Mathieu van der Poel „nicht zwingend der stärkste“ bei der Weltmeisterschaft – Radsport-Legende Hinault: „Aber er könnte der cleverste von allen sein“

Radsport
durch Nic Gayer
Donnerstag, 17 September 2026 um 12:30
Mathieu van der Poel Bernard Hinault
Mathieu van der Poel hat keine Zeit verloren, um vor der Weltmeisterschaft seine Form auf der Straße unter Beweis zu stellen. Bei der Tour de Luxembourg kehrte der Niederländer unmittelbar mit einem Sieg in den Straßenrennsport zurück und setzte damit zehn Tage vor dem Kampf um das Regenbogentrikot ein erstes Ausrufezeichen.
Mit Blick auf das WM-Straßenrennen in Montreal am 27. September sieht Bernard Hinault den Kurs allerdings keineswegs als maßgeschneidert für Van der Poel an. Dafür könnte dem Niederländer nach Ansicht des fünfmaligen Tour-de-France-Siegers und Weltmeisters von 1980 eine andere Qualität entscheidend helfen. „Ich glaube nicht, dass er zwingend der stärkste Fahrer für diesen Kurs ist, aber er könnte der cleverste von allen sein“, sagte Hinault gegenüber De Telegraaf.

Hinault traut Van der Poel auch auf schwerem WM-Kurs viel zu

In Kanada warten auf Van der Poel 273,7 Kilometer und insgesamt 3.803 Höhenmeter. Zwölf Runden sind auf dem Mont-Royal-Rundkurs zu absolvieren, wobei es immer wieder über den Anstieg Camillien-Houde sowie die steileren Rampen an der Polytechnique geht.
Bernard Hinault.
Bernard Hinault hält Mathieu van der Poel trotz des anspruchsvollen Kurses für einen der gefährlichsten Fahrer bei der Weltmeisterschaft in Montreal und hebt besonders dessen Renninstinkt hervor.
Damit steht Van der Poel vor einer völlig anderen Herausforderung als 2023 auf den Straßen von Glasgow, wo er sich zum Weltmeister krönte. Allerdings hat Hinault bereits erlebt, dass der Niederländer auch bei einer Weltmeisterschaft bestehen kann, deren Streckenprofil noch deutlicher außerhalb seiner eigentlichen Komfortzone lag.

Luxemburg bringt Van der Poel sofort wieder auf Touren

Bei der Weltmeisterschaft 2024 in Zürich waren auf knapp 274 Kilometern insgesamt 4.470 Höhenmeter zu bewältigen. Tadej Pogacar setzte sich letztlich entscheidend ab und eroberte das Regenbogentrikot, doch Van der Poel behauptete sich in dem zermürbenden Rennen und sprintete hinter Ben O'Connor zur Bronzemedaille.
Damit holte Van der Poel bei seinen vergangenen beiden Starts im Elite-Straßenrennen der Weltmeisterschaft jeweils eine Medaille.

WM-Ergebnisse von Mathieu van der Poel

Jahr Austragungsort Ergebnis
2019 Yorkshire 43.
2021 Flandern 8.
2022 Wollongong DNF
2023 Glasgow 1. - Weltmeister
2024 Zürich 3.
Schon auf die Weltmeisterschaft in Zürich hatte sich der Niederländer damals bei der Tour de Luxembourg vorbereitet. Dort gewann er eine Etappe und belegte den zweiten Platz der Gesamtwertung, ehe er in die Schweiz weiterreiste. Zwei Jahre später ist Van der Poel nun zu demselben Rennen zurückgekehrt und verzichtete dafür auf die jüngsten beiden kanadischen WorldTour-Rennen.
„Ich habe gute Erinnerungen an die Tour de Luxembourg vor zwei Jahren“, sagte Van der Poel vor dem diesjährigen Rennen. „Wichtiger noch, ich hatte danach eine gute Weltmeisterschaft in Zürich, was gezeigt hat, dass dieses Rennen eine sehr gute finale Vorbereitung war.“
Sein erster Tag zurück auf der Straße hätte anschließend kaum erfolgreicher verlaufen können. Bei seinem ersten Straßenrennen seit dem Sieg auf der Schlussetappe der Tour de France in Paris attackierte Van der Poel auf der 1. Etappe elf Kilometer vor dem Ziel. Zwar wurde sein Vorstoß wieder neutralisiert, doch der Niederländer hatte noch genügend Reserven, um anschließend den ansteigenden Sprint zu gewinnen und das erste Leadertrikot der Rundfahrt zu übernehmen.
Das fünftägige Rennen soll ihm vor allem dabei helfen, nach seinem jüngsten Mountainbike-Block wieder den nötigen Rhythmus auf der Straße zu finden. „Nach meinem Mountainbike-Block kann ich definitiv etwas Rennrhythmus und Wettkampfkilometer auf der Straße gebrauchen“, erklärte Van der Poel. „Das ist hier das Hauptziel für mich.“

Hinault erwartet eine Weltmeisterschaft für Renninstinkt

Der WM-Kurs in Montreal hat einigen der Topfavoriten bereits eine wertvolle Generalprobe geboten. Isaac Del Toro setzte sich beim GP Montreal am 13. September gegen Paul Seixas durch, Brandon McNulty belegte den dritten Platz und Remco Evenepoel wurde Fünfter. Van der Poel verfolgte den letzten großen Test hingegen aus Europa. Hinault rechnet damit, dass die Weltmeisterschaft selbst deutlich unberechenbarer werden könnte als die vergangenen beiden Austragungen.
Pogacar, der sowohl in Zürich als auch in Kigali triumphierte, wird nach seinem Saisonende bei der Vuelta a Espana sein Regenbogentrikot nicht verteidigen. Belgien reist mit Evenepoel und Wout Van Aert an, Frankreich kann auf Seixas setzen, Del Toro hat auf dem Kurs bereits gewonnen und auch Richard Carapaz gehört für Hinault zu den Fahrern, die im Vorderfeld zu erwarten sind.
„Wenn Pogacar da ist, fahren alle gegen ihn“, sagte Hinault. „Er beschleunigt einmal und sagt: ‚Auf Wiedersehen, meine Herren.‘ Jetzt hast du eine Gruppe von etwa 10 bis 15 Fahrern, die gewinnen können.“
Dass bei der Weltmeisterschaft ohne Teamfunk gefahren wird, verleiht dem Rennen insbesondere in der entscheidenden Phase eine zusätzliche taktische Dimension. „Du hast nicht ständig jemanden im Ohr, der sagt: ‚Pass auf, mach dies oder das‘“, erklärte Hinault. „Es liegt an den Fahrern selbst.“
Und genau für diese Art von Rennen sieht der Franzose nur wenige Fahrer besser gerüstet als Van der Poel. „Wenn es darum geht, solch ein pures Rennen zu lesen, ist Van der Poel ein Meister.“
Sein Triumph in Glasgow ist dafür das offensichtlichste Beispiel. Doch Van der Poel hat während eines großen Teils seiner Karriere bewiesen, dass er gerade in chaotischen Eintagesrennen Situationen schnell erfassen und die richtigen Entscheidungen treffen kann. Hinault verweist zudem auf eine grundlegende Besonderheit der Weltmeisterschaft: Anders als bei einer dreiwöchigen Rundfahrt muss ein Fahrer nicht über einen langen Zeitraum der Stärkste sein, sondern seine Bestleistung an einem einzigen Nachmittag abrufen. „Du musst an diesem einen Tag der Beste sein“, sagte Hinault.
Bevor Van der Poel nach Kanada reist, stehen für ihn noch vier Etappen bei der Tour de Luxembourg auf dem Programm. Seinen letzten Straßenblock vor der Weltmeisterschaft hat der Niederländer bereits mit einem Sieg eröffnet – und damit eindrucksvoll gezeigt, dass seine Form auf dem Weg nach Montreal stimmt.
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