8 Kilometer mit 10 Prozent: Vuelta-Legende Pedro Delgado warnt vor brutalem Schlussanstieg – „Hier beginnt der Tanz“

Radsport
durch Nic Gayer
Samstag, 12 September 2026 um 12:30
PedroDelgado
Güejar Sierra ist für Perico Delgado wie Rom: Alle Wege führen dorthin. Azallanas, El Duque und bei der Vuelta a Espana 2026 nun ein neuer Protagonist, der über den Ausgang des Rennens entscheiden könnte: der Collado del Alguacil. Der Anstieg feiert sein Debüt bei der spanischen Grand Tour und bildet den krönenden Abschluss einer Königsetappe mit fast 5.000 Höhenmetern – zu einem Zeitpunkt, an dem der Kampf um die Gesamtwertung weiterhin offen ist.
Die Strecke gönnt den Fahrern kaum eine Verschnaufpause. Bereits auf den ersten Kilometern in Richtung Güejar Sierra werden die Beine gefordert, doch die eigentliche Hölle wartet erst später. Die letzten acht Kilometer weisen eine durchschnittliche Steigung von annähernd zehn Prozent auf, hinzu kommen Rampen mit bis zu 18 Prozent und ein aufgebrochener Straßenbelag, der die ohnehin enorme Schwierigkeit zusätzlich verschärft. Eine Kombination, die das Potenzial besitzt, selbst zwischen den stärksten Favoriten große Abstände zu reißen.

Der Collado del Alguacil verlangt perfektes Timing

Auch die Anfahrt zum entscheidenden Anstieg birgt ihre Tücken. Noch vor Güejar Sierra muss das Feld eine schnelle und verwinkelte Passage bewältigen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte das Rennen allerdings längst in kleinere Gruppen zerfallen sein. Danach beginnt der Kampf um die Entscheidung. Für Perico Delgado steht fest: Wer die Gesamtwertung noch auf den Kopf stellen will, muss den perfekten Moment für seinen Angriff erwischen. Wer seine letzten Körner dagegen bereits verschossen hat, wird auf dem Weg zum Gipfel nur noch ums Überleben kämpfen.
Hinzu kommen Hitze und Höhe. Obwohl der Collado del Alguacil weit hinaufführt, könnten die Temperaturen erneut zu einem entscheidenden Faktor werden. Rückenwind würde den Fahrern zwar beim Klettern helfen, gleichzeitig jedoch die kühlende Wirkung des Fahrtwinds reduzieren. Mit Enric Mas im Roten Trikot und seinen Rivalen bereit zur Offensive verspricht der letzte entscheidende Anstieg dieser Vuelta einen gnadenlosen Test für Ausdauer, Ambition und Schmerztoleranz.

Acht Kilometer mit zehn Prozent entscheiden über die Vuelta

Die Auffahrt zum Collado del Alguacil beginnt zunächst mit kurzen Wellen, die den Fahrern noch minimale Möglichkeiten zur Erholung bieten. Doch schon wenig später zeigt der Anstieg sein wahres Gesicht. Perico Delgado nimmt den Berg selbst im Sattel unter die Lupe und warnt: „Hier beginnt der Tanz.“ Schnell schnellen die Steigungsprozente auf zwölf Prozent hinauf und zwingen dazu, jedes verfügbare Ritzel auszunutzen. Noch liegen mehr als acht Kilometer bis zum Gipfel vor den Fahrern – doch die Beine beginnen bereits zu brennen.
Dann beginnt der eigentliche Härtetest. Auf den letzten acht Kilometern liegt die durchschnittliche Steigung bei rund zehn Prozent, einzelne Rampen erreichen bis zu 18 Prozent. Der brüchige Straßenbelag verschärft die Herausforderung zusätzlich. Der Collado del Alguacil ist kein gleichmäßiger Anstieg, sondern eine Abfolge brutaler Rampen und kurzer vermeintlicher Verschnaufpausen. Auf zwölf Prozent folgen sieben oder acht Prozent, doch wirklich bergab führt die Straße nie. Nach beinahe 5.000 bereits absolvierten Höhenmetern fordert jedes zusätzliche Prozent seinen Tribut.
Die Organisatoren mussten die ursprünglich geplante Route nach einem massiven Erdrutsch im Winter verändern. Zunächst waren El Purche beziehungsweise Monachil, zwei Auffahrten über Azallanas und anschließend das Finale am Collado del Alguacil vorgesehen. Die neue Streckenführung hat jedoch kaum etwas von ihrer ursprünglichen Härte eingebüßt: Zweimal in Folge geht es über El Purche, danach wartet El Duque – die andere Seite von Azallanas –, ehe der Collado del Alguacil als oberster Richter dieser Königsetappe über Sieg und Niederlage entscheiden soll.
Damit bietet der Schlussanstieg die ideale Arena für das entscheidende Duell der Favoriten. Viereinhalb Kilometer vor dem Gipfel zeigt selbst der Garmin praktisch keine Entlastung mehr an. Die Steigung schwankt zwischen acht, zehn und elf Prozent, während die Hitze den Fahrern zusätzlich zusetzt. Auch der raue Asphalt kennt keine Gnade: Statt den Druck zu mindern, erhöht er den Rollwiderstand und macht jeden einzelnen Tritt zu einem Kampf gegen den Berg.
Streckenprofil der 20. Etappe der Vuelta a Espana.
Streckenprofil der 20. Etappe der Vuelta a Espana.

Zeit zum Angreifen

Der entscheidende Abschnitt beginnt in der Nähe des Puntal de las Majadas. Spätestens dort gibt es für Perico Delgado kein taktisches Versteckspiel mehr. „Wenn bis hier keiner gefahren ist, dann kann er nicht“, bringt er es auf den Punkt. Nur noch rund eineinhalb Kilometer trennen die Fahrer vom Ziel, während die Steigung konstant bei mehr als zehn Prozent liegt. Das Rennen tritt in seine entscheidende Phase ein: Alles oder nichts für diejenigen, die noch genügend Kraft besitzen, um die Gesamtwertung auf den letzten Kilometern auf den Kopf zu stellen.
Die Herausforderung ist dabei längst nicht mehr nur körperlicher Natur. Je steiler die Straße wird, desto stärker entsteht trotz maximaler Anstrengung das Gefühl, kaum noch voranzukommen. Die Hitze, die brutalen Rampen und die angesammelte Ermüdung nach einem ohnehin extrem anspruchsvollen Tag machen die letzten Kilometer zu einem Einzelzeitfahren gegen den eigenen Körper. Der Wille, die Vuelta zu gewinnen, und der Blick auf die Konkurrenten vor oder hinter einem werden in diesem Moment zur letzten verbliebenen Energiequelle.
Für Enric Mas ist der Collado del Alguacil die letzte große Prüfung bei der Verteidigung des Roten Trikots. Für seine Verfolger bietet er dagegen die letzte Gelegenheit, einen über drei Wochen herausgefahrenen Vorsprung noch einmal anzugreifen. Der Berg scheint wie geschaffen für die reinsten Kletterer und bestraft gleichzeitig jede noch so kleine Schwäche. Primoz Roglic, Felix Gall, Richard Carapaz und Oscar Onley müssen genau abwägen, wann sie ins Risiko gehen. Mas wiederum muss seine Reaktionen dosieren und jenen Vorsprung verteidigen, der auf den brutalen Rampen Granadas endgültig über den Gesamtsieg entscheiden könnte.
Die Belohnung steht der enormen Anstrengung in nichts nach. Nach einer extremen Auffahrt eröffnet der Collado del Alguacil einen spektakulären Blick über die Sierra Nevada und bietet damit eine nahezu perfekte Kulisse für die letzte große Bergschlacht dieser Vuelta. „Schöner und härter kann ein Finale nicht sein“, sagt Perico. Dort oben, zwischen gnadenlosen Rampen, Hitze und brennenden Beinen, könnte endgültig entschieden werden, wer in Madrid das Rote Trikot trägt.
Klatscht 0Besucher 0
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Aktuelle Kommentare

Loading