Extreme Hitze hat sich zu einer der prägenden Herausforderungen dieser Radsaison entwickelt. Sowohl bei der Tour de France als auch bei der
Vuelta a Espana äußerten Fahrer wiederholt Bedenken darüber, Rennen bei Temperaturen bestreiten zu müssen, die den menschlichen Körper an seine Grenzen bringen. Damit ist auch die Debatte neu entfacht, ob der Radsport klare Regeln für den Umgang mit extremer Hitze benötigt.
Zu den Stimmen, die konkrete Maßnahmen fordern, gehört der ehemalige Profi und heutige Rennorganisator
Filippo Pozzato. Der Italiener ist überzeugt, dass der Radsport übermäßige Hitze ähnlich behandeln sollte wie extreme Kälte und andere gefährliche Wetterbedingungen.
Pozzato fordert klare Obergrenze für Rennen bei extremer Hitze
„Ich sage seit Jahren, schon zu meiner aktiven Zeit, dass es auch ein spezifisches Wetterprotokoll für Hitze geben sollte, genau wie für Regen und Kälte“, sagte Pozzato gegenüber
Bicisport. „So wie es eine Mindesttemperatur von drei Grad gibt, unter der laut Ärzten nicht gefahren werden darf, sollte es auch eine Maximaltemperatur geben.“
Chris Harper bespritzt sich mit Wasser, um sich während der Hitzewelle der Tour de France 2026 abzukühlen.
Besonders bei der Vuelta rückte das Thema zuletzt verstärkt in den Fokus, nachdem sich mehrere Fahrer öffentlich zu den extremen Bedingungen geäußert hatten. Enric Mas forderte das Peloton dazu auf, darüber zu diskutieren, ob Rennen bei extremer Hitze überhaupt fortgesetzt werden sollten.
Matthew Brennan erklärte derweil, es würde ihn nicht überraschen, wenn Fahrer unter solchen Bedingungen mit dem Krankenwagen abtransportiert werden müssten.
Brennans Aussagen erhielten nach der 15. Etappe zusätzliches Gewicht. Der Brite berichtete, dass sein Radcomputer während des Rennens eine Durchschnittstemperatur von 41 Grad Celsius aufgezeichnet habe. Für Pozzato ist spätestens bei solchen Werten eine klare Grenze erreicht.
„Für mich kann man jenseits von 40 Grad nicht mehr fahren. Ich bin kein Arzt, aber es ist offensichtlich, dass Hochleistungsbelastung bei bestimmten Temperaturen nicht stattfinden sollte“, sagte er. „Wir haben gesehen, was Sinner in Paris passiert ist: Wollen wir wirklich, dass jemand stirbt?“
Die derzeitigen Regelungen hält Pozzato deshalb für inkonsequent. „Rennen werden wegen Kälte oder Regen abgesagt, aber nicht wegen Hitze. Dabei muss auch Hitze als Wetter-Notlage gelten.“
Seine Sorgen beruhen dabei keineswegs nur auf Beobachtungen aus seiner heutigen Rolle als Rennorganisator. Bereits während seiner eigenen Profikarriere erlebte Pozzato aus nächster Nähe, welche Gefahren extreme Temperaturen für Fahrer und Material mit sich bringen können.
„In Oman sind zum Beispiel an einem Tag allen auf einer Abfahrt die Schlauchreifen geplatzt, weil das Carbon geschmolzen ist, und damals hatten wir noch keine Scheibenbremsen“, erinnerte er sich. „Ich habe schon damals versucht, das Thema anzusprechen, aber niemand hat mir zugehört. Ich wiederhole: Wir arbeiten mit Ärzten zusammen, also lasst uns ein Protokoll definieren, das präzise Regeln festlegt.“
Frühere Startzeiten könnten eine pragmatische Lösung sein
Ein Lösungsansatz, der bei den jüngsten Rennen diskutiert wurde, besteht darin, Etappen um mehrere Stunden vorzuverlegen. Auf diese Weise könnten die Fahrer den anspruchsvollsten Teil des Rennens absolvieren, bevor die Temperaturen ihren Tageshöchststand erreichen. Pozzato verfügt inzwischen selbst über Erfahrung als Organisator und hält eine solche Anpassung technisch durchaus für umsetzbar.
„Technisch würde ich sagen ja. Im Grunde würde man alle logistischen Abläufe um drei oder vier Stunden nach vorne ziehen. Es könnte unbequem sein, wirkt aber nicht unüberwindbar“, erklärte er. „Der Tag hat weiterhin 24 Stunden: Wenn man früher startet, steht man früher auf, isst am Vorabend früher zu Abend und geht früher schlafen.“
Ein entscheidendes Hindernis lässt sich allerdings nicht allein durch eine veränderte Zeitplanung aus dem Weg räumen: die Zuschauer. „Das Problem, das ich sehe, betrifft das Publikum. Ich weiß nicht, wie viele Menschen um sechs Uhr morgens aufstehen würden, um den Start eines Radrennens anzuschauen.“
Die Diskussion beschränkt sich zudem längst nicht mehr ausschließlich auf einzelne Etappen. Angesichts des Klimawandels und damit einhergehender häufigerer und intensiverer Hitzewellen wird zunehmend die Frage aufgeworfen, ob der gesamte Radsportkalender neu gedacht werden müsste.
Pozzato hält eine grundlegende Verlegung der drei Grand Tours allerdings für kaum realisierbar. „Ich sage seit einiger Zeit, dass der Kalender reformiert werden muss, aber es ist nicht realistisch, alle drei Grand Tours als Ganzes zu verlegen“, sagte er. „Allenfalls könnte man sie um zehn Tage vorziehen oder nach hinten schieben, doch an den Temperaturen würde das kaum etwas ändern.“