Paul Seixas ist nicht mehr nur eines der größten Talente im Radsport. Er hat sich als bewährter Sieger etabliert, der auch bei den bedeutendsten Rennen des Kalenders bestehen kann. Der Franzose vom
Decathlon CMA CGM Team beendete die Saison 2026 mit einem
historischen Sieg bei der Lombardei-Rundfahrt und bestätigte damit seine bemerkenswerte Entwicklung in den Monaten zuvor.
Mit 20 Jahren wurde er bei seinem Debüt bei der
Tour de France bereits Vierter, forderte Tadej Pogačar bei großen Klassikern heraus und gewann eines der fünf Monumente des Radsports. Der nächste Schritt besteht nicht mehr nur darin, zu beweisen, dass er mit den Besten mithalten kann. Nun geht es darum, sein Potenzial auszuloten und seine Karriere so zu gestalten, dass er sich weiterentwickeln kann.
Sein Sieg beim italienischen Klassiker hat die Wahrnehmung des Franzosen verändert. Bislang ließ sich jedes starke Ergebnis als weiteres Zeichen seines enormen Potenzials werten. Nach dem Erfolg in Como greift diese Einschätzung zu kurz. Seixas weiß nun, was es braucht, um eines der größten Eintagesrennen der Welt zu gewinnen. Dabei setzte er sich gegen etablierte Konkurrenten durch. Seine Saison garantiert nicht, dass er das Peloton in den kommenden Jahren dominieren wird. Sie liefert jedoch sportliche Gründe, ihn zu den Fahrern zu zählen, die den Radsport der Zukunft prägen könnten.
Am 10. Oktober gewann Seixas die Lombardei-Rundfahrt. Seinen entscheidenden Angriff lancierte er am Anstieg nach Civiglio, rund 19 Kilometer vor dem Ziel. Der Franzose setzte sich von seinen Verfolgern ab und hielt das Tempo bis nach Como hoch, wo er allein die Ziellinie überquerte. Enric Mas wurde mit 48 Sekunden Rückstand Zweiter, Giulio Ciccone komplettierte das Podium mit 1:05 Minuten Rückstand. Remco Evenepoel belegte vor dem Weltmeister Brandon McNulty den vierten Platz.
Paul Seixas bei der Lombardei-Rundfahrt
Das Ergebnis war historisch. Seixas wurde zum jüngsten Sieger der Lombardei-Rundfahrt und trug sich in die Siegerliste eines der fünf Monumente ein. Es war weder ein Erfolg bei einem weniger bedeutenden Rennen noch ein Sieg gegen ein geschwächtes Feld. Die 239 Kilometer lange Strecke mit 4.600 Höhenmetern verlangte Ausdauer, Kletterstärke und taktisches Gespür. Der Franzose brachte alle drei Qualitäten mit.
Auch die Art seines Sieges war bemerkenswert. Seixas wartete weder auf einen Sprint einer reduzierten Gruppe noch profitierte er von einem Fehler seiner Rivalen auf den letzten Metern. Er griff an einem der entscheidenden Anstiege an, baute seinen Vorsprung aus und machte aus den Schlusskilometern ein Einzelzeitfahren bis ins Ziel. Dafür musste er über viele Kilometer eine sehr hohe Leistung bringen. Gleichzeitig drohten die Verfolger, sich zu organisieren und ihn wieder einzuholen. Doch der Franzose behauptete seinen Vorsprung und machte den Sieg perfekt.
Der Erfolg kam zudem nach einer Saison, in der Seixas bereits in unterschiedlichen Rennen seine Konkurrenzfähigkeit bewiesen hatte. Die Lombardei-Rundfahrt sollte daher nicht als Einzelleistung verstanden werden, die plötzlich alle Erwartungen verändert. Sie war der Höhepunkt einer Entwicklung, die seit Monaten auf den nächsten Schritt hindeutete.
Vom Klassiker-Aufsteiger zum Herausforderer Pogačars
Eine der auffälligsten Eigenschaften von Seixas’ Saison war, dass er seine Form von einem Rennen ins nächste mitnehmen konnte. Bei den Frühjahrsklassikern rückte er in den Kreis der führenden Fahrer vor. Besonders auf anspruchsvollen Strecken, auf denen die Anstiege das Feld oft schon vor den letzten Kilometern auseinanderreißen, machte er auf sich aufmerksam.
Strade Bianche und Lüttich–Bastogne–Lüttich boten zwei wichtige Maßstäbe, um seine Entwicklung einzuschätzen. Bei beiden Rennen konnte er sich mit Tadej Pogačar messen, der in den vergangenen Jahren viele der bedeutendsten Klassiker dominiert hat. Der Franzose hat noch nicht gezeigt, dass er den Slowenen regelmäßig schlagen kann. Doch er hat sich einen Platz in der sportlichen Diskussion neben dem führenden Fahrer seiner Generation erarbeitet.
Dieser Unterschied ist wichtig. Bei Rennen niedrigerer Kategorie hervorzustechen oder starke Ergebnisse bei weniger anspruchsvollen Veranstaltungen zu erzielen, ist das eine. Um Siege gegen Fahrer zu kämpfen, die seit Jahren die größten Rennen gewinnen, ist etwas ganz anderes. Seixas hat sich rasch vom Talent, das man im Blick behalten sollte, zu einem Rivalen entwickelt, den die Teams bei jedem großen Rennen einplanen müssen.
Die Lombardei-Rundfahrt verstärkte diesen Eindruck, denn dort treffen viele der besten Kletterer und Klassikerspezialisten der Welt aufeinander. Ein Sieg auf diese Weise vermittelt eine andere Erfahrung, als eine Spitzenplatzierung zu erreichen, indem man den Attacken der anderen Favoriten folgt.
Dennoch wäre es verfrüht, Seixas bereits auf jedem Terrain mit Pogačar gleichzusetzen. Der Slowene hat seine Dominanz über mehrere Jahre aufgebaut, während der Franzose erst am Anfang seiner Profikarriere steht. Der Vergleich zeigt, mit welchem Kaliber an Rivalen er sich bereits messen kann. Er bedeutet nicht, dass der Generationenwechsel vollzogen ist.
Der vierte Platz bei der Tour verändert die Erwartungen
Die Klassiker zeigten, dass Seixas um große Siege bei Eintagesrennen mitfahren kann. Die Tour de France fügte seiner Entwicklung eine weitere Facette hinzu. Bei seinem Debüt im Rennen wurde der Franzose Vierter – ein außergewöhnliches Ergebnis für einen Fahrer, der am 24. September 20 Jahre alt wurde. Über drei Wochen bewies er, dass er nicht nur auf explosive Belastungen reagieren, sondern auch bei einer anspruchsvollen Rundfahrt konstant auf hohem Niveau fahren kann.
Sein Gesamtergebnis bei der Tour ist besonders bedeutsam, weil es Seixas eine weitere Perspektive für die Zukunft eröffnet. Die Klassiker können ihm Siege von enormem Prestige bescheren. Seine Leistung bei der Frankreich-Rundfahrt auf diesem Niveau zeigt jedoch, dass er auch das Potenzial für eine Spitzenrolle bei einer Grand Tour hat.
Der vierte Platz ist jedoch keine Garantie dafür, dass er als Nächstes um den Gesamtsieg mitfahren wird. Dafür muss er sich auch in Bereichen verbessern, die über seine Kletterfähigkeiten hinausgehen. Konstanz in den Bergetappen, Zeitfahren, Regeneration zwischen den Etappen, Positionierung im Peloton und Teamarbeit können entscheidend sein, wenn es darum geht, drei Wochen lang eine Spitzenposition zu behaupten.
Außerdem muss er lernen, mit den steigenden Erwartungen umzugehen. Nach dem vierten Platz bei der Tour und dem Sieg bei Il Lombardia in derselben Saison wird jedes große Rennen unweigerlich zu einer weiteren Standortbestimmung. Die Herausforderung für Decathlon CMA CGM besteht darin, ihm weitere Entwicklung zu ermöglichen, ohne jeden Start zur Pflicht zu machen, gewinnen zu müssen.
Sportlich spricht vieles dafür, die Zukunft des Teams auf ihm aufzubauen. Vorrang hat jedoch, seine Entwicklung nicht zu überstürzen. Seixas hat bereits gezeigt, dass er bei großen Zielen mitfahren kann. Nun gilt es, den Rennkalender und die Vorbereitung zu finden, die ihn näher an die Besten heranführen, ohne seine Entwicklung zu gefährden.
Paul Seixas bei der Tour de France 2026
Die nächste Herausforderung: den richtigen Weg für 2027 finden
Die Planung für 2027 wird einer der wichtigsten Faktoren für Seixas’ Entwicklung sein. Nach einem Jahr mit herausragenden Ergebnissen bei den Klassikern und Etappenrennen muss sein Rennkalender eine grundlegende Frage beantworten: Soll er erneut die Tour de France in den Mittelpunkt stellen oder einen anderen Weg einschlagen, um sich bei den Grand Tours weiterzuentwickeln?
Der Sportdirektor von Decathlon CMA CGM, Julien Jurdie, hat klargestellt, dass ein Podiumsplatz bei einer Grand Tour das Ziel ist. Auf welches Rennen das Team setzt, steht allerdings noch nicht fest. Der Giro d’Italia und die Vuelta a España kommen weiterhin infrage. Nach seinem vierten Platz beim Tour-Debüt bleibt auch die Tour eine wichtige Option.
Jede Möglichkeit hätte eigene Vorteile. Bei einer Rückkehr zur Tour könnte Seixas ausloten, wie viel näher er den weltbesten Fahrern beim prestigeträchtigsten Rennen des Radsports kommen kann. Der Giro wiederum böte ein anderes Umfeld, um ein Grand-Tour-Podium anzustreben. Auch bei der Vuelta könnte er weitere Erfahrungen in einem dreiwöchigen Rennen sammeln.
Bei der Kalenderplanung geht es jedoch um mehr als die Wahl einer Grand Tour. Das Team hat auch erklärt, bei den Klassikern ambitioniert bleiben zu wollen. Rennen wie Strade Bianche, Lüttich–Bastogne–Lüttich und Il Lombardia passen zu diesen Plänen. Damit gilt es, eine ausgewogene Saison zu gestalten, in der Seixas weiter um Monumente mitfahren und sich zugleich als Anwärter auf die Gesamtwertung entwickeln kann.
Die Entscheidung wird sportlich weitreichende Folgen haben. Eine gezielte Vorbereitung auf eine Grand Tour könnte ihm helfen, an bestimmten Aspekten seiner Leistung zu arbeiten. Ein weiterhin umfangreicher Klassiker-Kalender würde ihm dagegen ermöglichen, auf den Stärken aufzubauen, die ihm bereits Spitzenresultate eingebracht haben. Eine einzig richtige Antwort gibt es nicht. Entscheidend wird die beste Balance für einen Fahrer sein, der in beiden Bereichen überzeugt hat.
Der Rennkalender für 2027 hängt auch von den Zielen des Teams und von Seixas’ Entwicklung in der Winterpause ab. Aussagen zu einem bestimmten Start sollten daher erst nach einer offiziellen Bestätigung getroffen werden. Klar ist: Seixas hat ein Niveau erreicht, das ambitionierte Planungen verlangt, ohne seine mittelfristige Entwicklung aus dem Blick zu verlieren.
Decathlon CMA CGM hat einen Star – und trägt Verantwortung
Seixas’ Durchbruch eröffnet Decathlon CMA CGM außergewöhnliche sportliche Möglichkeiten. Das französische Team hat nun einen Fahrer, der auf Eintagessiege zielen kann und zugleich bei einer Grand Tour ein sehr hohes Niveau gezeigt hat. Diese Kombination erweitert die Optionen des Teams. Es kann Strategien auf einen Fahrer ausrichten, der auf unterschiedlichsten Streckenprofilen Akzente setzen kann.
Die Entwicklung eines Fahrers dieser Klasse erfordert jedoch sorgfältige Entscheidungen. Größere mediale Aufmerksamkeit, Vergleiche mit Pogacar und die Erwartungen, die seine Ergebnisse wecken, können jedes Rennen zur Bewährungsprobe machen. Die beste Antwort darauf besteht nicht unbedingt darin, weitere Ziele hinzuzufügen. Stattdessen sollte das Team jene Rennen auswählen, die seiner Entwicklung entsprechen und ihm weitere Lernmöglichkeiten bieten.
In dieser Hinsicht ist sein Sieg bei Il Lombardia ein großer Vorteil: Er bestätigt, dass Seixas bei einem hochkarätigen Rennen eine Spitzenleistung bringen kann, ohne mehrere Jahre auf den nächsten Entwicklungsschritt warten zu müssen. Das Team muss nicht mehr ausschließlich auf sein Potenzial setzen. Es kann nun auch auf Ergebnisse bauen, die belegen, dass er gegen die besten Konkurrenten gewinnen kann.
Entscheidend wird sein, diesen Erfolg zur Grundlage für weiteres Wachstum zu machen. Ein Monument garantiert keine künftigen Siege, so wie der vierte Platz bei der Tour keinen Podiumsplatz bei der nächsten Ausgabe sichert. Zusammen zeigen diese Ergebnisse jedoch, dass Seixas für einen Fahrer seines Alters ungewöhnlich viele Möglichkeiten hat.