„Tadej Pogačar wird nie der Favorit für Roubaix sein“ – Philippe Gilbert meint, der Tour-de-France-Fokus hindere den UAE-Kapitän daran, Van der Poels ‚Sturz-oder-Sieg‘-Mentalität zu erreichen

Radsport
Sonntag, 22 Februar 2026 um 14:30
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Die prägende Rivalität dieser Ära mag sich an den Monumenten entzünden, doch laut Philippe Gilbert, einem der Fünffach-Monumentsieger, wird Tadej Pogacar nie als klarer Favorit in Paris-Roubaix starten.
Nicht, weil ihm der Motor fehlt. Nicht, weil ihm das Können fehlt. Sondern weil seine Saison anders gewichtet ist.
Im Gespräch mit Het Nieuwsblad formulierte sich Gilbert ungeschminkt. „Darum wird er für mich in Roubaix nie der Favorit sein“, sagte er und verwies auf die unsichtbare Klammer, die jede Frühjahrskampagne in UAE-Farben überspannt.
Die Begründung des Belgiers geht über Form oder Physis hinaus. Es geht um Hierarchie. „Tadej, wir sind wegen dir hier. Wir glauben an dich. Aber vergiss nicht: Wir zählen vor allem im Juli auf dich.“ Selbst wenn es nie als Einschränkung ausgesprochen wird, bleibt diese Botschaft laut Gilbert unausweichlich hängen. Und in einem Rennen, das vom Chaos lebt, ist Zögern teuer.

Tourschatten versus Monument-Instinkt

Pogacars Roubaix-Debüt bewies seine Zugehörigkeit. Platz zwei beim ersten Anlauf in einer schnellen, relativ trockenen Ausgabe verschob sofort die Wahrnehmung, was für ein Fahrer er auf dem Pavé sein kann. Doch Gilbert unterscheidet zwischen dem Nachweis der Konkurrenzfähigkeit und völliger Unbeschwertheit.
„Aber ich will es noch einmal sehen, wenn wir in Roubaix eine Ausgabe mit richtig schlechtem Wetter bekommen“, sagte er. „Letztes Jahr war es eine schnelle Ausgabe bei guten Bedingungen. Da kann man sich etwas mehr erlauben.“
Dieser Vorbehalt zählt. Roubaix bei Sonne ist brutal. Roubaix im Regen ist eine andere Dimension. Wenn die Sektoren schmierig werden und das Rennen zum Überleben wird, entscheiden technisches Commitment und Risikobereitschaft oft mehr als Watt.
Und genau dort kommt Mathieu van der Poel in Gilberts Überlegungen ins Spiel. „Wenn Van der Poel in eine Kurve einfährt und es ‚stürzen oder gewinnen‘ heißt, kann er immer mehr Risiko nehmen.“
Das ist nicht nur ein Kommentar zur Courage. Es ist ein Kommentar zur Freiheit. Van der Poels Frühjahr ist um die Monumente herum gebaut. Pogacars Jahr, so weit es auch gespannt ist, bleibt im Juli verankert. Der eine arbeitet auf Roubaix als Ziel an sich hin. Der andere muss es gegen die Tour de France abwägen.
Dieser strukturelle Unterschied, so Gilbert, verschiebt, wer wirklich Favorit sein kann.

Eine Rivalität, die durch Nuancen entschieden wird

Der Kontrast schärft auch die Dynamik, die die Klassiker der vergangenen Saisons geprägt hat. Pogacar und Van der Poel haben die größten Eintagesrennen unter sich aufgeteilt und den Rest des Feldes auf schmalere Chancenfenster gedrängt.
Pogacar stand bereits auf Monument-Podien in jedem Terrain. Van der Poel hat Roubaix zu eigenem Terrain gemacht. Ihre Duelle werden selten durch Schwäche entschieden, sondern durch Momente.
Gilberts Analyse deutet an, dass in Roubaix der entscheidende Moment oft eine Wahl ist. Wie tief gehst du in den roten Bereich? Wie viel riskierst du in einer schmierigen Kurve mit 50 km/h? Wie sehr sitzt dir der Juli im Hinterkopf?
Ist die Ausgabe schnell und trocken, halten Pogacars Explosivität und Rennintelligenz ihn klar im Rennen. Beginnt es in Compiègne unter grauem Himmel und mit Regen, der auf das Kopfsteinpflaster peitscht, sieht Gilbert die Gewichte verschoben.
Denn in diesem Szenario belohnt Roubaix Instinkt mehr als Kalkül. Und für Gilbert bleibt Van der Poels „stürzen oder gewinnen“-Schärfe unerreicht.
Die Debatte lautet also nicht, ob Pogacar Paris-Roubaix gewinnen kann. Er hat längst gezeigt, dass er mithalten kann. Die Frage ist, ob er je völlig frei fahren kann, nach seinen eigenen Maßstäben.
Und genau deshalb, so einer der größten Klassikerspezialisten Belgiens, wird er nie ganz der Favorit sein.
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