Mit gerade einmal 29 Jahren muss
Bram Welten seine Karriere als Radprofi unfreiwillig beenden. Der niederländische Sprinter und Anfahrer von
Team Picnic PostNL leidet weiterhin unter den Folgen eines Wirbelbruchs, den er sich bei der Classic Brugge-De Panne 2025 zuzog. Weil die schwere Verletzung zunächst unerkannt blieb, fuhr Welten monatelang unter Schmerzen weiter. Nun steht fest, dass eine Rückkehr ins professionelle Peloton nicht mehr möglich ist.
Die Entscheidung hatte sich bereits seit längerer Zeit abgezeichnet, dennoch fiel es Welten schwer, seinen Rücktritt öffentlich zu machen. „Ich wusste schon eine Weile, dass es darauf hinauslaufen würde. Aber es öffentlich zu machen, war schwierig. Plötzlich ist es endgültig“, erklärte er im Gespräch mit
Wielerflits. Besonders bewegt zeigte er sich von den Reaktionen auf seine Bekanntgabe: „Ich habe so viele schöne Nachrichten von ganz unterschiedlichen Menschen erhalten – vor allem aus der Radsportwelt.“
Nach monatelanger Ungewissheit: Welten verabschiedet sich vom Profiradsport
In der vergangenen Woche verkündete Welten offiziell das Ende seiner Laufbahn. Nach drei Jahren bei Team Picnic PostNL verlässt er den professionellen Radsport, obwohl sein letzter Renneinsatz bereits im Juni 2025 zurückliegt. Seither konnte er nicht mehr ins Peloton zurückkehren.
Bram Welten muss seine Profikarriere mit nur 29 Jahren beenden. Ein bei der Classic Brugge-De Panne 2025 erlittener und zunächst unerkannter Wirbelbruch verhindert die Rückkehr des Niederländers ins Peloton.
Dass sein plötzliches Verschwinden aus dem Renngeschehen bei vielen Weggefährten Fragen aufwarf, wurde ihm erst durch die zahlreichen Nachrichten nach seiner Rücktrittsankündigung richtig bewusst.
„Viele waren es gewohnt, mich bei den Rennen zu sehen. Und dann war ich plötzlich ein Jahr lang bei keinem Rennen dabei. Menschen außerhalb meines engsten Umfelds wussten oft nicht genau, was los war. Auch viele frühere Teamkollegen haben sich bei mir gemeldet. Das war eine große Unterstützung.“
Die Ursache für das abrupte Karriereende liegt in einem Sturz bei der Classic Brugge-De Panne im Frühjahr 2025. Dabei erlitt der Niederländer einen Wirbelbruch, der erst deutlich später diagnostiziert wurde. Weil die Schwere der Verletzung zunächst nicht erkannt wurde, setzte Welten seine Karriere trotz anhaltender Beschwerden fort – bis sein Körper die Belastungen nicht mehr zuließ.
Die vergangenen Monate waren für den 29-Jährigen deshalb nicht nur körperlich, sondern auch emotional eine enorme Herausforderung. Schließlich hatte sich sein gesamtes Leben seit frühester Kindheit um den Radsport gedreht.
„Das letzte anderthalbe Jahr war ziemlich turbulent. Seit ich fünf oder sechs Jahre alt bin, dreht sich mein Leben ums Radfahren. Ein großer Teil meiner Identität ist mit dem Sport verbunden. Meine erste Priorität ist jetzt, wieder Stabilität in mein Leben zu bringen“, erklärte Welten.
Immerhin hat die Entscheidung über seine sportliche Zukunft eine lange Phase der Unsicherheit beendet. „Zumindest weiß ich, in welche Richtung es für mich geht. Und ich weiß, dass meine Zeit als Radprofi vorbei ist. Diese Ungewissheit ist jetzt verschwunden.“
Wirbelbruch zu spät erkannt: „Mit dem Wissen von heute hätte ich anders gehandelt“
Besonders bitter ist für Welten der Umstand, dass die Verletzung möglicherweise anders hätte verlaufen können, wenn der Wirbelbruch unmittelbar nach dem Sturz festgestellt worden wäre. Statt sich ausreichend zu schonen, trainierte und fuhr der Niederländer weiter. Dadurch konnte die Fraktur nicht richtig verheilen.
„Mit dem Wissen von heute hätte ich natürlich anders gehandelt. Das Knochenstück ist nicht wieder zusammengewachsen, weil ich meinem Körper nicht genug Zeit und Ruhe gegeben habe. Hätte ich früher gewusst, dass es ein Bruch war, hätte ich mich ganz sicher viel länger geschont und wäre mit diesen Beschwerden nicht weitergefahren.“
Seinen letzten Renneinsatz absolvierte Welten beim erstmals ausgetragenen Copenhagen Sprint im Juni 2025. Danach verbrachte er die verbleibende Zeit seines Vertrags mit dem WorldTour-Team außerhalb des Renngeschehens. Die anhaltenden Folgen des Wirbelbruchs verhinderten eine Rückkehr.
Rückblickend erklärt er, weshalb er die Warnsignale seines Körpers zunächst nicht richtig einordnen konnte. „Damals wusste ich es nicht. Es fühlte sich wie ein gewöhnlicher kleiner Schmerz an, der von selbst wieder verschwinden würde. Mache ich mir Vorwürfe? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber mit dem Wissen von heute wäre ich anders damit umgegangen.“
Trotz der schwerwiegenden Konsequenzen möchte Welten nicht mit seiner Vergangenheit hadern. Er habe damals nach bestem Wissen gehandelt und sehe keinen Sinn darin, sich immer wieder mit hypothetischen Szenarien zu beschäftigen.
„Ich bin trotz der Schmerzen weitergefahren. Ich hatte natürlich Beschwerden, konnte sie aber nicht mit dem in Verbindung bringen, was sich später als die tatsächliche Diagnose herausstellte. Ich bereue es trotzdem nicht. In solchen Dingen bin ich ziemlich pragmatisch. Man kann sich bei allem, was man im Leben getan hat, fragen: ‚Was wäre gewesen, wenn?‘ Aber das bringt einen nicht wirklich weiter.“
Giro-Etappensieg mit gebrochenem Rücken: Ein unvergesslicher Abschied
Auch wenn Welten keinen sportlichen Abschied nach seinen Vorstellungen erleben durfte, bleiben ihm besondere Erinnerungen aus seiner Karriere. Eine davon stammt ausgerechnet aus jener Zeit, in der er bereits mit dem unerkannten Wirbelbruch unterwegs war.
Beim Giro d'Italia 2025 spielte Welten eine entscheidende Rolle beim Etappensieg seines Teamkollegen Casper van Uden. Auf der vierten Etappe bereitete er den Sprint des Niederländers vor, der sich in Lecce durchsetzte und Team Picnic PostNL damit einen bedeutenden WorldTour-Erfolg bescherte.
Für Welten war dieser Triumph die Erfüllung eines gemeinsamen Ziels – und rückblickend einer der letzten großen Momente seiner Laufbahn.
„Als junger Fahrer will man unbedingt Profi werden und bei der Tour de France starten – was ich 2024 auch geschafft habe, Anm. d. Red. Das ist mir gelungen. Außerdem wollte ich unbedingt einen Profisieg erringen, und auch das habe ich geschafft. Und dann war da natürlich noch das vergangene Jahr mit Casper van Uden beim Giro d'Italia. Bis dahin war es nicht besonders gut gelaufen, aber im perfekten Moment fügte sich alles zusammen.“
Besonders bewegend ist die Erinnerung daran, unter welchen körperlichen Voraussetzungen er diesen Erfolg möglich machte.
„Für uns als Team und für mich persönlich war das ein großes Ziel. Den Etappensieg mit Casper werde ich immer in Erinnerung behalten. Und das alles mit einem gebrochenen Rücken.“
Der 13. Mai 2025, an dem Van Uden in Lecce gewann, war zugleich der drittletzte Renntag, den Welten in seiner Profikarriere erfolgreich beenden konnte.
Seine Laufbahn hatte der Niederländer 2018 beim Team Fortuneo - Samsic begonnen, das später unter dem Namen Arkea antrat. Neben seinen eigenen Ambitionen als Sprinter entwickelte er sich zu einem geschätzten Anfahrer. Seinen einzigen Profisieg feierte er 2021 bei der Tour de Vendee. Darüber hinaus arbeitete er im Sprintzug unter anderem für Arnaud Demare, Fabio Jakobsen und zuletzt Casper van Uden.
Neue Aufgabe im Radsport: Welten will sich selbst neu entdecken
Trotz seines unfreiwilligen Karriereendes wird Welten dem Radsport erhalten bleiben. Der 29-Jährige hat bereits eine neue berufliche Perspektive gefunden, möchte seinem künftigen Arbeitgeber die offizielle Bekanntgabe jedoch selbst überlassen.
„Das überlasse ich lieber der Organisation, die mir die Stelle angeboten hat. Sie wird bald eine Ankündigung machen. Aber ich werde auf jeden Fall im Radsport bleiben“, bestätigte er.
Auf die bevorstehende Aufgabe blickt Welten mit großer Vorfreude. Gleichzeitig schätzt er die Möglichkeit, sich in seinem neuen Umfeld zunächst orientieren und herausfinden zu können, welche Rolle am besten zu ihm passt.
„Ich freue mich sehr auf diese neue Herausforderung. Ich glaube, sie passt gut zu mir. Außerdem hat man mir viel Freiraum gegeben, um herauszufinden, ob das wirklich so ist.“
Auch sportlich sucht der ehemalige Profi nach neuen Wegen. Als Alternative zum gewohnten Radtraining hat er mit dem Laufen begonnen. Dabei merkt er, dass sein Ehrgeiz trotz des Karriereendes ungebrochen ist.
„Mir ist klar geworden, dass ich in der Sportwelt immer noch unglaublich ehrgeizig bin – sie gibt mir viel Energie. Meine nächste Herausforderung möchte ich mit derselben Motivation und demselben Kampfgeist angehen. Gleichzeitig muss ich aber auch mich selbst neu entdecken.“
Genau darin liegt für Welten die vielleicht größte persönliche Herausforderung. Nach mehr als zwei Jahrzehnten, in denen der Radsport nahezu jeden Bereich seines Lebens bestimmte, muss er nun eine neue Identität außerhalb des professionellen Pelotons entwickeln.
„Wer bin ich eigentlich? Ein großer Teil meiner Identität war der Radsport. Mir ist bewusst geworden, dass es im Leben natürlich viel mehr gibt, als nur Rad zu fahren – zum Glück, möchte ich hinzufügen“, erklärte er abschließend. „Letztlich muss man auch im Alltag einen Rhythmus finden. Ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin, die richtige Balance zu finden.“
Für Bram Welten endet damit eine Karriere, die ihm die Teilnahme an der Tour de France, einen eigenen Profisieg und einen unvergesslichen Giro-Triumph als Anfahrer ermöglichte. Sein Abschied kommt früher als erhofft – doch mit seiner neuen Aufgabe im Radsport beginnt bereits das nächste Kapitel.