Nur drei Fahrer schafften es: Roglic, Vingegaard und Mas – sie gewannen eine Grand Tour mit Pogacar am Start

Radsport
durch Nic Gayer
Montag, 14 September 2026 um 13:30
Collage_TadejPogacarEnricMasPrimozRoglic
Die Vuelta a Espana 2026 ist Geschichte – und Enric Mas hat sich mit seinem Gesamtsieg einem äußerst exklusiven Kreis angeschlossen. Der Spanier schaffte, was zuvor nur zwei anderen Fahrern gelungen war: eine Grand Tour zu gewinnen, bei der Tadej Pogacar am Start stand.
Seit seinem Profidebüt 2019 hat Pogacar den Radsport auf eine Weise geprägt, die damals kaum vorhersehbar war. Fünf Gesamtsiege bei der Tour de France, 13 gewonnene Monumente und zwei WM-Titel bilden die Eckpfeiler einer außergewöhnlichen Karriere.

Pogacars außergewöhnliche Grand-Tour-Bilanz

Doch auch abseits dieser größten Erfolge finden sich unter seinen inzwischen 130 Profisiegen zahlreiche weitere hochkarätige Triumphe. Insbesondere seit 2024 ist der Profi von UAE Team Emirates - XRG zu einer nahezu fehlerlosen Erscheinung im Peloton gereift – ohne offensichtliche Schwächen und mit einer Kletterstärke, die von der Konkurrenz kaum zu erreichen ist.
Entsprechend beeindruckend fällt Pogacars Bilanz bei den dreiwöchigen Rundfahrten aus. Sechs seiner bislang zehn gestarteten Grand Tours hat der Slowene gewonnen. Doch selbst beim dominierenden Rundfahrer der Moderne liegt die Erfolgsquote damit nicht bei 100 Prozent.
Die Liste seiner Niederlagen ist allerdings ausgesprochen kurz. Nur drei Fahrer konnten bislang eine Grand Tour für sich entscheiden, zu der Pogacar angetreten war: Primoz Roglic, Jonas Vingegaard und seit diesem Jahr Enric Mas.

Primoz Roglic – Vuelta a Espana 2019

Fast einfacher ist es zunächst, jene Grand Tours aufzulisten, die Pogacar gewonnen hat. Beim Giro d'Italia trat er bislang einmal an – 2024 – und gewann sofort. Hinzu kommen seine fünf Tour-Triumphe aus den Jahren 2020, 2021, 2024, 2025 und 2026.
Den Ausgangspunkt dieser außergewöhnlichen Bilanz bildete allerdings die Vuelta a Espana 2019. Pogacar bestritt dort im Alter von 20 Jahren seine erste dreiwöchige Rundfahrt.
UAE war damals noch wesentlich stärker auf Sprints ausgerichtet. Fabio Aru ging als Kapitän ins Rennen und sollte wieder an seine früheren Leistungen herangeführt werden, während Pogacar zwar als enormes Talent galt, aber noch ein ausgesprochen junger Grand-Tour-Debütant war.
Primoz Roglic und Tadej Pogacar.
Primoz Roglic gewann 2019 bei Pogacars Grand-Tour-Debüt die Vuelta a Espana. Ein Jahr später entriss ihm sein Landsmann bei der Tour de France das Gelbe Trikot.
Wie wenig die Mannschaft damals auf einen starken Klassementsblock zugeschnitten war, zeigte bereits das Mannschaftszeitfahren zum Auftakt. UAE belegte lediglich Rang 21 von 22 Teams.
Pogacars außergewöhnliches Talent ließ sich davon nicht verbergen. Auf den Etappen 9 und 13 feierte der Slowene zwei Siege. Auf der abschließenden Bergetappe legte er noch einmal nach und katapultierte sich mit einer herausragenden Vorstellung vom fünften auf den dritten Gesamtrang. Gleich bei seiner ersten Grand Tour stand Pogacar damit auf dem Podium.
Der Gesamtsieg ging jedoch an einen anderen Slowenen: Primoz Roglic gewann bei jener Vuelta seine erste Grand Tour. Trotz eines Altersunterschieds von neun Jahren zeigten Roglic und Pogacar damit im selben Rennen erstmals auf höchstem Niveau, welches Potenzial sie als Klassementfahrer besaßen.
Nur einen Sommer später folgte die spektakuläre Revanche. Bei der Tour de France 2020 entriss Pogacar seinem Landsmann auf der letzten entscheidenden Etappe an der Planche des Belles Filles das Gelbe Trikot. Bemerkenswert war dabei auch, dass Pogacar während jener Tour nur auf vergleichsweise wenig Unterstützung seiner Mannschaft zurückgreifen konnte.

Jonas Vingegaard – Tour de France 2022 und 2023

Jonas Vingegaard ist der größte Grand-Tour-Rivale in Pogacars bisheriger Karriere. Der Däne entwickelte sich zum stärksten Kletterer der 2020er-Jahre neben dem Slowenen. Zwar öffnete sich ab 2024 eine Lücke zwischen beiden, doch in den Jahren zuvor war das Kräfteverhältnis wesentlich ausgeglichener.
Auch charakterlich und sportlich bildete Vingegaard in vielerlei Hinsicht einen Gegenpol zu Pogacar: introvertiert, ausgeprägter Familienmensch, detailversessen und ohne die gleiche Affinität zu den großen Klassikern.
Bei der Tour de France 2021 trafen die beiden erstmals im direkten Kampf aufeinander. Pogacar verteidigte seinen Titel, bekam am Mont Ventoux allerdings einen Vorgeschmack darauf, wie gefährlich Vingegaard auf langen Anstiegen werden konnte. Dort gelang es dem Dänen, seinen Rivalen zu distanzieren.
Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar auf Etappe 8 der Tour de France 2026.
Jonas Vingegaard ist Pogacars größter Grand-Tour-Rivale der vergangenen Jahre und bezwang den Slowenen bei der Tour de France 2022 und 2023.
Ein Jahr später erreichte die jahrelange Aufbauarbeit von Visma ihren vorläufigen Höhepunkt. Vingegaard präsentierte sich bei der Tour 2022 auf herausragendem Niveau und konnte gleichzeitig auf eine enorm starke Mannschaft bauen.
Wout Van Aert gewann das Grüne Trikot, holte mehrere Etappensiege und prägte insbesondere die ersten Renntage. Auch Roglic spielte eine entscheidende Rolle. Obwohl der Slowene selbst unter den Folgen eines Sturzes litt, trug er maßgeblich dazu bei, Pogacar unter Druck zu setzen und Vingegaards späteren Gesamtsieg vorzubereiten.
Am Col du Galibier und anschließend am Col du Granon ging der große taktische Plan von Visma auf. Pogacar wurde mit wiederholten Attacken zermürbt, bis Vingegaard schließlich den entscheidenden Schlag setzte.
Damals spielte insbesondere die enorme Ausdauer des Dänen eine wichtige Rolle. Pogacar verfügte zu diesem Zeitpunkt noch nicht über jene Widerstandsfähigkeit bei großer Höhe und extremer Hitze, die ihn inzwischen auszeichnet. Heute hat sich dieses Verhältnis eher umgekehrt.
2023 folgte das nächste große Duell. Pogacars Vorbereitung war nach seinem Sturz bei Lüttich-Bastogne-Lüttich beeinträchtigt, dennoch begegneten sich beide bei der Tour zunächst weitgehend auf Augenhöhe.
Bis zur Königsetappe über den Col de la Loze blieb der Kampf eng. Dann erlebte Pogacar einen Einbruch, wie es ihn bei ihm seither nicht mehr gegeben hat. Dieser Tag war womöglich auch jener Moment, in dem UAE Team Emirates - XRG endgültig erkannte, dass selbst Pogacars außergewöhnliches Arsenal noch Schwachstellen besaß, an denen gearbeitet werden musste.
Seitdem erscheint der Slowene bei jeder Tour de France in absoluter Topform.

Enric Mas – Vuelta a Espana 2026

Der bislang letzte Name in diesem exklusiven Kreis ist Enric Mas. Allerdings unterscheidet sich sein Erfolg in einem entscheidenden Punkt von den Siegen Roglics und Vingegaards: Der Spanier gewann die bislang einzige Grand Tour, die Pogacar zwar gestartet, aber nicht beendet hat.
Auch Pogacar ist trotz seiner außergewöhnlichen Konstanz nicht vor Stürzen geschützt. Meist scheint er solche Zwischenfälle bemerkenswert gut wegzustecken und wird nur selten durch Verletzungen nachhaltig ausgebremst. Die Vuelta a Espana 2026 bildete jedoch die große Ausnahme.
Pogacar lag im Roten Trikot souverän an der Spitze der Gesamtwertung, als er auf der achten Etappe bei hoher Geschwindigkeit stürzte. Dabei erlitt er eine Gehirnerschütterung sowie Frakturen am Schlüsselbein und an den Wirbeln. Eine Fortsetzung der Rundfahrt war ausgeschlossen – der Kapitän von UAE Team Emirates - XRG musste die Vuelta aufgeben.
Zwei Tage zuvor hatte es allerdings bereits ein bemerkenswertes sportliches Signal gegeben. Zum ersten Mal seit Jahren war Pogacar an einem großen Anstieg ernsthaft in Bedrängnis geraten.
Auf der sechsten Etappe flog Mas den extrem steilen Puerto el Bartolo hinauf. Bei brütender Hitze und auf den steilen spanischen Straßen überraschte der Lokalmatador die Radsportwelt mit einer außergewöhnlichen Vorstellung. Schon damals deutete sich an, dass Mas in dieser Vuelta zu mehr fähig sein könnte.
Nach Pogacars Ausstieg nutzte der Spanier seine Gelegenheit konsequent. Mit dem Roten Trikot auf den Schultern lieferte Mas über die verbleibenden Etappen hinweg konstant starke Leistungen in den Bergen und ließ sich die Kontrolle über das Rennen nicht mehr entreißen.
Am Ende führte er Movistar zum ersten Grand-Tour-Gesamtsieg dieses Jahrzehnts und schrieb zugleich ein besonderes Kapitel in Pogacars beeindruckender Grand-Tour-Geschichte.
Denn nach zehn Starts bei dreiwöchigen Rundfahrten bleiben nur drei Fahrer, die am Ende einer von Pogacar begonnenen Grand Tour ganz oben standen: Roglic bei der Vuelta 2019, Vingegaard bei der Tour 2022 und 2023 – und nun Mas bei der Vuelta a Espana 2026.
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