Johan Bruyneel überzeugt von Enric Mas: „Er weiss, dass er diese Vuelta gewinnen wird“

Radsport
durch Nic Gayer
Samstag, 12 September 2026 um 12:00
Enric Mas at the 2026 Vuelta a Espana
Johan Bruyneel hat kaum noch Zweifel daran, wer die Vuelta a Espana gewinnen wird. Gemeinsam mit Spencer Martin analysierte der Belgier in „The Move“ die 19. Etappe und rückte dabei vor allem Enric Mas in den Mittelpunkt. Der Movistar-Kapitän parierte die Attacken seiner Rivalen erneut souverän und verteidigte damit seine Führung in der Gesamtwertung.
Für Bruyneel stellte die 19. Etappe einen besonders wichtigen Test für Mas dar. Die Attacke von Primoz Roglic in den Schlusskilometern lieferte aus seiner Sicht den nächsten Beweis dafür, dass der Spanier über die nötigen Beine verfügt, um auf seine Konkurrenten zu reagieren – selbst wenn Roglic versucht, ihn mit einem explosiven Angriff unter Druck zu setzen.

Bruyneel sieht entscheidenden Test für Enric Mas

„Heute war wirklich ein wichtiger Schritt für Enric Mas. Es war ein grosser Test“, erklärte Bruyneel und leitete daraus zwei zentrale Erkenntnisse ab. Die erste bezog sich unmittelbar auf den Angriff von Roglic: „Enric Mas hat die Beine, um zu reagieren, als Primoz am Ende ziemlich hart attackierte.“
Enric Mas in Aktion.
Enric Mas verteidigte auf der 19. Etappe der Vuelta a Espana souverän das Rote Trikot und wehrte auch den späten Angriff von Primoz Roglic erfolgreich ab.
Die zweite Schlussfolgerung des Belgiers fiel sogar noch deutlicher aus. Mas' Konkurrenten seien zwar weiterhin bereit, offensiv zu fahren und den Mann im Roten Trikot anzugreifen, doch nach fast drei Wochen fehle ihnen inzwischen offenbar die Kraft, um tatsächlich entscheidende Abstände herauszufahren.
„Die Rivalen von Enric Mas versuchen es, aber sie haben nicht mehr die Power, um den Unterschied zu machen“, sagte Bruyneel. Für ihn ist das ein typisches Bild am Ende einer dreiwöchigen Rundfahrt: „Normalerweise, am Ende einer dreiwöchigen Rundfahrt, versuchen sie es, aber es geht nicht mehr wirklich voran.“

„Roglic wirkte sehr stark, aber er hat niemanden abgehängt“

Roglics Attacke gehörte zu den auffälligsten Momenten der 19. Etappe. Der Fahrer von Red Bull - BORA - hansgrohe erhöhte in der Schlussphase das Tempo und setzte spät zum Angriff an. Mas und die übrigen Favoriten liessen sich davon allerdings nicht abschütteln.
Bruyneel räumte ein, dass der Vorstoss des Slowenen durchaus gefährlich ausgesehen hatte. Um das Rennen tatsächlich auseinanderzureissen, reichte seine Attacke jedoch nicht. „Primoz' Attacke sah wirklich gut aus. Er wirkte stark, aber am Ende hat er keinen der fünf Fahrer abgehängt“, erklärte der Belgier.
Spencer Martin teilte diese Einschätzung und sieht unter den Favoriten zunehmend ein Patt. „Wir haben ein Rennen in einer geschlossenen Gruppe. Es gibt keinen Fahrer, der über allen steht und jederzeit alle abhängen kann“, analysierte er.
Für Mas ist diese Konstellation vor dem entscheidenden Bergtag von grossem Vorteil. Er nimmt einen Vorsprung mit in die letzte grosse Kletterprüfung, den seine Konkurrenten bislang nicht reduzieren konnten. Noch wichtiger dürfte jedoch das Selbstvertrauen sein, das er aus den vergangenen Etappen zieht: Bislang konnte der Movistar-Kapitän jede entscheidende Tempoverschärfung seiner Rivalen souverän beantworten.

Bruyneel tippt Mas als Sieger der 20. Etappe

Bruyneels Zuversicht beschränkt sich längst nicht mehr auf Mas' Chancen in der Gesamtwertung. Der Belgier geht sogar davon aus, dass der Mallorquiner die letzte Bergetappe dieser Vuelta für sich entscheiden wird.
„Ich sage voraus, dass Enric Mas morgen die Etappe holt“, kündigte Bruyneel an. Anschliessend wurde er noch konkreter: „Morgen gewinnt Enric Mas die letzte Bergetappe im Roten Trikot und macht das Rennen zu.“
Das anspruchsvolle Profil der 20. Etappe mit mehreren Anstiegen und einem zermürbenden Finale ist für Bruyneel einer der Gründe, warum er Mas sogar weitere Zeitgewinne gegenüber seinen Konkurrenten zutraut.
„Es ist eine grausame Etappe“, sagte der Belgier mit Blick auf die Anstiege, die hohen Steigungsprozente und die nach fast drei Rennwochen aufgestaute Müdigkeit. Für ihn steht deshalb ausser Frage, dass der Tag noch einmal erhebliche Auswirkungen auf den Kampf um den Gesamtsieg haben wird: „Das geht definitiv an die Gesamtwertung.“
Auch Martin sieht Mas für diese Herausforderung in der Poleposition. „Wer ist in diesem Rennen der beste Kletterer, wenn es heiss ist und die Rampen wehtun? Enric Mas“, stellte er fest. Seine Schlussfolgerung fiel entsprechend deutlich aus: „Es ist wirklich schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem er aus einer GC-Gruppe nicht gewinnt.“

„Er weiss, dass er diese Vuelta gewinnen wird“

Besonders bemerkenswert wurde die Analyse, als Bruyneel und Martin nicht mehr über Mas' Beine, sondern über dessen Auftreten abseits des Rades sprachen. Martin verwies auf die Gelassenheit des Spaniers während der Etappe. Selbst als Movistar keine Helfer mehr an seiner Seite hatte, habe Mas vollkommen ruhig gewirkt.
Bruyneel ging noch einen Schritt weiter. Nach einem Interview mit Mas im Anschluss an die Etappe glaubt der Belgier, in den Aussagen des Gesamtführenden nicht nur Ruhe, sondern auch eine tiefe Überzeugung erkannt zu haben. „Ich habe heute nach der Etappe das Interview von Enric Mas auf Spanisch gesehen“, erklärte Bruyneel. „Er weiss, dass er gewinnen wird. Man sieht es.“
Martin hakte daraufhin nach und wollte wissen, ob Bruyneel tatsächlich glaube, dass Mas dieses Selbstvertrauen bereits ausstrahle. Die Antwort kam ohne Zögern: „Man spürt es im Ton. Er bleibt natürlich neutral, ist sehr ruhig, wird nicht euphorisch. Aber zwischen den Zeilen ist dieses Selbstvertrauen spürbar. Er weiss, dass er diese Vuelta gewinnen wird.“
Welche Bedeutung ein Triumph von Mas hätte, wird beim Blick in die Vergangenheit deutlich. Martin erinnerte daran, dass Alberto Contador im Jahr 2014 als bislang letzter Spanier die Vuelta gewann. Sollte Mas das Rote Trikot bis Granada verteidigen, würde er damit eine zwölfjährige Durststrecke des spanischen Radsports beenden. „Das ist riesig für Enric Mas. Riesig für Movistar. Riesig für Spanien“, betonte Martin.

Bruyneel sieht Müdigkeit bei Mas' Rivalen

Ein weiteres Kernthema der Analyse war die Ermüdung, die sich nach fast drei Wochen auf höchstem Niveau zwangsläufig bemerkbar macht. Für Bruyneel verlieren die Angriffe von Roglic, Richard Carapaz und den anderen Anwärtern zunehmend ihre Wirkung. Die Bereitschaft zur Offensive ist weiterhin vorhanden, doch die Kraft reicht offenbar nicht mehr aus, um entscheidende Lücken zu reissen.
Für Bruyneel lieferte die 19. Etappe dafür den perfekten Beweis. Roglic attackierte mit grosser Intensität, dennoch blieben die fünf Favoriten zusammen. Auch Carapaz setzte auf eine aggressive Strategie, ging früh in die Offensive und erhielt dabei Unterstützung von einem Teamkollegen. Letztlich wurde der Vorstoss jedoch vom Decathlon CMA CGM Team neutralisiert. Aus Sicht von Bruyneel muss Mas deshalb nicht zwingend auf jeden Angriff des Ecuadorianers reagieren. „Carapaz ist nicht mein Problem“, fasste er die taktische Situation aus Sicht des Gesamtführenden zusammen. „Er ist das Problem von Felix Gall und Primoz Roglic.“
Gleichzeitig zollte Bruyneel dem Ecuadorianer Anerkennung für dessen unermüdliche Angriffslust. Mittlerweile wüssten die Konkurrenten genau, welche offensive Fahrweise sie von Carapaz erwarten können. „Die Jungs wissen, was Carapaz machen wird. Er hat es die ganze Zeit so gespielt“, erklärte Bruyneel. Anschliessend brachte er seine Wertschätzung für dessen kompromisslosen Rennstil mit einem prägnanten Satz auf den Punkt: „Der Kerl hat richtig Mumm.“
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