigen zu einer Herzensangelegenheit.
Nach acht Jahren bei LIDL-Trek beginnt Ciccone 2027 ein neues Kapitel seiner Karriere. Der Italiener hat beim Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team einen Dreijahresvertrag unterschrieben, nachdem er sich mit seiner bisherigen Mannschaft auf die vorzeitige Auflösung seines ursprünglich bis 2029 gültigen Kontrakts geeinigt hatte. Sein letztes Rennen im Trikot von LIDL-Trek bestritt er bei der Lombardei-Rundfahrt, wo er sich mit einem starken dritten Platz verabschiedete.

Giulio Ciccone kämpfte bei LIDL-Trek um seinen Pantani-Aufkleber

Ein besonderes Erinnerungsstück aus seiner Zeit bei der amerikanischen Mannschaft wird Ciccone auch zu seinem neuen Arbeitgeber begleiten: ein kleiner Aufkleber mit dem Motiv von Marco Pantani, den er bereits seit mehreren Saisons an seinem Rennrad trägt.
Giulio Ciccone überquert bei der Lombardei-Rundfahrt 2026 die Ziellinie.
Giulio Ciccone verlässt LIDL-Trek nach acht Jahren und wechselt 2027 zum Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team. Der Italiener verrät, warum ihn eine bittere Giro-Enttäuschung zum Umdenken brachte und weshalb ihm ein kleiner Pantani-Aufkleber besonders am Herzen liegt.
Das Andenken stammt von Luigi Veneziano, dem ehemaligen Mechaniker der italienischen Radsportlegende. Veneziano hatte Ciccone den Aufkleber vor dem Start von Tirreno-Adriatico geschenkt.
In der von Jacopo Forcella moderierten Fernsehsendung Velò auf Rete 8 erzählte Ciccone nun, dass die strengen Vorgaben von LIDL-Trek beinahe dazu geführt hätten, dass er auf das persönliche Erinnerungsstück verzichten musste. „Ich habe einen Aufkleber des Piraten auf meinem Rahmen. Das wurde sogar mit dem Team diskutiert, weil es keine Aufkleber am Rad wollte“, berichtete der Italiener. „Ich habe alles getan, um ihn behalten zu können.“
Veneziano hatte ihm damals noch ein weiteres besonderes Andenken überreicht: eines der berühmten Bandanas, die Pantani während seiner Karriere getragen hatte. Auch dieses Erinnerungsstück besitzt für Ciccone einen hohen emotionalen Wert. „Ich habe es immer in meinem Koffer dabei“, verriet er.
Die Bewunderung für Pantani zieht sich wie ein roter Faden durch Ciccones gesamte Laufbahn. Als er beim Giro d'Italia 2026 nach seinem dritten Platz auf der vierten Etappe in Cosenza das Rosa Trikot übernahm, erinnerte er sich an jenes Bild seines großen Idols im Führungstrikot der Italien-Rundfahrt, das sich bereits in seiner Kindheit tief in sein Gedächtnis eingeprägt hatte.
Im vergangenen Juli besuchte Ciccone gemeinsam mit seiner Frau Annabruna und Veneziano den Spazio Pantani in Cesenatico, der dem Andenken an den verstorbenen Ausnahmefahrer gewidmet ist. Bei dieser Gelegenheit übergab er dem Museum eines seiner eigenen Trikots. „Marco war für mich immer eine Inspirationsquelle“, erklärte Ciccone. „Ich hole mir stets Inspiration bei ihm.“
Letztlich setzte sich Ciccone in der Diskussion um den Aufkleber durch. Das kleine Pantani-Motiv durfte an seinem Fahrrad bleiben – und daran wird auch sein Abschied von LIDL-Trek nichts ändern. Der Italiener bestätigte, dass der Aufkleber auch 2027 seinen Pinarello-Rahmen schmücken wird, wenn er bei seiner neuen Mannschaft den nächsten Abschnitt seiner Karriere in Angriff nimmt.

Giro-Enttäuschung als Wendepunkt: Ciccone dachte erstmals an Abschied

So emotional die Übernahme des Rosa Trikots beim Giro d'Italia 2026 gewesen war, so bitter verlief bereits der folgende Renntag. Ciccones Zeit an der Spitze der Gesamtwertung dauerte lediglich eine einzige Etappe. Auf dem fünften Teilstück nach Potenza machten heftiger Regen und niedrige Temperaturen den Fahrern schwer zu schaffen. Der Italiener verlor früh den Anschluss und kämpfte während der zweiten Rennhälfte lange darum, seinen Rückstand möglichst gering zu halten. Doch am Ende erreichte er das Ziel 7:13 Minuten hinter Etappensieger Igor Arrieta. Ciccone fiel auf den sechsten Gesamtrang zurück, während Afonso Eulalio das Rosa Trikot übernahm.
Fünf Monate später offenbarte der Italiener, dass dieser enttäuschende Tag nicht nur seine Hoffnungen auf eine erfolgreiche Gesamtwertung erschüttert hatte. Vielmehr sei damals erstmals der Gedanke aufgekommen, seine sportliche Zukunft außerhalb von LIDL-Trek zu suchen.
„Beim Giro d'Italia, an dem Tag, an dem ich das Rosa Trikot verlor“, antwortete Ciccone auf die Frage, wann er erstmals ernsthaft über einen Mannschaftswechsel nachgedacht habe. „Da wurde mir klar, dass es vielleicht an der Zeit war, etwas zu verändern.“
Trotz dieses Rückschlags blieb der Giro für Ciccone nicht ohne Erfolgserlebnis. Nachdem seine Ambitionen in der Gesamtwertung praktisch zunichtegemacht worden waren, besann er sich auf seinen offensiven Fahrstil, mit dem er bereits zahlreiche seiner größten Erfolge gefeiert hatte. Der Italiener suchte wiederholt sein Glück in der Offensive und sicherte sich schließlich zum zweiten Mal in seiner Karriere den Sieg in der Bergwertung.
Damit fügte Ciccone seiner beeindruckenden Erfolgsbilanz im Trikot von LIDL-Trek einen weiteren bedeutenden Triumph hinzu. Bereits 2023 hatte er das Bergtrikot der Tour de France gewonnen. Darüber hinaus hatte er während seiner Zeit bei der Mannschaft das Gelbe Trikot getragen und zwei weitere Etappensiege beim Giro d'Italia gefeiert, nachdem ihm bereits im Trikot von Bardiani ein Tageserfolg bei der Italien-Rundfahrt gelungen war.

Abschied von Luca Guercilena beschleunigte den Wechsel zu Q36.5

Parallel zu Ciccones persönlichen Überlegungen standen auch innerhalb von LIDL-Trek tiefgreifende Veränderungen bevor. Im Juni hatte die Mannschaft bekannt gegeben, dass der langjährige Geschäftsführer Luca Guercilena seine Position nach der Tour de France aufgeben werde. Mehr als 16 Jahre lang hatte Guercilena die Geschicke der Trek-Struktur maßgeblich geprägt. Auch Ciccones gesamte Zeit bei der Mannschaft, die mit seinem Wechsel von Bardiani im Jahr 2019 begonnen hatte, fiel in seine Amtszeit.
Für den Italiener war der Abschied des langjährigen Teamchefs ein weiterer entscheidender Faktor bei der Suche nach einer neuen sportlichen Herausforderung. Die ersten Zweifel an seiner Zukunft bei LIDL-Trek waren zwar bereits während des Giro aufgekommen, doch Guercilenas Entscheidung verlieh seinen Wechselgedanken zusätzlichen Nachdruck. „Dass Luca das Team verlassen hat, hat meine Entscheidung nur beschleunigt“, erklärte Ciccone.
Sportlich verabschiedet sich der 31-Jährige auf hohem Niveau von seiner bisherigen Mannschaft. Gerade in seinen letzten Wochen im Trikot von LIDL-Trek unterstrich er noch einmal seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bei anspruchsvollen Eintagesrennen. Bei der Europameisterschaft musste er sich lediglich Remco Evenepoel geschlagen geben und belegte den zweiten Platz. Wenig später stand er auch bei der Lombardei-Rundfahrt als Dritter auf dem Podium – ein Ergebnis, das ihm bei dem prestigeträchtigen Monument bereits zwei Jahre zuvor gelungen war.
Diese starken Leistungen machen seinen bevorstehenden Wechsel zum Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team umso bemerkenswerter. Dort wird Ciccone künftig an der Seite von Tom Pidcock fahren und die sportlichen Ambitionen der Schweizer Mannschaft zusätzlich stärken. Sein Abschied von LIDL-Trek erfolgt keineswegs deshalb, weil er dort sportlich keine Perspektive mehr gehabt hätte. Vielmehr hat der Italiener auch in seiner letzten Saison eindrucksvoll bewiesen, dass er auf den schwierigsten Strecken des internationalen Rennkalenders weiterhin zu den leistungsstärksten Fahrern des Pelotons gehört.
Nach acht gemeinsamen Jahren gehen Ciccone und LIDL-Trek nun getrennte Wege. Vieles wird sich für den Italiener mit dem Wechsel zu Q36.5 verändern. Ein kleines Detail bleibt jedoch unverändert: Der Pantani-Aufkleber, um dessen Verbleib an seinem Fahrrad er einst kämpfen musste, wird ihn auch in Zukunft begleiten.
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