Eddie Dunbar stand nur wenige Monate nach seinem Wechsel zum Pinarello - Q36.5 Pro Cycling Team kurz davor, seine Profikarriere zu beenden. Der Ire hatte im vergangenen Winter einen Zweijahresvertrag bei der Schweizer Mannschaft unterschrieben, doch eine erneute Serie schwerer Rückschläge ließ ihn zur Saisonmitte an seiner sportlichen Zukunft zweifeln. Die Hoffnung, noch einmal an die Weltspitze zurückzukehren, schien beinahe erloschen. Ausgerechnet bei der Vuelta a Espana, jenem Rennen, das seine Karriere wie kein anderes geprägt hat, gelang ihm schließlich ein emotionales Comeback mit einem weiteren Etappensieg.
Ausgangspunkt seiner Leidenszeit war ein Knöchelbruch Mitte März. Eine derart langwierige Verletzung bedeutet zu diesem Zeitpunkt der Saison in der Regel das Aus für die Frühjahrsklassiker und den Giro d'Italia. Auch eine Teilnahme an der Tour de France gerät dadurch schnell in Gefahr. Für Dunbar war nach drei Monaten ohne Training klar, dass er die Frankreich-Rundfahrt verpassen würde. Noch schwerer wog allerdings die Ungewissheit, ob er überhaupt jemals wieder sein früheres Leistungsniveau erreichen könnte.
Nach monatelanger Zwangspause: Dunbar kämpft sich erneut zurück
„Ich hatte drei Monate lang keine Rennen und auch einen großen Teil des Trainings verpasst. Deshalb dachte ich, dass es wahrscheinlich etwas zu früh wäre, die Saison nach der Vuelta einfach zu beenden“, erklärte Dunbar im Gespräch mit
Domestique. Statt seine Saison vorzeitig abzuschließen, entschied sich der Ire für eine weitere Rückkehr ins Renngeschehen. Am Samstag steht er deshalb auch bei der
Lombardei-Rundfahrt am Start.
Eddie Dunbar kämpfte sich nach monatelanger Verletzungspause eindrucksvoll zurück und feierte bei der Vuelta a Espana einen emotionalen Etappensieg. Zwischenzeitlich hatte der Ire sogar ernsthaft über ein Karriereende nachgedacht.
Bereits am Donnerstag hatte Dunbar beim Gran Piemonte sein Comeback im Peloton gefeiert. Auch diese Rückkehr war notwendig geworden, weil ihn unmittelbar nach seinem spektakulären Erfolg bei der Vuelta a Espana der nächste Rückschlag ereilt hatte: Nur einen Tag nach seinem Etappensieg brach er sich das Schlüsselbein. Doch erneut ließ sich der Ire nicht entmutigen. Bei der Lombardei-Rundfahrt will er nun seinen Teamkollegen Tom Pidcock beim letzten WorldTour-Eintagesrennen des Jahres unterstützen.
„Ich wusste, dass ich die gesamte Vuelta praktisch in den Beinen hatte, auch wenn ich natürlich die letzte Etappe verpasst hatte. Es war einfach wichtig, wieder aufs Rad zu steigen und anschließend Schritt für Schritt aufzubauen. Das Training lief gut. Rennen sind natürlich eine andere Geschichte, aber wir werden sehen, wie es mir geht.“
„Der Sieg machte es leichter“ – Wie Dunbar den nächsten Rückschlag verkraftete
Bemerkenswerterweise fiel es Dunbar nach seinem jüngsten Schlüsselbeinbruch leichter, mit der Verletzung umzugehen als bei früheren Rückschlägen. Der Grund dafür war nicht zuletzt der emotionale Etappensieg, den er unmittelbar zuvor gefeiert hatte. „Witzigerweise hat es die Sache leichter gemacht. Ich habe mir inzwischen schon ein paar Mal das Schlüsselbein gebrochen und wusste daher, dass es grundsätzlich schnell zu beheben ist. Der Sieg am Vortag machte es aber definitiv leichter, den Bruch zu akzeptieren. Ich versuchte, mich auf diesen Erfolg statt auf den Sturz zu konzentrieren. Das half bei der Genesung.“
Dabei hatte seine zweite Saisonhälfte zunächst alles andere als vielversprechend begonnen. Erst Anfang Juli kehrte Dunbar bei der Sibiu Cycling Tour nach seiner langen Verletzungspause ins Peloton zurück. Anschließend arbeitete er sich Schritt für Schritt in Richtung Vuelta a Espana. Dort wurde allerdings schnell deutlich, dass ein Angriff auf die Gesamtwertung nicht realistisch war. Stattdessen konzentrierte sich der Ire darauf, seine Chancen auf einzelne Etappensiege zu nutzen.
Was folgte, war einer der emotionalsten Momente seiner Karriere. Auf der 19. Etappe zum Alto de Estepona setzte sich Dunbar beinahe aus dem Nichts gegen Santiago Buitrago durch und triumphierte an einem der anspruchsvollsten Anstiege der gesamten Vuelta. Der Sieg kam selbst für ihn völlig überraschend. Noch wenige Monate zuvor hatte er während seiner Verletzungspause zu Hause mit düsteren Gedanken gekämpft und ernsthaft darüber nachgedacht, den professionellen Radsport endgültig hinter sich zu lassen.
„Ich würde sagen, dass ich irgendwann wahrscheinlich fertig war. Ich hatte die Entscheidung wohl für ein oder zwei Tage praktisch getroffen. Ich kann nicht beziffern, wie kurz ich wirklich davorstand, aber ich war sehr, sehr nah dran – so nah, wie man dem Karriereende wohl kommen kann“, gestand Dunbar rückblickend.
Umso größer ist nun das Selbstvertrauen, das er aus seiner außergewöhnlichen Rückkehr schöpft. „Innerhalb von drei Monaten konnte ich wieder ein Niveau erreichen, auf dem ich eine Etappe einer Grand Tour gewann. Das gibt mir enorm viel Selbstvertrauen für die kommenden Jahre. Die meisten Fahrer machen heutzutage selbst in der Saisonpause nur zwei oder drei Wochen Pause.“
Hochzeit statt Trainingsstress: Dunbar freut sich auf einen besonderen Winter
Nach den enormen körperlichen und mentalen Belastungen der vergangenen Monate kann Dunbar seiner sportlichen Zukunft inzwischen wieder deutlich zuversichtlicher entgegenblicken. Die erfolgreiche Rückkehr auf höchstes Niveau hat ihm nicht nur das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten zurückgegeben, sondern auch seine psychische Verfassung spürbar verbessert. Anders als noch im Frühjahr muss er sich vor der Saison 2027 keine grundsätzlichen Sorgen mehr um seine Leistungsfähigkeit machen. In der bevorstehenden Winterpause möchte er sich deshalb zunächst auf einen ganz besonderen persönlichen Meilenstein konzentrieren.
„Ich möchte im November heiraten, das wird in dieser Saisonpause also Vorrang haben. Im Winter bleibt noch genügend Zeit für den Aufbau. Deshalb werde ich eine normale Pause einlegen“, verriet der Ire.
Dabei betonte Dunbar, dass eine verletzungsbedingte Auszeit keineswegs mit echter Erholung gleichzusetzen sei. Gerade die vergangenen Monate hätten ihm gezeigt, wie anstrengend es sein könne, trotz fehlender Renneinsätze ständig an der eigenen Rückkehr arbeiten zu müssen. „Und obwohl ich in diesem Jahr eine längere Rennpause hatte, ist das mental keine Erholung, wenn man verletzt ist, sich zurückkämpft und wieder fit werden möchte. Man sitzt zwar nicht auf dem Rad, aber das bedeutet nicht, dass man entspannt ist. Deshalb werde ich jetzt einfach entspannen und die Hochzeit genießen.“