Primoz Roglic wird die
Vuelta a Espana 2026 aller Voraussicht nach mit dem neunten Grand-Tour-Podium seiner Karriere beenden. Der historische fünfte Gesamtsieg und damit der alleinige Vuelta-Rekord bleiben ihm jedoch verwehrt.
Red Bull - BORA - hansgrohe hatte für die 20. Etappe einen letzten großen Angriff auf Enric Mas vorbereitet, doch am Collado del Alguacil verlor Roglic weitere 38 Sekunden auf den Mann im roten Trikot.
Mit einem Rückstand von 1:37 Minuten auf Mas war der Slowene in die vorletzte Etappe gestartet. Seine Ausgangslage war dabei auch durch die gestörte Vorbereitung auf die Rundfahrt geprägt. Als Topfavorit Tadej Pogacar nach einem Sturz auf der achten Etappe ausschied, änderte sich die Situation allerdings grundlegend: Plötzlich schien der Weg zu Roglics fünftem Vuelta-Triumph offen – und damit zu jenem Sieg, mit dem er Roberto Heras als alleiniger Rekordhalter abgelöst hätte.
Roglic jagt seit Jahren den alleinigen Vuelta-Rekord
Seinen ersten Grand-Tour-Gesamtsieg feierte Roglic 2019 bei der Vuelta a Espana. In den beiden folgenden Jahren verteidigte er das rote Trikot erfolgreich und machte damit den Hattrick perfekt. 2022 musste er die Rundfahrt nach einem Sturz vorzeitig verlassen, 2023 wurde er hinter seinen damaligen Teamkollegen Sepp Kuss und Jonas Vingegaard von Visma - Lease a Bike Dritter. Ein Jahr später kehrte Roglic schließlich auf den obersten Platz des Podiums zurück und feierte seinen vierten Gesamtsieg.
Primoz Roglic steht vor dem zweiten Gesamtrang bei der Vuelta a Espana 2026. Der erhoffte fünfte Triumph und alleinige Vuelta-Rekord bleiben dem Slowenen verwehrt.
Mit diesem Triumph zog er 2024 mit Roberto Heras gleich, der seine vier Vuelta-Siege zwischen 2000 und 2005 gefeiert hatte. Darüber hinaus stehen für Roglic 15 Etappenerfolge bei der spanischen Grand Tour zu Buche. Bemerkenswert ist auch seine Konstanz: Bei keiner Vuelta, die er tatsächlich beendete, war der Slowene schlechter als Dritter.
In der Saison 2026 belegte Roglic zunächst den fünften Platz bei Tirreno-Adriatico und Rang drei bei Milano-Torino. Bei der Tour de Suisse landete er zudem in den Top 10, wobei er zeitweise auch für andere Kapitäne von Red Bull - BORA - hansgrohe arbeitete. Die Vuelta war die einzige Grand Tour in seinem diesjährigen Rennprogramm.
Dann wurde seine Vorbereitung empfindlich gestört. Ende Juli kollidierte Roglic im Training mit einem Autofahrer und verlor dadurch rund zehn wichtige Trainingstage. Sowohl die Clasica San Sebastian als auch die Vuelta a Burgos musste er absagen. Sein Comeback im Renngeschehen gab der Slowene deshalb erst unmittelbar bei der Vuelta.
Pogacar ging für UAE Team Emirates - XRG als klarer Topfavorit ins Rennen, während Red Bull - BORA - hansgrohe den Formzustand des eigenen Kapitäns angesichts der problematischen Vorbereitung vorsichtig einschätzte. Mit Pogacars Ausscheiden auf der achten Etappe änderte sich die Dynamik im Kampf um den Gesamtsieg jedoch schlagartig.
„Natürlich sind wir mit Tadej Pogacar in diese Vuelta gestartet, und dann ist es immer ein anderes Rennen“, erklärte Red-Bull-Sportdirektor
Sven Vanthourenhout gegenüber
CyclingNews. „In dem Moment, als Tadej ausgeschieden war, wussten wir natürlich, dass das Rennen im Grunde neu beginnt.“
Mas setzt Roglic unter Druck – doch im Zeitfahren schlägt der Slowene zurück
Die Kontrolle über die Gesamtwertung übernahm anschließend Enric Mas. Mit seinem Sieg am Alto de Aitana auf der neunten Etappe setzte der Spanier ein erstes deutliches Zeichen, während Roglic 1:18 Minuten einbüßte. Am Calar Alto nahm Mas seinem Rivalen weitere 27 Sekunden ab, an der La Pandera kamen noch einmal 15 Sekunden hinzu. Roglic rutschte dadurch zwischenzeitlich hinter Felix Gall auf den dritten Gesamtrang ab.
Die große Gelegenheit zur Aufholjagd bot sich auf der 18. Etappe. Im 32,1 Kilometer langen Einzelzeitfahren zwischen El Puerto de Santa Maria und Jerez de la Frontera belegte Roglic den vierten Platz. Dabei nahm er Mas 33 Sekunden ab und verdrängte Gall wieder vom zweiten Rang der Gesamtwertung.
Bei Red Bull - BORA - hansgrohe war man von den Leistungswerten des Slowenen beeindruckt. „Ich denke, wir haben viele Leistungsdaten analysiert, insbesondere die von Primoz. Dabei haben wir gesehen, dass er eines seiner besten Zeitfahren überhaupt gefahren ist – eines der besten drei oder vier Zeitfahren seiner Karriere“, erklärte Vanthourenhout.
Dennoch verteidigte Mas nach dem Kampf gegen die Uhr noch immer einen Vorsprung von 1:37 Minuten. Auf der 19. Etappe versuchte Roglic nahe dem Gipfel der Penas Blancas erstmals selbst, den Spanier mit einer Attacke unter Druck zu setzen. Mas reagierte allerdings umgehend, sodass beide gemeinsam das Ziel erreichten.
Dass Red Bull - BORA - hansgrohe seine große Offensive so lange hinausgezögert hatte, war laut Vanthourenhout kein Zufall. Aufgrund der verlorenen Trainingstage wollte die Mannschaft Roglics Kräfte gezielt für die entscheidende letzte Rennwoche aufsparen.
„Es gab vorher auf dem Weg nach Granada andere Möglichkeiten. Aber wir hatten immer im Hinterkopf, dass Primoz vor der Vuelta zehn Tage verloren hatte. Deshalb waren wir vorsichtig und haben bis zur letzten Woche gewartet, um selbst die Initiative zu ergreifen“, erklärte der Sportdirektor.
Letzter Red-Bull-Plan scheitert an Roglics Beinen
Die vorletzte Etappe mit mehr als 5.000 Höhenmetern war schließlich die letzte realistische Gelegenheit, das Gesamtklassement noch einmal auf den Kopf zu stellen. Red Bull - BORA - hansgrohe platzierte deshalb mehrere Helfer in den Ausreißergruppen, damit Roglic im späteren Rennverlauf auf Unterstützung zurückgreifen konnte. Am Collado del Alguacil sollte zuletzt Finn Fisher-Black eine entscheidende Rolle spielen.
„Wir haben bis zum letzten Anstieg gewartet und hatten Finn Fisher-Black dort, um ihn zu lancieren. Aber wenn dir dann die Beine fehlen, um zu beschleunigen, ist es eben so“, erklärte Vanthourenhout. „Und in diesem Moment musst du am Ende mit dem zweiten Platz zufrieden sein.“
Doch statt Roglic war es Gall, der in die Offensive ging und Mas mit sich zog. Roglic verlor weitere 38 Sekunden auf den Gesamtführenden und sogar 55 Sekunden auf den Österreicher. Vor der Schlussetappe beträgt sein Rückstand auf das rote Trikot damit 2:15 Minuten, während sein Vorsprung auf Gall auf lediglich 29 Sekunden geschrumpft ist.
„Wir hatten drei Schlüsselpunkte. Zwei davon waren speziell dafür vorgesehen, mit Primoz etwas zu unternehmen“, erläuterte Vanthourenhout. „Wenn er am Ende die besprochene Beschleunigung nicht setzt, weißt du einfach, dass die Beine nicht da waren. Trotzdem war tatsächlich jede seiner Leistungen in der letzten Woche gut.“
Mas konnte seinen Vorsprung auf den letzten beiden Bergetappen somit ausbauen, obwohl Roglic dazwischen nach Einschätzung seines Teams eines der besten Zeitfahren seiner gesamten Karriere abgeliefert hatte. Vanthourenhout betont dennoch, dass Red Bull - BORA - hansgrohe den taktischen Plan für die 20. Etappe wie vorgesehen umgesetzt habe.
„Wir haben immer darauf vertraut, den Prozess bis zum Ende der Vuelta durchzuziehen“, erklärte er. „Und heute haben wir eigentlich alles perfekt gemacht. Aber wir hätten vor der Vuelta jederzeit für einen zweiten Platz in der Gesamtwertung unterschrieben, weil wir wussten, mit welcher Vorbereitung Primoz in diese Grand Tour gegangen ist. Deshalb sind wir damit zufrieden.“
Roglic dürfte die Vuelta a Espana in Granada somit auf dem zweiten Gesamtrang beenden und seinem Palmarès ein weiteres Grand-Tour-Podium hinzufügen. Seine vier Vuelta-Triumphe aus den Jahren 2019, 2020, 2021 und 2024 bleiben damit vorerst bestehen. Den Rekord muss sich der Slowene weiterhin mit Roberto Heras teilen – beide stehen bei jeweils vier Gesamtsiegen.