Kommentar | Fünf Gründe, sich auf den Radsport 2026 zu freuen

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 30 Januar 2026 um 11:30
mathieuvanderpoel-tadejpogacar
Mehrere Topteams haben in diesem Winter nicht nur Fahrer getauscht, sondern komplette Strategien neu aufgesetzt. Hinter diesen Entscheidungen stehen knallharte Transferpolitik, verletzte Eitelkeiten und meist zwei oder drei Profis, die intern klären müssen, wer künftig die Hauptrolle übernimmt.
Je näher die neue Saison rückt, desto stärker kreisen meine Gedanken um genau diese Umbrüche. Fünf Themen lassen unseren Kollegen Fin Major nicht los, weil sie den Radsport 2026 nachhaltig verändern könnten.

Remco Evenepoels Debüt bei Red Bull - BORA - hansgrohe

Der Wechsel von Remco Evenepoel ist real, offiziell und von enormer Tragweite. Soudal Quick-Step bestätigte, dass der Belgier Ende 2025 geht und sich Red Bull - BORA - hansgrohe anschließt. Ein Satz aus der Verkündung bringt die Wucht dieses Schritts auf den Punkt: „Ich will besser sein als Pogacar… deswegen bin ich hierher gekommen“.
Das ist eine Kampfansage. Evenepoel bittet nicht um Unterstützung, er fordert ein größeres Spielfeld und eine höhere Decke.
Der Abschied von Quick-Step überrascht dennoch nicht. Das Team war konsequent um Remco gebaut, doch Red Bull - BORA verfolgt ein anderes Ziel: ein größeres Projekt als den klassischen Ein-Mann-Plan. Ein stärkerer Kletterzug, mehr Wissenschaft, mehr Ressourcen, mehr von allem. Evenepoel selbst sprach von „allen wissenschaftlichen Aspekten“ und „viel Luft nach oben“. Übersetzt heißt das: Er sieht Entwicklungspotenzial in Bereichen, die er bisher nicht maximal ausreizen konnte.
Der Druck verschwindet dabei nicht, er verlagert sich. Evenepoel stößt zu einem Team, das mit Florian Lipowitz bereits einen ernsthaften GC-Pfeiler besitzt und mit Primoz Roglic einen fünffachen Grand-Tour-Sieger. Red Bull - BORA kennt zudem das „zwei Kapitäne“-Problem aus eigener Erfahrung. Die Spannungen in der Schlusswoche der Tour de France 2025 haben gezeigt, wie schnell so etwas kippen kann.
Will Remco die unumstrittene Nummer eins sein, muss er das auf der Straße beweisen, nicht in einer Pressemitteilung. Und falls er tatsächlich mit einem Debüt bei der Flandern-Rundfahrt liebäugelt, wartet eine völlig andere Prüfung: weniger Watt, mehr Positionskampf, Geduld und Nerven auf der engsten Bühne des Radsports. Den doppelten Olympiasieger auf dem Pflaster zu sehen, hätte zweifellos seinen Reiz.

Pogacar gegen Van der Poel: die Klassiker als Bühne

Ganz ehrlich: Die Klassiker 2025 haben mich mehr gepackt als die Grand Tours. Nicht, weil die Rundfahrten schwach gewesen wären, sondern weil die Frühjahrsklassiker wie wöchentliche Duelle ohne Versteckspiel wirkten. Vor allem dann, wenn es wieder Pogacar gegen Van der Poel hieß. Milano-Sanremo lieferte das perfekte Beispiel: Pogacar zündete die Lunte, Van der Poel blieb eiskalt, und bis zur Via Roma entwickelte sich ein Dreikampf auf Messers Schneide, mit Filippo Ganna im Schlepptau.
Faszinierend ist, wie diese Rivalität beide zwingt, gegen ihre Natur zu fahren. Pogacar ist dafür gemacht, Anstiege zu zerstören, kehrt aber trotzdem nach Sanremo und Roubaix zurück, weil ihn die Lücke zwischen „fast“ und „Monumentsieger“ wurmt. Nach Sanremo versprach er unverblümt eine Fortsetzung: „Wir kommen nächstes Jahr für mehr zurück“. In Roubaix werden die Fragen noch lauter, weil er offen sagt, wie viel ihm ein erster Sieg dort bedeuten würde.
Van der Poel befindet sich inzwischen in jener unheimlichen Phase der Größe, in der das Geschichtsbuch ruft. Nach seinem dritten Roubaix-Sieg in Serie beschrieb er es nüchtern und schmerzhaft: „Es war das Roubaix, in dem ich in meiner Karriere am meisten gelitten habe“. Genau das trifft es. Er ist dort nicht einfach talentiert, sondern abgehärtet. Und Pogacar hat ihn 2025 stärker gefordert als je zuvor. Ich gebe es zu: Die Fragen für 2026 lassen mich nicht los. Gewinnt Pogacar Roubaix im zweiten Versuch? Schafft Van der Poel tatsächlich einen vierten Flandern- und einen vierten Roubaix-Sieg?
Treten beide gesund an, bekommt der Sport sein reinster Produkt. Zwei Genies, die sich gegenseitig an Sturheit überbieten. Sorry, Vingegaard, aber das ist aktuell die beste Rivalität im Radsport.

Jonas Vingegaard und die Versuchung Giro

Jonas Vingegaard hat die Tour de France bereits zweimal gewonnen und sich nun auch die Vuelta a Espana gesichert. Der Giro d Italia fehlt noch, um seine Karriere zu einem kompletten Set zu machen.
Den Reiz hat er längst eingeräumt. Cyclingnews zitierte ihn mit den Worten: „Ich glaube, ich würde lieber alle drei Grand Tours gewinnen“, auch wenn er zugleich betonte, dass die Tour sein „großtes Ziel“ bleibt. Für mich klingt das nach einem Fahrer, der öffentlich mit seinem eigenen Vermächtnis ringt. Er weiß, was er sagen muss, und spürt gleichzeitig, was ihn wirklich erfüllen würde. Ja, er will das Gelbe Trikot zurück. Aber was ist mit der Maglia Rosa?
Auch die Giro-Organisatoren erhöhen den Druck. Mauro Vegni formulierte es so direkt wie selten im modernen Radsport: „Wäre ich Jonas Vingegaard, würde ich mir so eine Chance nicht entgehen lassen. Wenn er den Giro 2026 gewinnt, hätte er den Grand-Tour-Satz komplett.“
Die Spannung liegt im Kalender. Giro im Mai, Tour im Juli, und die moderne Tour ist eine hochspezialisierte Maschine, auf die Teams ein Jahr hinarbeiten. Das Giro-Tour-Double ist möglich, aber es bleibt ein Spiel mit Form, Ermüdung und Sturzrisiko. Andererseits hat Tadej Pogacar 2024 gezeigt, dass es geht, als er die Tour de France direkt nach seinem Giro-Sieg zurückeroberte.

Oscar Onley und die stille INEOS-Option

Oscar Onleys vierter Platz bei der Tour de France 2025 wirkt für mich noch immer leicht surreal. Vor allem, weil er ohne das übliche Superstar-Getöse zustande kam. Ruhig, konstant, Sekunden gesammelt, und plötzlich steht ein Brite auf Rang vier der Gesamtwertung. Genau dieses Ergebnis verwandelte das INEOS-Interesse in eine handfeste Transfersaga und zugleich in eine der spannendsten Verpflichtungen der letzten Jahre.
Stand Mitte Dezember 2025 ist der Wechsel noch nicht offiziell, doch die Logik liegt offen zutage. INEOS braucht eine neue Säule für seine Grand-Tour-Ambitionen, und Onley ist plötzlich die überzeugendste britische GC-Wette seiner Generation, sogar vor Tom Pidcock. Wer an Onleys Stelle ist, sieht das größte heimische Team, größere Ressourcen und eine klarere langfristige Plattform.
Mich fasziniert besonders der personelle Kontext. Geraint Thomas wechselt bei INEOS ins Management und übernimmt die Rolle des Director of Racing. Er beschrieb diesen Schritt so: „Dieses Team ist seit dem ersten Tag mein Zuhause, und dieser Schritt fühlt sich wie der natürliche nächste an.“ Sollte Onley dort landen, könnte genau das funktionieren. Nicht, weil Thomas ihn plakativ „mentort“, sondern weil er die täglichen Realitäten eines GC-Fahrers kennt: die monotonen Phasen, den Stress und jene Momente, in denen die Beine gut sind, aber der Kopf überkocht.
Ein Podium bei einer Grand Tour 2026? Bei der Tour dürfte das Feld noch zu dicht sein, wenn alle in Topform antreten. Beim Giro oder bei der Vuelta, mit passender Strecke und dem richtigen Support, halte ich es für realistisch. Spannend wird sein, wie INEOS mit einem GC-Fahrer umgeht, der bewusst auf Celebrity verzichtet.
Oscar Onley
Onley bei der Tour de France 2025

Juan Ayuso und der Neustart bei LIDL-Trek

Der Wechsel von Juan Ayuso zu LIDL-Trek ist bestätigt und wirft fast mehr Fragen auf, als er beantwortet. Der Abschied vom UAE Team Emirates - XRG wurde nicht mit „Timing“ oder „Chance“ erklärt. Cycling Weekly berichtete vielmehr, der Vertrag sei wegen „Differenzen in der Ausrichtung mit der sportlichen Philosophie des Teams“ aufgelöst worden. Ein Satz mit Gewicht, der auf Spannungen um Rollen, Richtung und Hierarchien hindeutet. Dinge, die man von außen schwer belegen kann, die im Teambus aber selten verschwinden.
Ayuso selbst sprach von einem Neustart: „Der Wechsel zu LIDL-Trek ist der Beginn eines wichtigen neuen Kapitels in meiner Karriere.“ Saubere PR-Worte, doch die eigentliche Frage bleibt: Wie funktioniert ein GC-Projekt in einem Team, das bereits starke Identitäten um Mads Pedersen und Jonathan Milan aufgebaut hat?
LIDL-Trek steht nicht für leise Töne. Dieses Team fährt offensiv, fährt auf Siege, und sein Classics- und Sprintkern zählt zu den markantesten im Peloton. Genau deshalb ist Ayuso dort so spannend. Er betritt keine leere Leinwand, sondern ein Bild, das bereits halb fertig ist. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: starke Motoren, klare Organisation und nun ein langfristiger GC-Fokus.
Das Risiko ist ebenso offensichtlich. Ein Grand-Tour-GC verlangt eine gewisse Selbstbezogenheit, die mit einer auf Etappen und Monumente ausgerichteten Struktur kollidieren kann. Dazu kommt die Frage nach Ayusos Temperament und seinem Einfluss auf die interne Harmonie.
Wenn es klickt, wird LIDL-Trek zum vielleicht interessantesten Zwei-Teams-in-einem-Projekt im Peloton. Wenn nicht, erkennt man es schnell daran, wer geschützt wird, wer arbeiten muss und wer leise aus dem Plan rutscht.
Welches dieser fünf Szenarien macht euch mit Blick auf 2026 am neugierigsten?
Original: Fin Major
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